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Susan Sontag hatte noch viel vor, als sie 2004 mit 71 Jahren starb.
Grande Dame der US-Literatur
Zum 85. Geburtstag von Susan Sontag
Sie war eine Meisterin von Unabhängigkeit und Provokation. Schon in den 1960er Jahren trat die hochbegabte Autorin Susan Sontag ihren Landsleuten auf die Füße, als sie erklärte, die "weiße Rasse" sei der Krebs der Geschichte und die USA "auf Völkermord gegründet". Doch am lautesten war der Aufschrei, den ihre Äußerungen zu den tieferen Ursachen der Terroranschläge am 11. September 2001 auslöste. Am 16. Januar 2018 wäre die Schriftstellerin und Kulturtheoretikerin, die 2004 starb, 85 Jahre alt geworden.

Ikone von Amerikas Linken
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Susan Sontag - unbestechlicher Blick auf den Menschen
Die Intellektuelle Sontag hatte es immer verstanden, sich ihre Unabhängigkeit zu bewahren. Sie galt als Ikone von Amerikas Linken, setzte sich aber bewusst von ihnen ab. Sie sah sich nicht als Pazifistin, den Bosnien-Krieg fand sie "überfällig". Beim Empfang des Jerusalem-Preises im Mai 2001 scheute sich die streitbare Amerikanerin nicht, Kritik am Gastgeber Israel zu üben. Sie sei eine "unbeugsame Humanistin" sagte die Frankfurter Oberbürgermeisterin Petra Roth über Susan Sontag, als sie 2003 den Friedenspreis des Deutschen Buchhandels erhielt. In einer Welt der gefälschten Bilder und der verstümmelten Wahrheiten trete die US-amerikanische Essayistin "für die Würde des freien Denkens ein", hieß es damals, im Jahr des Irakkriegs, in der Begründung des Stiftungsrates. Der US-Botschafter aber war dem Festakt in der Paulskirche demonstrativ fern geblieben.


Romane, Essays, Filme
Für ihren Roman "In Amerika" erhielt Sontag im Jahr 2000 den National Book Award, einen der höchsten Buchpreise der USA. In jenem Jahr erschien in Deutschland auch ihr vielbeachteter Band "Das Leiden anderer betrachten". In ihrem Essay beleuchtet Susan Sontag die Frage, was Bilder des Leids auslösen: "Manche Leute haben lange geglaubt, wenn man das Grauen nur anschaulich genug darstelle, würden die meisten Menschen die Ungeheuerlichkeit und den Wahnsinn [...] schließlich begreifen", so Sontag. Ihr erster Roman, "The Benefactor" ("Der Wohltäter"), war 40 Jahre zuvor erschienen. Doch er fand weniger Beachtung als Sontags Essays, die von 1962 an in avantgardistischen Kunst- und Literaturzeitschriften erschienen.

1967 lag ihr zweiter Roman, "Death Kit", vor. 1992 folgte der dritte, "The Volcano Lover" ("Liebhaber des Vulkan"). Zwischendurch drehte Sontag Filme wie "Duet For Cannibals" in Schweden oder auch "Zwillinge" ("Brother Carl") und inszenierte Theaterstücke, darunter Samuel Becketts "Warten auf Godot" im zerstörten Sarajewo von 1992.

Kurz nach der Verleihung des Friedenspreises des Deutschen Buchhandels 2003 erkrankte Sontag an Leukämie. In seinem bewegenden Buch "Tod einer Untröstlichen" schildert ihr Sohn David Rieff ihre letzten Monate. Er beschreibt, wie sie immer weiter gegen eine Krankheit anstürmte, die unüberwindlich blieb. Susan Sontag starb am 28. Dezember 2004 mit 71 Jahren: "Ich habe noch so viele Dinge, die ich machen muss, wenn ich die nicht schaffe, werde ich mir nie vergeben können", sagte sie noch kurz vor ihrem Tod.

Sendedaten
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