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© dpa
"Boat People" nennen wir diejenigen, die vor den Toren Europas dazu verdammt sind, nicht anzukommen.
Ewige Reise
Hans Christoph Buchs "Boat People"
Flüchtige auf einem Boot, kein Land in Sicht: "Boat People" nennen wir diejenigen, die vor den Toren Europas dazu verdammt sind, nicht anzukommen. Der Schriftsteller Hans Christoph Buch hat sich auf die Suche nach den "Boat People" in der Literaturgeschichte gemacht - von "Sindbad" bis zum "Fliegenden Holländer". "Boat People - Literatur als Geisterschiff" heißt sein Buch.
"Boat People" ist ein Begriff, hinter dem sich eine jahrhundertalte Erfahrung verbirgt. Abschied und Aufbruch, ewige Reisen zwischen Diesseits und Jenseits - diese Geschichten begleiten die Menschheit. "'Boat People' ist für mich eine Metapher für auf dem Meer umherirrende Kapitäne, Matrosen und Schiffbrüchige in der Literatur aller Zeiten", sagt Hans Christoph Buch. Es ist ein Thema, das den Weltreisenden schon immer in den Bann gezogen hat: Als Reporter hat er über Flucht, Tod und Gewalt in Krisengebieten geschrieben. Nun hat er nach Motiven und Bezügen unendlicher Fahrten in der Literatur gesucht.

Wiederkehrende Bilder, Metaphern und Symbole
© dpa Lupe
Hans Chistoph Buch entdeckte wiederkehrende Bilder und Symbole.
"Ich habe beim Schreiben - vor allem beim Lesen - Zusammenhänge entdeckt, die ich gar nicht für möglich gehalten hätte", sagt Buch. "Zum Beispiel, dass der Totenkult der alten Ägypter bei Sindbad dem Seefahrer wiederkehrt." So wird Sindbad auf seinen Reisen bei lebendigem Leibe in einer Höhle begraben. Für Buch ist das ein Verweis auf alte ägyptische Rituale. Auch im Märchen "Gespensterschiff" von Wilhelm Hauff dient das ägyptische Totenbuch als Vorlage. Allein Koransuren am Mast können das Schiff von seinem Fluch befreien - eine Analogie zu den Zaubersprüchen, mit der man Mumien im alten Ägypten schmückte, um sie vor Grabräubern zu schützen. Alte Mythen, gekleidet im maritimen Seefahrer-Gewand: Für Buch ist dies "die Wiederkehr des Gleichen, Bilder, Metaphern und Symbole, die sehr viele Möglichkeiten der Entschlüsselung haben und die man so oder so lesen kann und die in jeder Epoche neu auftauchen".

Das Motiv der unendlichen Reise zieht sich wie ein roter Faden durch die Literaturgeschichte - zu Wasser und zu Land. In der Legende von Ahasver wird ein Jude zur ewigen Wanderschaft verdammt, weil er Jesus verspottet. Richard Wagner knüpft in seiner Oper "Der fliegende Holländer" an diesen Figurentypus an: Der Kapitän hat die Schuld des Entdeckers auf sich geladen. Fortan muss er bis zum Jüngsten Gericht weitersegeln. "In gewisser Weise sind Ahasver und der 'Fliegende Holländer' auch Verwandte von 'Faust', der nicht zur Ruhe kommen kann, nur dass Goethes 'Faust' sich auf dem Land betätigt und herumirrt und nicht zur See", erklärt Buch.

Ohne Aussicht auf Erlösung
Der Mensch, allein gelassen von Gott und ohne Aussicht auf Erlösung: Die alten Legenden symbolisieren das Schicksal des modernen Menschen - auch bei Franz Kafka. In der Erzählung "Der Jäger Grachus" verfolgt ein Jäger eine Gemse im Schwarzwald, stürzt in einer Schlucht ab und landet schließlich als Untoter auf einer schwarzen Barke. "Er irrt zwischen Tod und Leben auf einem Kahn und versucht an Land zu kommen", sagt Buch. "Und zu sterben in Riva am Gardasee, wo Kafka zu Besuch gewesen ist und sich in eine Schweizer Touristin verliebt hatte, eine merkwürdige Geschichte, die sehr viel aussagt über Kafka selbst, über seine Schlaflosigkeit, seine nächtlichen Schreibversuche."

Individuelles Scheitern, Schuld und Hybris - diese Motive durchziehen viele der Geschichten von Schiffbrüchigen und Gestrandeten. Doch die Reisen zwischen Diesseits und Jenseits bieten nicht nur Projektionsflächen für individuelle Geschichten. In Hans Magnus Enzensbergers Roman "Untergang der Titanic" führt er mit dem Motiv des Schiffbruchs die bürgerliche Gesellschaft und deren Werte vor. "Fortschrittskritik bei Hans Magnus Enzensberger, wo er nicht nur die Hybris, den Hochmut und die Arroganz des imperialistischen Zeitalters der damaligen Bourgeoisie und der Mächtigen und Reichen karikiert, sondern auch den Fortschrittsglauben überhaupt", sagt Buch.

Schiffbruch - gescheiterte Hoffnung
Sowohl in der Literatur als auch in der Kunst spiegeln Motive des Schiffbruchs das Scheitern der Hoffnung auf eine menschlichere Zukunft - auf dem "Floß der Medusa" des französischen Malers Théodore Géricault überleben nur die Stärksten. Alle anderen werden Opfer von Kannibalismus. Es sind Menetekel der Moderne. Im "Eismeer" von Caspar David Friedrich wird ein Schiffswrack zum Symbol für die Kälte und Isolation, in die sich die Menschheit hineinmanövriert hat. Das Bild trägt den Untertitel "Die gescheiterte Hoffnung" - kein Land in Sicht. Nur das Nichts. "Wir sind allein im All", sagt Buch. "Die Totenschiffe der Zukunft sind Raumschiffe, die wie All umherirren wie in Tarkowskis Film 'Solaris'. Da ist ein Raumschiff im All gestrandet."

Buch macht mit seiner assoziativen Entdeckungsreise längst versunkenes Kulturgut sichtbar. Doch nach der Lektüre bleibt ein schaler Beigeschmack: Ist es nicht auch zynisch, das Flüchtlingsdrama vor den Küsten Europas als Ausgangspunkt einer solch literarischen Reise zu nehmen? "Ich stemme mich gegen die Sinnlosigkeit, die in diesen Werken auftaucht, indem ich versuche, ihren tieferen Sinn herauszuarbeiten und auch die Hoffnung, die sie artikulieren", sagt Buch. "Wider besseres Wissen. Das gilt auch für die deprimierende politische Realität, heute etwa die 'Boat People'. Ich weiß, dass nicht alle aufgenommen werden können, aber ich will auch nicht akzeptieren, dass man ignoriert, was da passiert. Wir müssen handeln." Es ist eine ganz besondere Dialektik, die Hans Christoph Buch bewegt - Hoffnung kann es nur geben, wenn man sich zunächst die eigene Hoffnungslosigkeit vor Augen führt. Wer hätte gedacht, dass sich in einem Buch über Geister und Totenschiffe eine solch philosophische Erkenntnis versteckt.

Buch
© Frankfurter VerlagsanstaltLupe"Boat People. Literatur als Geisterschiff"
Frankfurter Verlagsanstalt 2014
ISBN-13: 978-3627002077
Info
Der Schriftsteller Hans Christoph Buch - Jahrgang 1944 - hat sich für eine Poetikvorlesung an der Universität Bern auf die Suche nach "Boat-People" in der Literaturgeschichte gemacht. Buch hat am 13. April 2014 seinen 70. Geburtstag gefeiert.
Schwerpunkt
Flüchtlingsprotest in Berlin
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