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© dpa Lupe
Deutsche Truppen überschreiten im August 1914 die französische Grenze.
Die Urkatastrophe
Herfried Münkler über den Ersten Weltkrieg
"Wenn wir den Ersten Weltkrieg nicht verstehen, wird uns das ganze 20. Jahrhundert ein Rätsel bleiben", heißt es in Herfried Münklers neuem Buch "Der große Krieg". Vom Zweiten Weltkrieg bis zu den Balkankriegen der 1990er Jahre lasse sich alles daraus erklären, so der Historiker.
Der Erste Weltkrieg beendete Imperien, beförderte Revolutionen, ordnete die politische Landkarte Europas und des Nahen Ostens neu teilweise bis heute. Für Münkler ist er die Urkatastrophe des 20. Jahrhunderts.

"Dunkle und wächserne Mumienschädel liegen da herum, mit Würmern und Insekten dicht bedeckt, aus Spalten blecken weiße Zähne. Schenkelknochen starren aus Lumpenbündeln, die mit rötlichem Schmutz verklebt sind, hier und da ragt aus einem Loch in dem zerfaserten Stoff ein Teil eines Rückgrats, mit einer pechartigen Masse überzogen." (Henri Barbusse "Das Feuer - Tagebuch einer Korporalschaft", 1916)

So beschrieb der französische Soldat und Schriftsteller Henri Barbusse die Wirklichkeit des Ersten Weltkrieges. Das erste industrielle Abschlachten - ein Inferno, die Urkatastrophe des 20. Jahrhunderts. Und so verklärten viele Intellektuelle den Krieg als Heldentat, als Kampfzone für innere Einheit und sittliche Läuterung. Selbst der liberale Soziologe Max Weber war anfangs diesem Hurra-Patriotismus verfallen. Für Herfried Münkler ist diese Erkenntnis aus dem großen Krieg "tragisch", aber wahr. Viele Intellektuelle stellten sich für diesen "Schützengraben-Sozialismus" in den Dienst der Sache.

Beeindruckende Gesamtschau
Münkler hat auf 924 Seiten eine beeindruckende Gesamtschau des Ersten Weltkrieges vorgelegt. Er hat sehr genau hingeschaut, bei dieser ersten umfassenden deutschen Studie seit 1968. Wie sein australischer Kollege Christopher Clark in seinem Bestseller "Die Schlafwandler" weist auch der Berliner Politikwissenschaftler eine alleinige Kriegsschuld der Deutschen zurück. Münkler spricht von einer Fatalismus-Falle. Europas Politiker hätten ohnehin geglaubt, dass der Krieg kommt. Die große Schlacht galt als unverzichtbar, ja unvermeidbar. Daher sollte ein Siegfrieden so rasch wie möglich erzwungen werden. Der preußische Militarismus mit Pickelhaube und Hurra-Patriotismus sei besonders auffällig gewesen. Parole: "Jeder Schuss ein Russ'. Jeder Stoß ein Franzos'. Jeder Tritt ein Britt'."

Doch habe das Kaiserreich schon zu Beginn den Krieg der Bilder und Worte verloren. Das Säbelrasseln aber sei kein deutscher Sonderweg gewesen, eher der Verlust an Realitätssinn. "Ich werde ganz krank, wenn ich das Gerede höre, es ist herzzerreißend, wie ahnungslos der hohe Herr über den Ernst der Lage ist. Schon kommt eine Hurrastimmung auf, die mir bis in den Tod verhasst ist", schrieb Generalstabschef Helmuth von Moltke am 19. August 1914 in einem vertraulichen Brief über Wilhelm II. an seine Frau Eliza. Münkler nennt Moltke einen Melancholiker an der Spitze des Militärs. Wenig später wurde er abgelöst.

17 Millionen Tote
Damals scheiterten Politik und Militär an einer "Mischung aus Großmannssucht und Ängstlichkeit", so Münkler. Der große Krieg kostete am Ende 17 Millionen Menschen in Europa das Leben. Es waren Entscheidungsschlachten ohne eine Entscheidung. Und der Erste Weltkrieg trug bereits den Keim für den nächsten in sich, den Zweiten Weltkrieg. Die Deutschen müssten begreifen, dass sie nach dem Ende des Kalten Krieges wieder in der Mitte Europas angekommen sind, so Münkler - nicht als militärischer Riese, aber als ökonomischer. Damit sorgfältig umzugehen, das sei die eigentliche Verantwortung für die Zukunft.

Sendedaten
Kulturzeit: montags bis freitags,
um 19.20 Uhr
Buch
© RowohltLupeHerfried Münkler
"Der Große Krieg
Die Welt 1914-1918"
Rowohlt Verlag
ISBN-13: 9783871347207
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