Filmfestival
Cannes 2012
Das Filmfestival an der Croisette
65 Jahre alt - und noch immer das Maß aller Dinge in der Welt des Kinos: die Internationalen Filmfestspiele von Cannes. Unterhaltsam und zugleich kritisch berichtet "Kulturzeit extra" über Stars, Trends und die Filme, die an der Cote d'Azur für Furore sorgen. Filme über die verschiedenen Spielarten eines Gefühls: Die Liebe ist ein großes Thema im Wettbewerb von Cannes 2012.
Michael Hanekes "Amour" ist ein konsequenter Film. Er begleitet einen Alten, Georges, gespielt von dem wunderbaren Jean-Louis Trintignant, beim Versuch, die Würde seiner schwerkranken Frau Anne - großartig: Emmanuelle Riva - gegen die Umwelt und auch gegen die eigene Tochter zu verteidigen. Alles an diesem Film ist dicht und nuanciert: die Versenkung in ein Buch, die Musik, eine Geschichte aus Kindertagen. Georges und Anne sind ein alterndes Paar, dessen Leben aus dem Takt gerät. Die Krankheit ist hier ein unwägbares Schicksal, die Liebe überrascht mit einem Ausmaß an Zärtlichkeit. Der Film "Amour" wirkt lange nach, weil er uns mit unserer eigenen Sterblichkeit konfrontiert.
Eine ganze Palette an Erinnerungen kommt einem in den Sinn, wenn der Name Alain Resnais fällt. Er ist ein Gigant des französischen Kinos, der seine Schauspieler, aber auch das Theater liebt. 15 der wichtigsten französischen Schaupieler treten in seinem Werk "Vous N'avez Encore Rien Vu" auf. Sie erhalten einen Anruf, ein Freund sei gestorben, der sie alle noch einmal in seinem Haus versammeln möchte. Und sie alle haben in verschiedenen Aufführungen seines Stückes "Eurydice" gespielt. Film und Theater werden eins. Die Erinnerung übernimmt die Regie, wenn die Akteure in ihre alten Rollen zurückfallen und sich zu den Paaren zusammenfinden, die sie einst waren. Es ist ein Spiel, mehr nicht.
Wo andere lieber wegschauen, focussiert er seinen Blick: der Österreicher Ulrich Seidl, ein Extremfilmer. Er sorgte mit "Paradies: Liebe" in Cannes für eine kleine Kontroverse. Emotionale Verkümmerung ist sein großes Thema und er stellt eine 50-jährige übergewichtige Frau in den Mittelpunkt, die als Sex-Touristin ihren Urlaub in Kenia verbringt. Die Angst vor dem Fremden sitzt tief, aber es gibt neben erschreckenden auch berührend zärtliche Momente. Seidls Film stellt in nackten weißen und schwarzen Körpern auch die nackten Seelen aus. Das kann man hässlich und irritierend finden, aber Seidls Mitgefühl überrascht.
Cannes goes Hollywood - auch 2012 verneigt sich das Festival vor dem US-amerikanischen Kino. Der Eröffnungsfilm "Moonrise Kingdom" von Wes Anderson geht zurück ins Jahr 1965. Feinfühlig und klug wird die Geschichte einer ersten Liebe erzählt: Sam und Suzy, beide zwölf Jahre alt, verlieben sich, brennen durch und erleben in einer virtuos konstruierten Kunstwelt echte Gefühle, wenn sie als Seelenverwandte zueinander finden. Alles wirkt ein wenig traurig, aber zugleich märchenhaft und komisch, voller verrückter Details mit Stars wie Bruce Willis, Bill Murray und Tilda Swinton in den Nebenrollen. Wie immer bei Anderson, geht es auch um die Kunst an sich und um den Blick zurück - ein Gegenstück zu den großen Studioproduktionen von Hollywood und ein Versprechen auf ein widerständiges Autorenkino.
Ein starker Film kommt von dem "Sundance"-Gewinner Regisseur Benh Zeitlin, der in der Reihe "Un Certain Regard" läuft: "Beasts of Southern Wild" stellt die kleine Hushpuppy vor, die mit ihrem Vater in der Wildnis eines Fantasie-Südstaatengebietes lebt, das zu überfluten droht. Der Vater versucht die Sechsjährige fit für das Überleben zu machen, denn er selbst ist todkrank - eine rührende Geschichte voller überwältigender, fantastischer Bilder und eine Entdeckung, denn es ist Zeitlins erster Film überhaupt.
Genrekino dagegen gibt es im Wettbewerb: Andrew Dominik stellt mit "Killing Them Softly" einen Thriller vor, der die US-Wirtschaftskrise aus der Perspektive des Killergewerbes sieht. Was soll aus einem Land werden, in dem nicht einmal Hitmen Trinkgeld geben? Gangsterfilme, so Dominik, handeln immer vom Kapitalismus. Und so rauben drei Kleinkriminelle ein illegales Casino aus. Der auf den Fall angesetze Killer, gespielt von Brad Pitt, kennt die Regeln, nach denen das Geldsystem funktioniert. "Killing Them Softly" ist stilistisch einwandfrei inszeniert, mit kleinen Drogenrausch-Effekten, Zeitlupen und Spiegelungen - und mit Brad Pitt in Höchstform.
Ken Loach zählt neben Kiarostami, Michael Haneke und Cristian Mungiu bereits zu den vier Gewinnern der "Goldenen Palme", die 2012 erneut um den renommierten Filmpreis konkurrieren. In seiner Sozialkomödie "The Angels's Share" geht es um einen Jungen aus kriminellen Verhältnissen, der zwar intelligent ist, aber Probleme mit Gewaltausbrüchen hat: Robbie schlägt gern zu. Am Ende bekommt er eine Chance, die er clever für sich zu nutzen weiß. Und die Botschaft des Regisseurs ist ganz einfach: dass man gelegentlich nur mit einem kleinen Betrug wieder anständig werden kann.
Das britische Kino überzeugt 2012 vor allem mit Newcomern. Der Regisseur Ben Wheatley wandelt mit seinem zweiten Film "Sightseers" auf Spuren von Quentin Tarantino, schwankt zwischen drastischem Realismus und fantastischen Elementen. Ein neurotisches Paar lebt in seinem Werk seine Gefühle in Gewaltorgien aus, bringt planlos und schonungslos Menschen um. "Sightseers" ist ein verstörender Film, der lange nachhallt. Auch der Londoner Musiker Plan B, der eigentlich Ben Drew heißt, bekannt als jugendlich wütender Rapper, hat sich als Filmemacher versucht. Herausgekommen ist eine wilde Low-Budget-Produktion, die im britischen Drogen-, Prostitutions- und Gewaltmilieu spielt, durchzogen von viel schwarzem Humor. Ein starker Einstieg.
"Beyond The Hills", der Beitrag des rumänischen Regisseurs Cristian Mungiu, greift als Thema einen tödlich endenden Exorzismus auf. Im Mittelpunkt steht die intime Freunschaft zweier junger Frauen, die durch ihre Kindheit in einem Waisenhaus aneinander gebunden sind. Die eine ist inzwischen Nonne in einem orthodoxen Kloster, die andere lebt in Deutschland und will die geliebte Freundin dorthin mitnehmen. So wie sich die eine gegen klösterliche Denkverbote, gegen die Körperfeindlichkeit, gegen Gott wehrt, so kann die andere sich nicht von den klösterlichen Mauern befreien. "Beyond The Hills" thematisiert Fragen des Glaubens und des Zweifelns - und den Umgang mit Außenseitern.
Walter Salles, der mit Filmen wie "Die Reise des jungen Che" bekannt wurde, legt in Cannes mit "On The Road", nach dem gleichnamigen Roman von Jack Kerouac, ein Roadmovie vor. Die Figuren reisen mit dem Auto, per Bus oder auch per Anhalter durch die USA, es geht nach Denver, New York und San Francisco und wieder zurück. Wo der Roman aber fast ohne Punkt und Komma auskommt und geradezu atemlos erzählt, bewegt sich der Film eher schleppend voran. "On The Road" zeigt schöne Landschaften, aber keine Figur, die fesselt - und so springt auch der Funke nicht über.
Sendedaten
"Kulturzeit extra: Cannes Film Filmfestival 2012"
Montag, 28.05.2012
um 19.15 Uhr auf 3sat