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Florian Slotawas Modell "Pier and Ocean"
Stations: Florian Slotawa
Meisterwerke zeitgenössischer Kunst: 47
Der 37-jährige Künstler Florian Slotawa ist einer, der sich nur schwer einordnen lässt. Seine Skulpturen sind flüchtig, und wenn er sie verkauft, dann bleiben sie doch immer in seinem Besitz. Damit macht er es Sammlern und Museen schwer, Werke von ihm zu kaufen oder auch nur auszustellen. Wir stellen sein rätselhaftes Werk "Mannheimer Bestandsaufnahme" vor.
Für sein Kunstwerk "Mannheimer Bestandsaufnahme" aus dem Jahr 2002 zählte der Künstler seinen gesamten Besitz auf einer Liste zusammen und hielt jeden Gegenstand mit der Kamera fest, bevor er sich von ihm trennte. Für immer. Auf der Liste: Gegenstände, durchnummeriert von 1 bis 92. Es ist die Geschichte eines Abschieds.

Die Kamera des Künstlers verwandelt den Küchentisch aus der "Mannheimer Bestandsaufnahme" in ein Objekt von überirdischer Schönheit. "Die Sachen wurden temporär zum Material für Skulptur", erklärt Slotawa, "und sind nach der Ausstellung wieder zurück in die Wohnung gekommen, wo ich sie dann weiterwendet habe in ihrem Alltag. Das heißt, der Kühlschrank ist zuhause Kühlschrank, kommt ins Museum, wird zum Material für Skulptur, kommt wieder zurück nach Hause und wird weiterverwendet. Die Gegenstände zirkulieren zwischen Alltagsgebrauch und der Verwendung für Kunst."

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Florian Slotawa sitzt vor dem Foto seines Esstisches.
Mit Miniaturen seiner Möbel im Maßstab 1:10 plant der Künstler die Skulpturen. Das Modell für das Werk "Pier and Ocean" kommt gerade von einer Ausstellung in New York zurück. Sind seine Möbel auf Reisen, werden sie nicht etwa durch andere ersetzt. Der Künstler lebt notgedrungen oft monatelang ohne sie. "Besitzarbeiten" nennt Florian Slotawa dieses radikale Kunstkonzept.

Bedingungslose Entscheidung für die Kunst
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Jeder persönliche Gegenstand wird verkauft.
"So radikal ist das nicht", sagt der Künstler. "Meine Großeltern haben den Krieg überstanden, damals alles verloren und es auch überstanden. Ich denke, wenn man nicht bereit wäre, etwas Radikales zu machen, dürfte man eigentlich keine Kunst machen. Oder andersherum: Die Entscheidung, Kunst zu machen, ist an sich schon einmal eine radikale, und wenn man dazu nicht bereit ist, dann sollte man besser etwas anderes machen." Die Entscheidung für die Kunst ist eine existentielle. Slotawa lebt sie. So bedingungslos wie die Genies der Renaissance und des Barock, so radikal originär wie Michelangelo, der "Das jüngste Gericht" in der Sixtinischen Kapelle an die Wand warf. Florian Slotawa übertrug das "Jüngste Gericht" in seine Sprache, entwarf eine Skulptur aus seinem Hab und Gut. Ein Sammler sah sie und wollte sie kaufen.

"Ich sagte, nein, das geht eigentlich nicht", erinnert sich Slotawa, "denn diese Installation ist aus Material gebaut, das zu einem Materialpool gehört. Dieser Materialpool ist alles, was mir gehört, mein gesamter Besitz. Das ist Teil des Konzeptes, dass die Sachen nach der Ausstellung wieder zurückkommen in den Materialpool. Der wird dann weiterverwendet für die nächste Installation. Da hat er gesagt: 'Ja, dann muss ich deinen ganzen Besitz kaufen, um diese Arbeit zu besitzen'. Das hat mir gezeigt, der versteht was ich mache."

Ausstellungsraum als Atelier
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Das Kunstwerk steht verpackt im Lager.
Ein Vertrag wurde aufgesetzt, und der Künstler stellte seinen gesamten Besitz auf einer Liste zusammen. Zur gleichen Zeit plante Slotawa eine große Einzelausstellung für die Kunsthalle Mannheim und machte den Abschied von seinen Gegenständen zum Konzept für den Ausstellungsraum. "Der Raum war eigentlich zu schade, um ihn nur als Ausstellungsraum zu benutzen", sagt er. "Ich hatte damals noch kein Atelier und habe gesagt, ich möchte den Raum auch als Arbeitsraum benutzen und will dort, in der Ausstellung, meine Sachen fotografieren, weil ich wissen möchte, was ich weggebe."

Von den Dingen, die der Künstler im Jahr 2002 besaß, hat er noch die Dias in seinem Besitz. Seine Sachen begleiten ihn also noch immer. Sie sind nur zur Ruhe gekommen. Der Abschied fiel leicht. Mit einer Ausnahme: "Das Kinderspielzeug", sagt der Künstler. "Das klingt erst einmal absurd, denn normalerweise spielt man nicht mehr mit seinem Kinderspielzeug, wenn man erwachsen ist. Wenn man das aber weggibt, hat man das Gefühl, man gibt einen Teil seiner Kindheit weg." Im Lager einer Galerie in Aachen finden die Gegenstände der "Mannheimer Bestandsaufnahme" - nun in Besitz des Kunstsammlers - ihr vorläufiges Ende. Der Küchentisch ist verpackt. Und nur so, friedlich verhüllt, darf das Kunstwerk in Zukunft überhaupt ausgestellt werden. Das war der Deal. Der Künstler hat das letzte Wort.

Sendedaten
Kulturzeit: montags bis freitags,
um 19.20 Uhr
Reihe
Reihe: Meisterwerke zeitgenössischer Kunst - Teil V
Reihe
Was ist Kunst? "Kulturzeit" sucht nach Antworten
Ausstellung
"Florian Slotawa"
Galerie Nordenhake
Lindenstraße 34, Berlin
bis 30.01.2010