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© ZDF Video
Cartarescu steigt in der "Orbitor"-Trilogie vom Paradies in die Hölle hinab.
Mircea Cartarescu
Buchpreis zur Europäischen Verständigung
Der rumänische Schriftsteller Mircea Cartarescu hat schon viele Gedichtbände, Romane und Essays veröffentlicht und damit Preise gewonnen. Am 11. März 2015 ist er mit dem Leipziger Buchpreis zur Europäischen Verständigung 2015 geehrt worden - für sein Hauptwerk, die "Orbitor"-Romantrilogie, ein weltumspannendes Familien- und Gesellschaftsporträt.
"Meinen ersten Roman schrieb ich mit neun, eine wilde, weltumspannende Abenteuergeschichte", sagte Mircea Cartarescu im Interview mit der "Frankfurter Rundschau". Heute zählt der 58-Jährige zu den wichtigsten zeitgenössischen Autoren Rumäniens. Für seine "Orbitor"-Trilogie griff er auf persönliche Erfahrungen zurück. Ihr Protagonist ist der 16-jährige Mircea. "Ich bin das Modell für Mircea im Buch, er teilt eine Menge DNA mit mir, aber nicht alles", so Cartarescu. In den drei Romanen setzt sich der Autor auch mit seinem Heimatland Rumänien und der Politik des Landes auseinander. Seine zwischen 1996 und 2007 entstandene Trilogie habe sich zunehmend politisiert, sagt Cartarescu. So sei der letzte Teil "Die Flügel" auch eine Satire über die rumänische Revolution.


"Die Diktatur in die Verachtung versenken"
Cartarescu beleuchtet in diesem dritten Teil die letzten Tage des Ceauşescu-Regimes. 1989 war der Diktator nach 24-jähriger Herrschaft gestürzt worden. "Ich wollte die Diktatur in die Verachtung versenken und dadurch ihre diabolische Struktur noch kenntlicher machen", sagte Cartarescu im "Tagesspiegel". "Dieser dritte Band ist ein Abstieg in die Hölle, zu dem es kommen musste, nach dem ersten, paradiesisch angelehnten Buch und dem zweiten, irdischen Buch. Für mich bedeutet 'Hölle' der Abstieg in die Geschichte."

Im ersten Teil geht es um Mirceas Kindheit und die Verstoßung aus dem Paradies der Kindheit, im zweiten Teil um seine Jugend und Pubertät, bevor es im dritten Teil auch um große Geschichte geht. Aber auch schon in den ersten zwei Teilen finden Exkurse quer durch Zeit und Raum statt. Doch Cartarescu gibt nicht einfach rumänische Politik wieder. In seiner Trilogie gehen Realität und Imagination immer wieder ineinander über.

Leipziger Buchmesse ehrt "Universalroman"
Bekannt wurde Mircea Cartarescu aber schon vor seiner preisgekrönten Trilogie, mit Gedichtbänden, Essays und anderen Romanen. Seine Inspiration dafür suchte er oft auch im Ausland, wo nach seinen Angaben der Großteil seiner Bücher entstand. So lebte er unter anderem für einige Zeit auf Schloss Solitude in Stuttgart und in Berlin. "Barocke Üppigkeit", schreibt etwa Wolfgang Schneider in der "Frankfurter Allgemeinen Zeitung" Cartarescus Lyrik zu, und "Fabulierfreude" seiner Prosa. Zu Cartarescus wichtigsten Werken gehören neben der "Orbitor"-Trilogie unter anderem der Roman "Nostalgia" und der kontrovers diskutierte Roman "Travesti", der die Geschichte eines Hermaphroditen erzählt.

Auch mit dem 2006 veröffentlichten Kurzgeschichtenband "Warum wir die Frauen lieben" sorgte Cartarescu für Aufsehen. Mit der im Gegensatz zu seiner "Orbitor"-Trilogie leicht verdaulichen Ode an die Frauen landete er einen Bestseller in Rumänien. Dabei sagt der Autor von sich selbst, dass er in Sachen Liebe ein Spätzünder gewesen sei und beschreibt sich als schmächtigen Bücherwurm - obwohl er mittlerweile doch, zumindest literarisch gesehen, eher zu den Schwergewichten zählt. Als "Drogenrausch zum Lesen" bezeichnete "Deutschlandradio" 2007 den ersten Roman der "Orbitor"-Trilogie, der in Bukarest spielt und surreale, magische Geschichten des Alltags erzählt. Für genau diese Fähigkeit, das Magische des Alltags faszinierend zu erzählen, bewundert Cartarescu seine literarischen Vorbilder J.D. Salinger und Jorge Luis Borges.

"Das gewiss größenwahnsinnigste und vermutlich grandioseste Romanprojekt dieses jungen Jahrhunderts" sei die Trilogie laut Mathias Schnitzlers Artikel in der "Berliner Zeitung". Ähnlich sieht das wohl auch die Jury für den Leipziger Buchpreis, die das Werk als "Universalroman" mit weltumspannendem Anspruch bezeichnete, "eines der exzessivsten Werke der Weltliteratur", hieß es zur Begründung.

Schwerpunkt
BUCHMESSE LEIPZIG
12.-15.03.2015
Mediathek
© dpaVideoStatement von Mircea Cartarescu
von der Buchmesse Leipzig (11.03.2015)
Bücher
Die "Orbitor"-Trilogie
"Die Flügel"
von Mircea Cartarescu
Übersetzung: Ferdinand Leopold
Paul-Zsolnay-Verlag 2014
ISBN-13: 978-3552056893

"Der Körper"
von Mircea Cartarescu
Übersetzung: Gerhardt Csejka und Ferdinand Leopold
Paul-Zsolnay-Verlag 2011
ISBN-13: 978-3552055049

"Die Wissenden"
von Mircea Cartarescu
Übersetzung: Gerhardt Csejka
Deutscher Taschenbuch-Verlag 2009
ISBN-13: 978-3423138109

Preisgekrönter Autor
Neben dem Leipziger Buchpreis zur Europäischen Verständigung hat Mircea Cartarescu zahlreiche Auszeichnungen erhalten, unter anderem - neben vielen rumänischen Literaturpreisen - auch den Internationalen Literaturpreis des Berliner Hauses der Kulturen der Welt für "Der Körper" und 2013 den Spycher-Literaturpreis.
Vita
Mircea Cartarescu wurde 1956 geboren. Nachdem der Autor von Gedichtbänden, Essays und Romanen sein Philologie-Studium mit einer Dissertation über den rumänischen Postmodernismus abgeschlossen hatte, arbeitete er fast zehn Jahre als Rumänischlehrer. Anschließend war er Redakteur beim Magazin "Caiete Critice" ("Literarische Hefte"). Seit 1991 lehrt Cartarescu rumänische Literatur an der Universität in Bukarest. Neben seiner Dozententätigkeit schrieb er wöchentlich politische Essays für eine rumänische Tageszeitung sowie Kurzgeschichten, unter anderem für die französische Frauenzeitschrift "Elle".