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© dpa Lupe
Einzigartige Kulturstätte Hasankeyf - bedroht von einem Staudamm-Projekt
Rettet Hasankeyf!
Künstler protestieren gegen Ilisu-Staudamm
Die antike Stadt Hasankeyf ist in Gefahr. Jahrhundertelang war sie eine Hochburg der assyrischen, christlichen und kurdischen Kultur in der Türkei. Nun soll sie in Wassermassen untergehen. In der Wiege der Menschheit, wo Euphrat und Tigris entspringen, sollen 23 Staudämme gebaut werden. Der größte ist der Ilisu-Staudamm. Mehr als 60.000 Menschen müssen den Wassermassen weichen.
Ungeachtet aller Proteste legte Ministerpräsident Erdogan 2007 feierlich den Grundstein für den Staudamm. Doch Erdogan hat inzwischen prominente Kontrahenten. Berühmte Künstler und Schriftsteller machen für den Erhalt der historischen Stadt mobil, wie etwa der Literaturnobelpreisträger Orhan Pamuk, der Friedenspreisträger des Deutschen Buchhandels, Yasar Kemal, oder Regisseur Fatih Akin.

Vor allem macht sich der bekannteste Popsänger der Türkei, Tarkan, für Hasankeyf stark. Demonstrativ eröffnete er hier ein Büro eines Umweltverbands, der für den Erhalt der Stadt kämpft. Auch bei seinen Konzerten kritisiert Tarkan das Megastaudammprojekt. Er hat sogar ein Lied für Hasankeyf geschrieben, es heißt "Wach auf" - ein Plädoyer für den Umweltschutz. Kein Verständnis hat Tarkan dafür, dass Deutschland Kreditbürgschaften für den Ilisu-Staudamm geben will. "Wenn ein solcher Kulturschatz wie Hasankeyf in Deutschland stünde, würden die Deutschen es niemals zulassen, dass ein Staudamm ihn zerstört", sagt er. "Es macht mich traurig, dass die Wirtschaftsinteressen eine solche Stadt in Gefahr bringen, eine Stadt, die ein wertvolles Kulturerbe ist und geschützt werden muss."

Einzigartige Monumente
Seit 10.000 Jahren leben hier Menschen. Hasankeyf war sogar die Hauptstadt eines seldschukischen Minireiches noch vor den Osmanen. Hier gibt es einzigartige Monumente. Das Grab von Zeynel Bey aus dem 15. Jahrhundert ist zum Beispiel das einzige Exemplar mongolischer Baukunst in Anatolien. Die einmaligen Verzierungen an den Minaretten, Moscheewänden und Kuppeln sind die wohl besterhaltenen ihrer Art. Überhaupt ist Hasankeyf für Archäologen ein Juwel. Dabei ist vieles noch nicht einmal ausgegraben.

"Seit zehn Jahren bitten wir die türkische Regierung, Hasankeyf als Unesco-Weltkulturerbe vorzuschlagen", berichtet Professor Zeynep Ahunbay vom Internationalen Rat für Denkmalpflege in der Türkei (Icomos). "Das macht sie aber mit Absicht nicht, weil sie sonst den Staudamm nicht bauen könnte. Nun soll die antike Stadt in einem Stausee versinken. Dabei ist es ein archäologisches Schutzgebiet, und ihre Überschwemmung wäre eigentlich ein Verstoß gegen türkische Gesetze.“ Das sehen auch manche Juristen so. Die Hasankeyf-Bewohner, etwa 3000 Menschen, werden neben den Künstlern auch von freiwilligen Anwälten unterstützt. Sie sind inzwischen gegen die türkische Regierung vor Gericht gezogen.

Verfahren gegen Regierung eingeleitet
"Um Hasankeyf zu retten, haben wir gegen die türkische Regierung ein Verfahren eingeleitet", berichtet die Rechtsanwältin Vecdet Darin. "Nun müssen wir den Ausgang abwarten. Falls das türkische Gericht unser Gesuch ablehnen sollte, werden wir uns wegen der geplanten Zwangsumsiedlungen an den Europäischen Gerichtshof für Menschenrechte wenden."

Deutschland wird voraussichtlich aus der Finanzierung aussteigen. Die Proteste haben offenbar gewirkt. Mit oder ohne deutsche Beteiligung - die türkische Regierung in Ankara ist fest entschlossen, den Staudamm zu bauen. "Manchmal wundere ich mich über die Europäer“, sagt der türkische Vizeministerpräsident und Regierungssprecher Cemil Cicek. "Sie tun so, als ob sie eine Weiße Weste hätten. Dabei weiß man, wie viele Menschen sie in den beiden Weltkriegen getötet und wie viele Kulturdenkmäler sie zerstört haben. Ich höre mir ihre Kritik an, aber ich weiß auch, dass ihre Vergangenheit ihnen kein Recht gibt, uns zu belehren."

Harte Töne, auch gegenüber den protestierenden Künstlern. Der Umweltminister hat Tarkan und Co. sogar als "Schädlinge des Vaterlands" bezeichnet. Doch die Künstler geben nicht auf.

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