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© dpa Lupe
In der Berliner Mauer an der Bernauer Straße klafft eine 19 Meter lange Lücke.
Die Mauer ist weg
Einen Tag nach dem Mauerfall begann der Verkauf
Von der Berliner Mauer, dem einstigen Todesstreifen mit 167 Kilometer Länge, befinden sich heute nur noch ein paar hundert Meter in Berlin. Schon kurz nach dem Mauerfall verschwanden große Teile der Mauer quasi über Nacht. Als Kunstobjekte und Sammlerstücke wurden die Mauersegmente zu Höchstpreisen durch dubiose Firmen an zahlungskräftige Kundschaft in aller Welt verkauft -angeblich für Millionen Euro.
An der Bernauer Straße in Berlin wird die Mauer 20 Jahre nach ihrem Fall wieder aufgebaut. Der ehemalige Todesstreifen ist ein Fall für die "Archäologen" geworden. Man versucht zu retten, was noch zu retten ist. Schließlich soll Berlins zentrale Gedenkstätte so authentisch wie möglich werden. "Touristen sind ein ganz wesentlicher Punkt", erklärt Axel Klausmeier, Direktor der Stiftung Berliner Mauer. "Touristen fragten natürlich immer wieder: Wo war denn nun überhaupt die Mauer? In den meisten Teilen der Stadt kann man es überhaupt nicht mehr sehen." Dem Stiftungsdirektor sind gerade einmal 200 Meter Original-Mauer geblieben. Gerne hätte er mehr davon.

Vakuum in der Erinnerungs- und Gedenkkultur
© dpa Lupe
Axel Klausmeier (links) mit Kulturstaatsminister Bernd Neumann
"Es ist tatsächlich so", sagt Klausmeier, "dass auch das Land Berlin ein Vakuum erkannt hat in der Erinnerungs- und Gedenkkultur an die deutsche Teilung." Zum ersten Mal zeigt nun ein Buch, wo sie denn geblieben ist, die Berliner Mauer, und, warum sie überhaupt verschwand. Dafür besuchten die Macher der Bundesstiftung Aufarbeitung 125 Orte auf der ganzen Welt. Bei diversen Dienstreisen waren sie auf die unzähligen Mauersegmente aufmerksam geworden. "Was mich sehr überrascht hat bei den Recherchen", sagt Anna Kaminsky von der Bundesstiftung Aufarbeitung, "sind die vielfältigen Inszenierungsformen und -arten, die Mauerteile und Mauersegmente und ganze Mauerkonstrukte, die wir in der Welt gefunden haben."

Die USA scheinen mit heroischen Mauerdenkmälern gepflastert - ob vor der Reagan-Gedenkbibliothek oder der von George Bush. In Polen inszeniert ein Zahnarzt seine Mauer zwischen Trabi und Boxhandschuh. "In der Nacht vom 9. auf den 10. November 1989 fällt die Mauer und am 10. November gehen die ersten Anfragen bei der Regierung der DDR ein, ob man nicht Mauerteile kaufen kann", erklärt Kaminsky. Der DDR-Fotograf Kar-Heinz Kraemer war damals dabei. Normalerweise fotografierte er für verschiedenste Kombinate. Doch als die Mauer fiel, gab es plötzlich ein anderes Nummer-Eins-Produkt. "Das war irgendwann Anfang Dezember 1989", erinnert sich der Fotograf, "als ich abends angerufen wurde, ob ich am nächsten Tag einen Auftrag erfüllen könnte."

Am 10. November 1989 begann die Demontage
Kurz zuvor hatten die DDR-Grenztruppen damit begonnen, Mauerteile zu demontieren - mitten in der Nacht. Dort, wo die Mauer am farbigsten war, schlugen die Soldaten zu. Der selektive Abbau war eine geheime Kommandosache. Fotograf Kraemer musste jedes einzelne Segment fotografieren und mit einer Nummer versehen. "Da war so ein Feld und da wurden die Mauerteile abgestellt", so Kraemer, "praktisch als Zwischenlagerung. Und das waren über 100 Teile." Organisiert wurde der Mauerabbau von der DDR-Außenhandelsfirma Limex und einer obskuren Westberliner Agentur. Schließlich warteten an die 100 Mauerteile schwer bewacht und gesichert auf zahlungskräftige Kundschaft. Und für sie musste erst einmal ein edler Katalog her.

"Das ist der Katalog", zeigt Kraemer, "der zur Aufgabe hatte, diese Mauerteile vorzustellen und die Auktion zu befördern. Die einzelnen Elemente hatten alle eine Nummer, die dann zur Versteigerung aufgerufen wurden." Währenddessen kämpfte der Westberliner Pfarrer Manfred Fischer um die Mauerteile vor seinem Fenster in der Bernauer Straße. Auch sie sollten weg. Doch Fischer stellte sich in den Weg, brachte selbst Denkmalschutzschilder an und rettete sie. "Es ist oft so", erklärt Fischer, "dass, wenn man kein Erinnerungsstück hat, auch die Erinnerung weg ist. Und deshalb war für einige sofort klar, gleichzeitig mit dem Mauerabriss muss auch überlegt werden, dass ein Stück davon als Ort des Gedenkens erhalten bleibt."

"Die einzigen echten Steine außerhalb der DDR"
© Reuters Lupe
George W. Bush mit dem Mauerteil vor der Ronald Reagan Presidential Library in Simi Valley, Kalifornien
Das sah die DDR ganz anders. Nur wenige Wochen nach dem Mauerfall veranstaltete sie Auktionen, wie auf einem ehemaligen Flugzeugträger in New York beim einstigen Klassenfeind. Helge Möbus von der Firma Limex erklärte dort 1990: "Ich kann bestätigen, dass es in der gesamten Welt bisher noch keine anderen als die hier stehenden Steine gibt, die von uns autorisiert aus der Mauer sind. Es sind also die einzigen echten Steine außerhalb der Deutschen Demokratischen Republik." Es gäbe auch zahlreiche Briefe an die Regierung, die sagten, es könne nicht sein, dass Mauerteile verkauft würden, die von einer Grenze stammten, an der Menschen zu Tode gekommen sind, berichtet Anna Kaminsky. Es sei vielleicht gar nicht klar gewesen, "ob ein Mauerteil, das verkauft wird, der Todesort von jemanden ist." Die gleiche DDR-Regierung, die den Mauerbau als Kollektiv-Organ und den Schießbefehl zu verantworten hätte, hätte mit einem gewissen Zynismus gesagt: "Jetzt haben sich die Zeiten geändert, jetzt verkaufen wir das eben.", so Kaminsky.

Doch der Ausverkauf war nicht zu stoppen. Millionen wurden gezahlt und versickerten in dunklen Kanälen, und nicht, wie versprochen im DDR-Gesundheitssystem. Berlin ging leer aus. Weil der geschichtsträchtige Beton nun einmal weg ist, versucht sich der Direktor der Stiftung Berliner Mauer deshalb jetzt an einer eigenen Mauerkonstruktion."Der Verlauf der Mauer wird nachgezeichnet", erklärt Klausmeier anhand eines Planes, "und zwar aus Containerstahl-Streben. Hier ist die authentische Mauer und hier ist die Verlängerung der Mauer mit den Stäben. Sie sehen, dass sie noch nicht perfekt ist. Sie schwingt zu sehr und ist zu gefährlich. Wir müssen auch Verkehrssicherheit garantieren."

Die Berliner Mauer steht vor Autohäusern und Privatvillen auf der ganzen Welt. 125 Orten, Städte, Organisationen und Millionäre haben sich ihr eigenes Stück Geschichte gekauft - von der Berliner Mauer, die die DDR baute und klammheimlich in alle Welt verscherbelte.

Sendedaten
Kulturzeit: montags bis freitags,
um 19.20 Uhr
Schwerpunkt
© apBerliner Mauer
"Kulturzeit"-Schwerpunkt
Fotogalerie
© apGeteilte Stadt
Der Bau der Berliner Mauer
Buchtipp
Ronny Heidenreich, Anna Kaminsky
"Die Berliner Mauer in der Welt"
Berlin Story 2009
ISBN-13: 978-3868550238