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sehinterviews reizt Tina Mendelsohn immer wieder. Idealerweise entwickelt sich dort ein Gespräch mit einem echten Erkenntnisgewinn, sagt sie.
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© dpa Lupe
Nicht nur die Angeklagte Beate Zschäpe schweigt - von Vertuschung und Verhinderung der Aufklärung geht es in "Geheimsache NSU".
Das große Schweigen
Ein Buch über die "Geheimsache NSU"
2004 wurde die Kölner Keupstraße zum Tatort. Eine Nagelbombe explodierte in der türkischen Einkaufsmeile. Die Polizei glaubte lange nicht an einen rechtsextremen Hintergrund. Wer was warum vertuscht hat, das versucht das Buch "Geheimsache NSU" zu ergründen.
"Der NSU-Komplex hat zwei Ebenen", sagt Co-Autor und Journalist Thomas Moser, "die Tatebene und die Ebene seit 2011 mit einer unfassbaren Vertuschung und einer Verhinderung der Aufklärung, die unter Umständen erklärt, warum man die Täter nicht gefasst hat. Und das wollen wir deutlich machen. Wir sind in der Jetztzeit. Die Taten sind nicht Vergangenheit, die wir aufklären müssen, sondern wir sind in der Echtzeit. In der Jetztzeit, auch heute, in diesen Tagen werden Fragen gestellt, die nicht beantwortet werden."

Ali Demir etwa war damals Steuerberater in der Keupstraße. Das, was er berichtet, interessiert die Polizei bis heute nicht: Er habe "ungefähr ein oder zwei Minuten nach dem Anschlag" eine Person gesehen, einen Zivilisten, "aber unter der Schulter hatte er schon eine Pistole." Der bewaffnete Mann verhielt sich kühl, wirkte wie ein Polizist. Und er hatte einen Partner - auf der anderen Straßenseite - dicht am Fluchtweg der Attentäter. Wer waren die Männer? Mittäter, Geheimdienstler, Polizisten? Die Behörden schweigen.

Die Stadt Heilbronn war ein weiterer Tatort, der letzte der NSU-Serie. Eine 22-jährige Polizistin wurde am Rande der Innenstadt auf einem Festgelände erschossen. "Es kommen immer die gleichen Gedanken", so der Co-Autor und Journalist Rainer Nübel: "Wie es sein kann, dass am hellichten Tag an so einem Platz, der so belebt war, dass man da jemanden umbringt, mit dieser Brutaltät." Auf der Festwiese waren viele Menschen, als die Polizistin und ihr Kollege dort ihren Streifenwagen parkten. "Die beiden machten offensichtlich Pause, rauchten auch, wie man nachher festgestellt hat", so Rainer Nübel. "Laut den Ermittlungen müssen die beiden Täter hier von hinten gekommen sein, jeweils auf einer Seite, und dann in einem bestimmten Winkel geschossen haben."

Phantombilder nicht veröffentlicht - warum?
Doch waren es nur zwei Täter? Waren es überhaupt die Neonazis vom NSU? Eine Zeugin sieht einen blutverschmierten Mann an einer Kreuzung ins Auto springen, ein anderer Zeuge drei Personen, die sich ihre blutigen Hände im Fluss waschen. "Es wurden aus vielen Zeugenaussagen Phantombilder erstellt, die nie veröffentlicht wurden, und kein einziges dieser Phantombilder gleicht nur annähernd Uwe Mundlos und Uwe Böhnhardt", so Rainer Nübel. Keines der Bilder wurde - wie sonst üblich - zur Fahndung genutzt - warum nicht?

Zehn Jahre Nagelbombenanschlag: Die Kölner Keupstraße feiert gemeinsam mit ihrer Stadt gegen Rassismus. Ein Pappfahrrad markiert den Ort, an dem damals die Bombe deponiert wurde. Gegenüber lesen Schauspieler Protokolle des NSU-Untersuchungsausschusses über die skandalösen Aktenvernichtungen. "Es müssen sich jede Menge Beamte aus den Sicherheitsapparaten, die auf ihre Weise daran mitwirken, dass es nicht aufgedeckt wird, zu ihrer Verantwortung bekennen, zu ihrer Moral, zu ihrem Gewissen - und müssen sagen, welche Anweisung sie bekommen haben, welche Akte geschreddert werden soll", sagt Thomas Moser.

Opferanwalt: zurückgehaltenes Beweismaterial
© dapd Lupe
Wurde nicht alles Material in die Akten aufgenommen?
Auch Opferanwälte sind gekommen, etwa Yavuz Narin, der im Prozess die Familie Boulgarides vertritt. Er entdeckte in einer Nachbarstraße Kameras, die den Tag des Kölner Attentats aufzeichneten. 18 Stunden Beweismaterial, das die Bundesanwälte vernachlässigten. "Es handelt sich meines Erachtens um eines der wichtigsten Beweisstücke im gesamten NSU-Komplex, sodass für mich unerklärlich ist, warum die Bundesanwaltschaft dieses Material weder in die Prozessakten aufgenommen hat, noch es den Untersuchungs-ausschüssen, insbesondere im Bundestag, zur Verfügung gestellt hat", sagt Yavuz Narin. Nur wenige Sekunden waren bis dahin bekannt. In den 18 Stunden sieht man aber die Attentäter häufig, sie scheinen observiert zu werden. Von wem - keiner hat es bisher ermittelt.

2012 wird Rainer Nübel ein Dokument zugespielt. Es soll vom US-amerikanischen Militärgeheimdienst stammen. Darin heißt es, US-amerikanische und deutsche Geheimdienstler seien beim Polizistenmord vor Ort gewesen. Statt nachzuforschen, ruft die Bundesanwaltschaft ausgewählte Journalisten zusammen, die das Ganze für eine Fälschung erklären, so berichten Nübel Kollegen, die dabei waren. "Das halte ich für abgründig", sagt der, "vor allem von dem her, weil es nicht ein Einzelfall ist, sondern weil es immer wieder angewendet wurde, wenn es um politisch brisante Aussagen geht."

Gesprächsangebot mit US-Geheimdienst abgelehnt
Rainer Nübel beschreibt im Buch eine Systematik, wie Zeugen und Recherchen unglaubwürdig gemacht werden. Von Journalisten, die den Sicherheitsbehörden zu nahe stehen, deren Verlautbarungen eins zu eins übernehmen. Nach Jahren bekommt Rainer Nübel nun doch Recht. Er erhält Einsicht in eine streng geheime Kommunikation des BND. Die US-Amerikaner hatten tatsächlich Beamte vor Ort, die den Mord wohl mit ansahen. Doch nun geschieht das Unglaubliche, wie Rainer Nübel berichtet: "Die Amerikaner selber bieten der deutschen Geheimdienstseite an, dass sie sagen, was war der Hintergrund der Operation in Heilbronn, warum waren wir da? Das heißt, man hätte da die Möglichkeit gehabt, das mit aufzuklären. Dann steht aber drin in dieser E-Mail-Korrespondenz: Ein Eingehen auf das Gesprächsangebot des Mitarbeiters des US-Dienstes ist von hiesiger Seite nicht vorgesehen."

Offensichtliche Hinweise auf einen Mord, die deutsche Behörden nicht hören wollten. Warum? Was sind die Motive für all die Vertuschungen? Wer hat Angst vor der Wahrheit? Und wie sieht sie aus? "Es kann natürlich sein, dass es sehr schmerzhaft ist, dass es die Grundfesten des staatlichen Gefüges erschüttert, auch das müssen wir aushalten", so Thomas Moser. "Dann müssen wir Konsequenzen ziehen und den Staat umbauen, wenn es nötig ist." "Wir müssen weiter Fragen stellen", folgert Rainer Nübel. "Die Spur führt in die Ermittlungsbehörden. Die Sache ist nicht ermittelt." Bei der Aufklärung der Mordserie des NSU geht es nicht allein um die Lösung eines Kriminalfalls. Wusste der Staat durch seine V-Leute von den Morden? Ließ er sie geschehen? Es muss geklärt werden. Es geht um die Glaubwürdigkeit des Rechtsstaats.

Buch
"Geheimsache NSU: Zehn Morde, von Aufklärung keine Spur"
von Andreas Förster (Hg.)
Autoren: Frank Brunner, Esther Dischereit, Hajo Funke, Manfred Gnjidic, Anton Hunger, Thomas Moser, Rainer Nübel, Thumilan Selvakumaran, Ahmet Senyurt
Klöpfer & Meyer 2014
ISBN-13: 978-3863510862
Mediathek
© ZDFVideoInterview mit Anwalt Yavuz Narin, Anwalt der Nebenklage
Er vertritt er die Familie Boulgarides. (Das Interview führte Clemens Riha, 11.06.2014)
Schwerpunkt
© dpaDer NSU-Prozess