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Die Stasi kämpfte mit allen Mitteln gegen "feindlich-negative Kräfte" in der DDR. Eines der Opfer ist Kerstin Elies, deren berufliches Leben die Stasi zerstörte
Subtiler Terror
Die Opfer von Stasi-Zersetzungsmethoden
Rund vier Milliarden Euro an Renten zahlt der deutsche Staat jährlich für ehemalige SED-Kader und Stasi-Mitarbeiter. Für die 48.000 Opfer der Stasi gibt er dagegen nur etwa 100 Millionen Euro für SED-Opferrenten pro Jahr aus. Dabei erhalten nur diejenigen Stasi-Opfer eine Entschädigung, die mindestens sechs Monate in Haft waren. Sogenannte Zersetzungsopfer erhalten noch immer nichts. Sie sind Opfer ohne Lobby.
Ein unscheinbarer Ort im Osten Berlins ist Ausgangspunkt eines lebenslangen Traumas für Kerstin Elies. Mit 16 Jahren schreibt sie auf eine Säule: "Demokratie ist das Recht auf eigene Entscheidung." Nachbarn denunzieren sie. Das SED-Regime rächt sich für den systemkritischen Satz mit subtilem Terror. Bis heute fällt es Kerstin Elies schwer, darüber zu sprechen. "Das ist für mich ein sehr trauriges und bedrückendes Gefühl", sagt Elies. "Es wissen nur sehr wenige Menschen, dass das hier der Ausgangspunkt für einen ganz verformten Lebenslauf gewesen ist. Und einige, die es wissen, sagen: 'Kannst du es nicht vergessen?' Aber ich kann es nicht vergessen, es prägt mich bis heute."

Die Stasi zerstört den beruflichen Werdegang
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Rekonstruktion von Zersetzungsplänen der Stasi
Die Erinnerung an den Sommer 1981 lastet schwer auf ihr. Sie wird verhaftet, verhört und wegen Herabwürdigung der DDR angeklagt. Zwar bekommt Elies "nur" einen Tadel, doch die eigentliche Strafe folgt lautlos. Sie fliegt von der Schule, darf kein Abitur mehr machen und kein Studium. Auf Bewerbungen erhält die begabte junge Frau nur Absagen, bekommt Hilfsjobs zugewiesen. Es folgen Depressionen, Selbstmordgedanken. Kerstin Elies wollte einmal Kunst studieren - heute arbeitet sie als Pflegekraft auf einer Demenzstation in Schwerin.

"Das Schlimme war, dass es in all diesen Ablehnungen für mich nicht erkennbar war, dass es einen Zusammenhang gab. Es war niemand zur Verantwortung zu ziehen, außer mir selbst. Ich fühlte zwar einen Zusammenhang, aber wenn man verarbeitet, dass man an allem Scheitern selbst schuld ist, dann setzt sich das fest. Ich weiß es aber heute aus meinen Akten, dass beispielsweise an der Entscheidung des Magistrats über meine weitere Schullaufbahn der Staatsanwalt beteiligt war. Eine Haftstrafe wäre klarer gewesen, aber so hatte ich das Gefühl, ein falsches Leben geführt zu haben." Das Ziel der Zersetzungsmaßnahmen sei gewesen, "die Menschen in eine Lebenskrise zu stürzen oder sie zu verunsichern, dass das Selbstbewusstsein zerstört wird, also ganz tiefgreifende psychische Veränderungen", erkärt die stellvertretende Landesbeauftragte für die Stasi-Unterlagen Mecklenburg-Vorpommern, Anne Drescher. "Das wirkt bis heute nach."

Die Aufarbeitung ist ein mühseliger Prozess
20 Jahre nach der friedlichen Revolution wird das Ausmaß dieses zermürbenden Terrors erst langsam deutlich. Nach Schätzungen sind etwa 5000 Menschen Opfer geworden. Die Aufarbeitung ist ein mühseliger Prozess. Viele DDR-Bürger erfahren erst jetzt aus ihren Akten, dass sie betroffen waren. Eine interne Richtlinie der Stasi legte die Methoden der Zersetzung fest. Durch "die systematische Organisation beruflicher und gesellschaftlicher Misserfolge und die Untergrabung des Selbstvertrauens einzelner Personen" wollte das Regime "feindlich-negative Kräfte" ausschalten, ohne sie dabei zu inhaftieren. Im Rahmen des sogenannten politisch-operativen Zusammenwirkens waren daran zahlreiche DDR-Behörden beteiligt.

Staatschef Honecker führte Ende der 1970er Jahre diese perfide Form des Strafens ein. Um ökonomisch zu überleben, benötigte die DDR internationale Anerkennung. Offener Justizterror war nun nicht mehr möglich. Das Ziel der konspirativen Maßnahmen der Stasi war die lautlose Zerstörung des Einzelnen. Eine unheimliche Macht sorgte für Paranoia im Volk. Überwachen und Zersetzen: Die Richtlinie empfahl den Stasi-Mitarbeitern dabei "schöpferisch" vorzugehen. Die Mehrheit der Opfer leidet noch immer an den verheerenden Folgen dieser anonymen psychischen Gewalt.

Enttäuschte Hoffnung auf Gerechtigkeit
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Der Traumaforscher Harald Freyberger
"Wie bei allen Traumastörungen ist es so, dass die Scham über das Erlittene die Münder verschließt und das die Inanspruchnahme gegenüber Therapie und expressive Techniken herabsetzt. Das ist die Tragik der Opfer", sagt der Psychotherapeut und Traumaforscher Harald Freyberger. Er fordert mehr öffentliches Bewusstsein. Die Spätfolgen von Zersetzungsmaßnahmen seien ähnlich gravierend wie bei Holocaust-Überlebenden, sagt er. Genau wie nach dem Ende der Nazi-Diktatur wurden auch nach der Deutschen Einheit nicht alle Täter verurteilt. Die enttäuschte Hoffnung auf Gerechtigkeit habe daher zu einer Retraumatisierung der Betroffenen geführt.

"Man hat ihre berufliche Karriere beschädigt", sagt Freyberger. "Man hat ihre Ehe torpediert und ihre Kinder gegen sie aufgebracht. Die Opfer recherchieren das mühsam und kommen dann zu einem Konzept, dass die DDR-Diktatur ihre Biografie beschädigt hat. Und dann sehen sie, wie die Täter öffentlich auftreten und in Ämter kommen, wie sich im Grunde die Matrix wiederholt, die sie aus den alten Zeiten kennen." Die Opfer sehen sich im Abseits. Ihr Leid war bislang weder politisch anerkannt, noch finanziell entschädigt.

"Die Opfer dürfen nicht vergessen werden"
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Bundestagsabbeordneter und Stasi-Opfer Markus Meckel
Der Bundestagsabgeordnete Markus Meckel will das ändern. Er selbst ist auch ein Opfer: In den 1980er Jahren leitete der Pastor einen Friedenskreis in Mecklenburg-Vorpommern. Dadurch geriet er ins Visier der Stasi. Eine Foto-Montage sollte seinen Ruf zerstören: Die Stasi hängt Nacktfotos vom ihm mit einer fremden Frau in seiner Gemeinde auf. Die Aufarbeitung der DDR-Geschichte beginnt mit der materiellen Entschädigung der Opfer, sagt Meckel heute: "Es ist wichtig, um den Opfern ihre Würde wiederzugeben und um ihnen wieder gesellschaftliche Anerkennung zu zollen. Dies ist verbunden mit der Bewertung dieser totalitären Diktaturen, wenn wir deutlich machen, was es für Systeme waren. Dann gehört auch zusammen, dass wir an die Opfer denken und uns nicht in der Diskussion auf die Täter konzentrieren. Die Opfer dürfen nicht vergessen werden. Wir dürfen die Chance nicht verlieren, ihnen noch zu Lebzeiten die notwendige Anerkennung zuteilwerden zu lassen."

Ein brutaler Machtapparat wollte Kerstin Elies' Seele zerstören. Nur die Aufarbeitung ihrer Geschichte hilft ihr, über dieses Trauma hinwegzukommen. Die Gesellschaft darf sie dabei nicht alleine lassen.

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