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© dapd Lupe
Imre Kertész wird in "Letzte Einkehr" zum Chronisten seines eigenen Verfalls.
Selbstbild eines Suchenden
Imre Kertész' Tagebuch "Letzte Einkehr"
Mit "Letzte Einkehr" setzt Imre Kertész' sein bisheriges Tagebuchwerk fort. In dem ursprünglich nicht zur Veröffentlichung bestimmten Werk legt er sein eigenes Leben schonungslos offen, auch seine Gebrechen. Kertész leidet an der Parkinson-Krankheit.
Zur Entstehungszeit hat der Schriftsteller endlich Erfolg, erhält 2002 sogar den Literaturnobelpreis. Doch Kertész' Selbstbild ist das eines Suchenden, eines Zweiflers. Sein Heimatland Ungarn beäugt er von seiner geistigen Heimat Berlin aus sorgenvoller Distanz. Im Gegensatz zu seinen Tagebüchern seien die Figuren in seinen Romanen andere Personen: "Ich betrachte mein Leben als Rohstoff für meine Romane", so der Literaturnobelpreisträger in "Dossier K. Eine Ermittlung" (2006). Er schreibe eben nicht über sich selbst. "Was ich schreibe, bin ich nicht. Das ist nur eine Möglichkeit meines Ichs", so der Schriftsteller gegenüber der österreichischen Tagszeitung "Der Standard" (2007).

Gegensatz von Ästhetik und Grauen
Imre Kertész wird 1929 in Budapest geboren. Er entstammt einer kleinbürgerlichen jüdischen Familie. Mit 15 Jahren wird er nach Auschwitz-Birkenau deportiert, später nach Buchenwald - und überlebt. Als Schriftsteller wird er mit seinen Romanen über den Holocaust erst spät anerkannt, dann aber weltweit. Seine Bücher folgen einer "Komposition", einer "musikalischen Struktur", wie er 2004 in einem Interview mit der "Süddeutschen Zeitung" (SZ) sagt. Die dabei entstehende Ästhetik steht im Gegensatz zur Schilderung des Grauens. Als Autor erst habe er begonnen, das Geschehen in Auschwitz zu verarbeiten, indem er dem Erlebten literarische Gestalt verlieh, so Kertész im SZ-Interview.

Sein1975 in Ungarn erschienener "Roman eines Schicksallosen" ist sein erster - und bleibt ohne Echo. Erst durch die Übersetzung ins Deutsche und die Veröffentlichung 1996 im Rowohlt-Verlag Berlin wird das Buch zu einem literarischen Ereignis. Kritiker sprechen von einem der bedeutendsten Erzählwerke über den Holocaust. "Kertész' KZ-Zeugnis gehört - mit Primo Levis und Jorge Semprúns - zu den erschütterndsten seiner Art, auch wenn es hochgradig irritiert und ratlos macht", schreibt 1996 die "Zeit". Der "Roman eines Schicksallosen" bildet zusammen mit den Bänden "Fiasko" (1988, auf Deutsch 1999), "Kaddisch für ein nicht geborenes Kind" (1990, auf Deutsch 1992) und "Liquidation" (2003), eine "Tetralogie der Schicksallosigkeit".

Nobelpreis: eine "Glückskatastrophe"
2002 erreicht sein Schaffen mit dem Literaturnobelpreis, den er als erster Ungar erhält, seinen Höhepunkt - seine "Glückskatastrophe", wie er selbst sagt. In seiner Dankesrede begegnet Kertész dem vor allem in Ungarn oft gegen ihn erhobenen Vorwurf, er habe nur ein einziges Thema, mit der Gegenfrage: "Welcher Schriftsteller ist heute nicht ein Schriftsteller des Holocaust?"

Sendedaten
Kulturzeit: montags bis freitags,
um 19.20 Uhr
Kulturzeit-Gespräch ...
Video... mit Ina Hartwig, Literaturkritikerin
(21.01.2014)
Buch
© RowohltLupe"Letzte Einkehr: Tagebücher 2001-2009"
von Imre Kertész
Rowohlt 2013
ISBN-13: 978-3498035624