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© Milena-Verlag Lupe
Eine Autobiografie erinnert nun an die vergessene Kabarettistin Rosl Berndt.
Vergessene Kabarettistin
Die Autobiografie der Rosl Berndt
"Die Kleine Rosl" wurde Rosl Berndt im Wien der 1910er Jahre genannt. Sie war erst Kinderstar, dann Kabarettistin. Und sie war Halb-Jüdin. 1936 folgte sie ihrem zweiten Mann nach Rumänien. Ihre Tochter Liesl Müller-Johnson erinnert nun mit einem Buch an ihr Leben - 93-jährig und exakt 100 Jahre nach dem ersten Auftritt ihrer Mutter.
Rosl Berndt war für die Bühne geboren. Das extrovertierte Mädchen debütierte 1914 in Franz Léhars Operette "Der Rastlbinder" am Carltheater. Die vielen Abendauftritte forderten allerdings ihren Tribut. "Sie ist als Kind immer spät schlafen gegangen", sagt Liesl Müller-Johnson. "Nach den Auftritten war sie aufgekratzt und konnte nicht einschlafen. Sie hat schon als junger Mensch begonnen Schlafmittel zu nehmen. Das hat sich leider sehr schlecht ausgewirkt in ihrem Leben."

"Sie machte gerne Szenen"
In den 1920er Jahren war Berndt, die Soubrette, ein gern gesehener Gast in Wiens High Society. Dank ihrer Karriere führte sie ein Leben im Luxus, stieg nur in den besten Hotels ab. Sie heiratete Karl Müller, den Eigentümer des legendären Kabaretts "Simpl", die gemeinsame Tochter Liesl kam zur Welt. Doch die Ehe scheiterte nach wenigen Jahren. Rosl Berndt war eine Diva und benahm sich auch so. "Sie war sehr launisch", erinnert sich ihre Tochter. "Sie machte gerne Szenen. Wenn sie gut aufgelegt war, wie meistens, dann war sie strahlend und unwiderstehlich, aber vor ihren Szenen haben alle gezittert."

Lupe
Liesl Müller-Johnson wuchs in der Obhut ihrer Großmutter auf.
Die Mutter war selten zuhause. Liesl wuchs im jüdischen Milieu in der Wiener Leopoldstadt auf, genoss eine sorgenfreie Kindheit in der Obhut ihrer Großmutter Bronya Dunkelblau. Rosl Berndt legte großen Wert auf eine gute Bildung, so dass Liesl erstklassige Internate besuchte. Die Weltwirtschaftskrise 1929 stürzte Millionen Menschen in bittere Armut. LIesl, das gut behütete Mädchen, sah das Elend der Arbeitslosen jedoch nur auf dem Weg zur Schule. Die Tochter war Rosl Berndts größter Fan. Sie begleitete die glamouröse Mutter bei ihren Auftritten in Österreich und Deutschland und erlebte dabei die Theaterwelt hautnah. "Wenn meine Mutter Theater gespielt hatte, wusste ich genau den Text", erinnert sich Liesl Müller-Johnson. "Gott behüte, wenn sie was falsch sagte. Ich habe mir nie etwas anderes ausgesucht als bei einer Nachmittagsvorstellung dabei zu sein. Ich war sozusagen die Fliege an der Wand. Man hat mich nicht gehört und sich auch nicht um mich gekümmert. Ich war dabei und habe zugehört."

Wegen Zahnlücke ließ sie Hollywood sausen
Hollywood wurde auf die talentierte Wienerin aufmerksam. Doch Rosl Berndt ließ wegen ihrer Zahnlücke Probeaufnahmen platzen. Sie hätte ihre Zähne richten lassen müssen, wollte das aber partout nicht. Während des Anschlusses von Österreich an Hitler-Deutschland war die erklärte Nazi-Gegnerin zufällig in Wien. "Meine Mutter hat gesagt, 'leckt mich am Arsch', als sie mit 'Heil Hitler' gegrüßt wurde", so Müller-Johnson. 1936 heiratete Rosl Berndt den rumänischen Ölmagnaten Dinu Buhlea und zog mit ihrer Tochter nach Bukarest. Die Familie überlebte dort den Zweiten Weltkrieg. Fast alle Erinnerungsstücke an Rosl Berndts Karriere gingen verloren, als sie vor den Bombenangriffen flüchteten.

Ehemalige Bühnenkollegen wie Karl Farkas kehrten Ende der 1940er Jahre nach Wien zurück und prägten das Kabarett der Nachkriegszeit. Doch Rosl Berndt schaffte es nicht mehr, an alte Erfolge anzuschließen. Durch die Heirat mit dem Offizier Johnnie Johnson gelangte Liesl nach England. Sie kaufte das Anwesen High Breck in der Grafschaft Hampshire. Liesl holte die Mutter zu sich. Rosl Berndt starb 1996. Sie ist auf dem Friedhof von Headley beigesetzt. Die Tochter hat der vergessenen Künstlerin nun ein würdiges Denkmal gesetzt.

Buch
"Rosl und ihre Tochter: Leben und Kabarett zwischen 1914 und 1936"
von Liesl Müller-Johnson
Milena-Verlag 2014
ISBN-13: 978-3902950055