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Lupe
Kamel Daouds Debütroman "Der Fall Meursault" ist in Frankreich ein Bestseller.
Dem Opfer einen Namen geben
Kamel Daouds Roman "Der Fall Meursault"
In Albert Camus' berühmtem Roman "Der Fremde" von 1942 erschießt der Franzose Meursault einen Araber, der bis zum Schluss ohne Namen bleibt. Der algerische Autor Kamel Daoud hat die Geschichte noch einmal erzählt - aus der Sicht des namenlosen Arabers: "Der Fall Meursault - Eine Gegendarstellung" heißt sein Roman, der jetzt auch auf Deutsch erscheint.
Daoud lässt den Bruder des damals am Strand getöteten Arabers, der mittlerweile ein alter Mann ist, in einer Bar in Algerien seine Geschichte einem jüngeren Journalisten erzählen. Und er gibt Camus' Araber einen Namen: Moussa. Dieser große Bruder Moussa hat alleine Mutter und Bruder ernährt, bevor er am Strand von dem Franzosen Meursault erschossen wurde, weil er mit Freunden ein Mädchen verteidigt hat, das von einem französischen Zuhälter bedrängt wurde. So klingt Camus' Geschichte plötzlich ganz anders.

Schreiben als Versuch der Freiheit
Dass niemand zuvor auf diese "simple Idee" gekommen sei, erstaunt Daoud, der wie einst Camus als Journalist arbeitet und seit Jahren in der algerischen Zeitung "Le Quotidien d'Oran" eine Kolumne schreibt. Er bewundere Camus, aber zu jeder Bewunderung gehöre auch Respektlosigkeit, sagte der 45-Jährige in einem Interview gegenüber dem ZDF-Magazin "aspekte". Geschrieben habe er den Roman aber nicht, um sich an dem großen Vorbild zu messen, sondern aus Freude am Schreiben und weil es "ein Versuch der Freiheit ist".

© dpa Lupe
Albert Camus war selbst Sohn einer französischen Siedlerfamilie.
Es sei ein Roman, der irgendwann geschrieben werden musste, aber diesmal aus arabischer Sicht. Aus dem namenlosen Opfer wird so das Gesicht Algeriens. Eine späte Abrechnung mit dem Kolonialismus und Albert Camus, der selbst Sohn einer Siedlerfamilie war, sei sein Roman aber nicht, so Daoud. "Ich denke, dass wir in schwachen Ländern leben, die sich kolonialisieren lassen", sagt er im "aspekte"-Interview. "Und diesen Fehler klage ich an. Ich frage nicht, ob der Westen gerecht oder ungerecht ist. Mein Problem bin ich."

Als der Roman 2013 in Algerien erschien, stieß er auf Zurückhaltung und brachte Daoud eine Fatwa ein. In Frankreich wurde das Buch dagegen begeistert aufgenommen. Den Prix Goncourt erhielt er 2014 zwar gegen alle Erwartungen nicht, aber ein Jahr später den Prix Goncourt für das beste Debüt. Die Rolle des vom Westen hofierten bedrohten Märtyrer-Intellektuellen mag Daoud aber nicht. "Wir sind doch alle bedroht. Ich sag's mal zynisch. Sie töten doch deutlich mehr Touristen als Schriftsteller."

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© ZDFVideoIris Radisch, Literaturkritikerin
(17.02.2016)
ZDFmediathek
Kamel Daoud "Der Fall Meursault"
"aspekte"-Beitrag (12.02.2016)
Buch
Lupe"Der Fall Meursault - eine Gegendarstellung"
von Kamel Daoud
Übersetzung: Claus Josten
Kiepenheuer&Witsch 2016
ISBN-13: 978-3462047981

Kamel Daoud auf Lesereise:
11.03.2016: Stuttgart, Literaturhaus
12.03.2016. Frankfurt, Literaturhaus
13.03.2016: Köln, DEG
14.03.2016: Bonn, Haus der Geschichte
Porträt
Mensch und Revolte
Albert Camus zum 100.
Buchmesse Frankfurt 2013
Camus. Das Ideal der Einfachheit
3sat-Gespräch mit LIteraturkritikerin Iris Radisch
Porträt
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In Erinnerung an die Schriftstellerin Assia Djebar