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© ap Lupe
Das Attentat 1980 in München forderte etliche Todesopfer.
Die Oktoberfest-Bombe
Opfer wollen Wiederaufnahme der Ermittlungen
Es war einer der schwersten Terrorakte der deutschen Nachkriegsgeschichte: Am 26. September 1980 explodierte eine Bombe am Haupteingang des Münchener Oktoberfests. 13 Menschen starben, 211 wurden zum Teil schwer verletzt. Doch war der verurteilte Gundolf Köhler tatsächlich ein Einzeltäter? Die Bundesanwaltschaft hat nun - 34 Jahre danach - neue Ermittlungen angeordnet.
Am 11. Dezember 2014 vermeldete die Nachrichtenagentur AFP: Nach dem Auftauchen einer zuvor unbekannten Zeugin habe Generalbundesanwalt Harald Range das bayerische Landeskriminalamt beauftragt, sich wieder mit dem von vielen Zweifeln an einer Einzeltätertheorie begleiteten Fall zu befassen. Opferanwalt Werner Dietrich, der seit Jahren für eine Wiederaufnahme kämpfte, sprach von einem "großen Erfolg".

Doch warum wurde bislang niemals konsequent anderen Spuren nachgegangen? Warum sind die Asservate 1997 in einem nicht rechtskräftigen Verfahren vernichtet worden? Schon Tobias von Heymann recherchierte vor Jahren für sein Buch "Die Oktoberfest-Bombe" in Stasi-Unterlagen und kam zu dem Ergebnis, dass die Tat niemals die eines Einzelnen gewesen sein könne.

Täter starb bei Attentat
Lupe
Renate Martinez ist ein Opfer des Attentats
Renate Martinez gehört zu den damaligen Attentatsopfern. "Ich war bereits auf dem Nachhauseweg, als mich von hinten dieser Feuerstoß und die Druckwelle erreicht haben", erinnert sie sich. "Ich bin ein paar Meter geflogen und kam auf der Straße zum Liegen. Ich spürte schon, dass ich ein paar Verletzungen hatte." Renate Martinez war 34 Jahre alt, als sich ihr Leben von einem Tag auf den anderen veränderte. Sie hatte Pläne, wollte nach Afrika auswandern. Daraus wurde nichts.

Sie musste ein halbes Jahr im Krankenhaus verbringen, bis die ärgsten Verletzungen behandelt waren. 29 Jahre später bat sie zusammen mit anderen Opfern Rechtsanwalt Werner Dietrich, eine Wiederaufnahme der Ermittlungen zu erreichen. Denn damals, kurz nach dem Anschlag, galt Gundolf Köhler, ein 21-jähriger Geologiestudent mit Verbindungen in die rechte Szene, als Einzeltäter. Er starb bei der Explosion der von ihm gelegten Bombe.

Hat Köhler allein gehandelt?
Lupe
Rechtsanwalt Werner Dietrich
"Gundolf Köhler soll die Bombe alleine in Tübingen und in Donaueschingen gebaut haben", berichtete Rechtsanwalt Dietrich 2009 gegenüber Kulturzeit. "Dann soll er am Tattag einen negativen Bescheid, dass er eine Prüfung nicht bestanden haben soll, von der Universität Tübingen bekommen haben." Danach solle er eine selbst gebaute Bombe aus Allgemeinfrust, der sich durch die nicht bestandene Prüfung verstärkt habe, in seinem Fahrzeug nach München mitgenommen haben. Er habe sich nicht umbringen wollen, so Dietrich. "Er wollte die Bombe zünden und das ist schief gegangen."

Dass Köhler ganz allein gehandelt haben soll, erscheint vielen unwahrscheinlich. 1985 erschien das erste und wohl umfassendste Buch über das Attentat. Der Journalist Ulrich Chaussy hatte lange recherchiert, mit Zeugen, Bekannten und Freunden Gundolf Köhlers gesprochen. "Er war nicht so isoliert, wie es die Ermittler behaupten", so Chaussy. "Er hat beispielsweise eine längere Ferienreise mit dem Interrail-Ticket unternommen in der Zeit, in der er die Höllenmaschine gebaut haben soll, hat einen Ferienjob gemacht, Geld verdient. Er hat - für einen, der keine Perspektive hat, einen Bausparvertrag abgeschlossen. Ein 21-Jähriger investiert einen Teil seines Ferienjobgeldes in einen Bausparvertrag und zahlt eine Prämie ein. Er gibt eine Anzeige auf und schließt sich einer Rockband an. Das sind Fakten, die die Ermittler in ihren Schlussberichten nicht zur Kenntnis genommen haben."

Asservate vernichtet
Aber warum gilt Köhler als Alleinschuldiger? Warum wurde Aussagen von Zeugen, Köhler wäre mit anderen Männern am Tatort gewesen, kein Glauben geschenkt? Und warum wurden seine Verbindungen in die rechtsradikale Szene, zur paramilitärischen Wehrsportgruppe Hoffmann, nicht hinreichend untersucht? Weiterführende Erkenntnisse erhoffte sich Rechtsanwalt Dietrich durch eine Untersuchung der Beweismittel von damals, der Asservate, mit neuen kriminaltechnischen Methoden. Mittels DNA-Analysen hätten vielleicht weitere Tatbeteiligte ermittelt werden können. Doch die Bundesanwaltschaft teilt mit, dass sämtliche Asservate bereits 1997 vernichtet worden seien - ein äußerst ungewöhnlicher Vorgang.

"Es gab hunderte von Asservaten, wie gesagt, Sachbeweise, Leichenteile mit jeweiligen Aktennummern, die man ganz mühelos hätte heraussuchen, mit neueren Erkenntnissen abgleichen können", sagt Dietrich. "Wenn man das in diesem Fall nicht gemacht hat und im Gegenteil, diese Asservate sogar vernichtet hat, bleibt eigentlich nur der Schluss, dass man auf Gedeih und Verderb diese Einzeltäterthese unter Ausblendung rechter oder rechtsradikaler Hintergründe halten wollte, und Angst hatte, da schlummert vielleicht noch etwas oder da weiß man eventuell etwas, was schädlich sein könnte."

Doch an unerwarteter Stelle gab es Hinweise: Die DDR-Staatssicherheit - alarmiert durch die Beteiligung von Neonazis - sammelte akribisch Informationen über das Attentat und seine Aufklärung. Der Journalist Tobias von Heymann wertete sie aus und veröffentlichte sie in seinem Buch "Die Oktoberfest-Bombe". Durch Informanten in bundesdeutschen Behörden war die Stasi in kürzester Zeit detailliert informiert. In Ostberlin glaubte man nicht an einen Einzeltäter. Dagegen sprach schon die komplizierte Konstruktion der Bombe, die Köhler gezündet hatte. Die Stasi hatte sich bei westdeutschen Rechtsradikalen ein ähnliches Exemplar besorgt. "Für die Stasi hat sich nie die Frage gestellt, war Gundolf Köhler Einzeltäter, ja oder nein", so Heymann. "Für die Stasi war von Anfang an klar, Gundolf Köhler hat diesen Anschlag verübt, zusammen mit anderen, im Rahmen eines internationalen Terrornetzwerkes."

Geheime Kommandotruppe der Nato involviert
Ebenso wie der Attentäter Köhler gehörte auch ein gewisser Heinz Lemke zur Wehrsportgruppe Hoffmann, ein militanter Neonazi, der als Förster in der Lüneburger Heide arbeitete und dort ein riesiges, geheimes Waffenlager angelegt hatte - mit Zündern, Bomben, Granaten, Panzerfäusten. Dieser Heinz Lemke soll zu einer streng geheimen Kommandotruppe der Nato gehört haben, bekannt als "stay-behind" oder"Gladio".

"In der Tat haben sich bei den Unterlagen der Stasi sehr präzise Hinweise gefunden, dass unmittelbar dort, wo Lemke seine über 30 Waffenlager hatte, in diesem riesigen Gebiet, eine sogenannte Gruppe 27 des Bundesnachrichtendienstes, also eine sogenannte 'stay-behind'-Gruppe aktiv war", berichtet Heymann. "Mehrfach konnte das MfS-Funksprüche aufzeichnen, wo Pullach, also der Bundesnachrichtendienst, diese Gruppe 27 schon seit Mitte der 1970er Jahre aufgefordert hat, Materialverstecke anzulegen."

Dietrich: Wo sind die Waffen geblieben?
"Gladio" und "stay behind" waren zwei Namen für eine Geheimarmee der Nato. Die Mitglieder dieser Truppe sollten sich im Kriegsfall von den Truppen des Warschauer Paktes überrollen lassen und als Partisanen Sabotageakte verüben. Dazu rekrutierte man in den westeuropäischen Ländern vor allem konservative und sogar rechtsextreme Kräfte. In Deutschland waren diese Geheimkommandos dem Bundesnachrichtendienst unterstellt. "Da ergibt sich die Frage", so Rechtsanwalt Dietrich: "Wo sind die ganzen Waffen geblieben? Wer hatte darauf Zugriff und von wem kamen sie? Kamen sie aus Bundeswehrbeständen? Von der Polizei? Kamen sie von den Amerikanern? Das ist sehr interessant. Vielleicht kann man dann erklären, wie diese hochkomplizierte Bombe in die Hände von Gundolf Köhler gekommen ist?"

Am Ort des Anschlags erinnert heute ein Mahnmal an die Opfer des furchtbaren Terroranschlags von 1980. Noch immer stellen sich die Fragen nach den Hintermännern und Verwicklungen. Die Überlebenden haben ein Recht auf Antworten und vollständige Aufklärung.

Sendedaten
Kulturzeit: montags bis freitags,
um 19.20 Uhr
Kulturzeit-Gespräch mit ...
Ulrich Chaussy, Journalist und Autor
(12.12.2014)
ZDFmediathek
"Neue Ermittlungen zu Wiesn-Attentat"
"heute journal"-Beitrag vom 11.12.2014
Buch
Tobias von Heymann
"Die Oktoberfest-Bombe. München, 26. September 1980"
Nora-Verlag 2008
ISBN-13: 978-3865571717
Buch
Ulrich Chaussy
"Oktoberfest ein Attentat"
Luchterhand 1989
ISBN-13: 978-3630880228