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Eine im Fridericianum geplangte documenta-Performance hat in Kassel empörte Reaktionen hervorgerufen.
Eine im Fridericianum geplangte documenta-Performance hat in Kassel empörte Reaktionen hervorgerufen.
Minister empfiehlt Abbruch von documenta-Aktion
Kulturzeit-News vom Montag, 21.08.2017
Der hessische Wissenschafts- und Kunstminister Boris Rhein (CDU) hat der documenta einen Abbruch der geplanten Performance "Auschwitz on the beach" empfohlen. "Die Freiheit der Kunst ist ein hohes Gut. Allerdings verbietet sich jeder Vergleich mit dem Holocaust, denn die Verbrechen der Nazis sind singulär", erklärte Rhein am 21. August 2017 in einer Stellungnahme zu der Aktion.
Zuvor hatte bereits Kassels Oberbürgermeister Christian Geselle (SPD) die umstrittene documenta-Aktion als "ungeheuerliche Provokation" gegenüber der der "Hessischen/Niedersächsischen Allgemeinen" kritisiert. "Ich empfehle den Künstlern, sich eingehender mit den unsagbaren und grausamen Verbrechen des Holocaust zu befassen, um selbst daraus die Konsequenz zu ziehen, die Aktion zu beenden", erklärte Rhein. Das Land Hessen ist neben der Stadt Kassel Gesellschafter der documenta und Fridericianum gGmbH.

Geselle: Politik darf sich nicht in Kunstfreiheit einmischen
Geselle sagte, der Vergleich des tragischen Schicksals vieler Flüchtlinge am Mittelmeer mit dem Konzentrationslager Auschwitz und der Judenverfolgung in der Ankündigung der Aktion sei äußerst geschmacklos und für die Betroffenen verletzend und unerträglich. Geselle ist kraft seines Amtes auch Aufsichtsratsvorsitzender der documenta gGmbH. Gleichwohl sei die für den 24. bis 26. August geplante Aktion im Fridericianum von der Kunstfreiheit gedeckt, sagte Geselle. Stadt, Verwaltung und Politik dürften sich in die Kunstfreiheit nicht einmischen. "Das muss die Demokratie leider aushalten an dieser Stelle", sagte der Oberbürgermeister. Eine rechtliche Handhabe, gegen die Aktion vorzugehen, sehe er nicht. Auch die Staatsanwaltschaft Kassel war zuvor nach einer Überprüfung der Ankündigung zu der Entscheidung gekommen, kein Strafermittlungsverfahren einzuleiten.

Die geplante einstündige Performance "Auschwitz on the Beach" ist eine Aktion, die auf einem Gedicht Franco Bifo Berardis basiert und mit einem Soundtrack von Fabio Stefano Berardi und einer Bildinstallation von Dim Sampaio versehen ist. In der Ankündigung der documenta bezichtigt der italienische Autor und Radiogründer Franco Bifo Berardi die Europäer, "Konzentrationslager" auf ihren eigenen Territorien einzurichten und "Gauleiter" in der Türkei, Libyen und Ägypten dafür zu bezahlen, die "Drecksarbeit" entlang ihrer Küsten zu erledigen. "Das Salzwasser hat mittlerweile Zyklon B ersetzt", heißt es hier unter anderem. Dies hatte heftige Kritik unter anderem bei der jüdischen Gemeinde in Kassel ausgelöst.

Jüdische Gemeinde "entsetzt" und "enttäuscht"
Die Vorsitzende der jüdischen Gemeinde, Ilana Katz, hatte am 18. August die angekündigte Performance als geschmacklos und verletzend für die Opfer des Holocausts bezeichnet. Mit der plakativen Verwendung der Begriffe "Auschwitz" und "Zyklon B" im Ankündigungstext würden die Verbrechen der Schoah relativiert. Dies berge enormes Verletzungspotential gegenüber den Betroffenen. Die jüdische Gemeinde sei entsetzt und enttäuscht über diesen Vorgang.

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