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Jochen Gerz will die Grenze zwischen Künstler und Betrachter aufheben.
Ein bewegtes Leben: Jochen Gerz
"Kulturzeit extra" zum 70. Geburtstag des Künstlers
Sein neuestes Projekt "2-3 Straßen. Eine Ausstellung in Städten des Ruhrgebiets" ist Teil des Programms zum Europäischen Kulturhauptstadtjahr "Ruhr 2010". Am 4. April wird Jochen Gerz 70 Jahre alt. Ein "Kulturzeit extra" zeichnet das bewegte Leben des Künstlers nach.
Jochen Gerz ist einer der bedeutendsten Künstler der Nachkriegszeit mit einem riesigen Lebenswerk: Bücher, Kataloge, Sammelbände, von Jochen Gerz, mit Jochen Gerz, über Jochen Gerz. Literatur, Fotografie und Videos, Installationen, Performance, Konzeptkunst. Ob er jemals Künstler werden wollte? "Das wäre, als hätte ich beschlossen, Dressurreiter zu werden“, sagt Gerz lachend. Geboren 1940 in Berlin, wächst er im Krieg auf. Nach einem Bombenangriff spricht er ein Jahr lang kein Wort. Die Bilder der Evakuierung werden ihm nie aus dem Kopf gehen: "So viele Menschen im Zug", erzählt er, "und alle starren auf die brennenden Häuser". Diese Erinnerungen prägen ihn: "Es bedrückt mich bis heute, wenn viele Menschen das Gleiche sehen", sagt er. "Ich bin auch kein Spezialist fürs Kino."

Handeln statt Zuschauen
Handeln statt Zuschauen - das ist die simple Philosophie des Jochen Gerz. Er hat sein Studium abgebrochen, nie eine Kunstakademie besucht und doch bis heute an mehr als 70 Hochschulen weltweit gelehrt. Er erlebt die 68er in Paris und schreibt Texte, doch er merkt, dass er kein Schriftsteller ist. Es entstehen erste Videos, konkrete Poesie, Aktions- und Konzeptkunst: Gerz will die Grenze zwischen Künstler und Betrachter aufheben, die Menschen mit einbeziehen in seine Arbeit. "Eine demokratische Gesellschaft braucht eine demokratische Kunst", sagt er.

Lupe
1974 entsteht "EXIT / Das Dachau Projekt". Mit der Installation kritisiert er deutsche Erinnerungskultur - und wird dafür heftig angegriffen. Doch seine Arbeiten regen zum Nachdenken an. Gerz wird in der Kunstszene berühmt: 1976 vertritt er auf der Biennale die deutsche Kulturnation. Ein Jahr später lädt man ihn zur documenta 6, der größten Kunstschau, die es je in Deutschland gab. Wieder irritiert er mit seinem Beitrag: einer Reise im Transsibirien-Express, von der niemand etwas sieht. Er hat die Fenster des Zugs verdunkeln lassen, hinterher alle Belege vernichtet. Was man nicht sieht, das muss man denken, so Gerz. Eine Installation von ihm heißt "Doch die schönsten Bilder sind die unsichtbaren".

Aktionskunst, die Denkräume schafft
Zunehmend lässt Gerz andere für sich sprechen: In Hamburg-Harburg entsteht in den 80er Jahren sein Mahnmal gegen Faschismus, eine Säule, in die jeder sein Statement einritzen darf. Im Streit um das Holocaust-Mahnmal in Berlin hat er den Förderkreis auf seiner Seite, scheitert jedoch, wohl am Veto des Kanzlers Kohl. Gerz ist ein Kritiker der Museumskultur, verweigert das bequeme Betrachten bis heute. Im Kulturhauptstadtjahr 2010 lässt er im Ruhrgebiet 78 Menschen ein Jahr lang mietfrei wohnen. Ihre Gegenleistung: Sie schreiben einen gemeinsamen Text. Seine Kunst ist nichts für die Ewigkeit, keine Monumente sind keine fertig gemalten Bilder. Es ist Mitmachkunst, Aktionskunst, die Denkräume schafft, pure Gegenwartskunst. Jochen Gerz hat die Kunst belebt wie kaum ein anderer.

Sendedatum
"Ein bewegtes Leben: Jochen Gerz"
"Kulturzeit extra" zum 70. Geburtstag des Künstlers
Samstag, 03.04.2010
um 19.20 Uhr auf 3sat
Projekt
© dpa"2-3 Straßen"
Neue Heimat Mülheim - Mietfreies Wohnen als Kunstprojekt
Mediathek
VideoJochen Gerz - Kulturzeit-Beitrag von Benjamin Hensler vom 30.03.2010