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Themen am 17.11.2017Navigationselement
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© AP Lupe
Was sind historische Stätten gegen Menschenleben?
Auf immer zerstört
Ein Bildband erinnert an das Weltkulturerbe Aleppo
2012 hat der Bürgerkrieg in Syrien das Weltkulturerbe Aleppo zerstört. Ein Bildband lässt die einstige Schönheit der Stadt noch einmal aufleuchten - und verschweigt nicht die bittere Realität. Gleichzeitg versuchen die Autoren, Lösungsvorschläge für die Zeit nach dem Krieg zu entwickeln.
Mehr als 900 Jahre hat es aller Zerstörungswut getrotzt, hat Kriege, Erdbeben und Eroberungen überstanden. Jetzt steht das weltberühmte Minarett der Umayyaden-Moschee in Aleppo nicht mehr. Es war das architektonische Aushängeschild des mittelalterlichen Syrien. Im April 2013 ist das Prachtstück des Weltkulturerbes mit seinen einzigartigen Verzierungen im Bürgerkrieg gefallen. 5000 Jahre Menschheitsgeschichte liegen in Schutt und Asche. Die Frontlinie zwischen den Rebellen und Assads Armee verläuft quer durch die Stadt und deren Kulturschätze. Alles und jeder wird zum Ziel.

Schlachtfeld der Kultur
"Wenn man die Bilder sieht, was von der Altstadt und von historischen Gebäuden noch übrig geblieben ist, kann man sagen, das ist verloren", erklärt der Archäologe Mamoun Fansa. Er lebt inzwischen in Berlin, hat aber Ausstellungen über die einzigartigen Kunstschätze Aleppos konzipiert. Jetzt dokumentiert er die Zerstörung. In seinem Bildband "Aleppo. Ein Krieg zerstört Weltkulturerbe" stellt er ursprüngliche Aufnahmen der Stadt Fotos von heute gegenüber. Er selbst konnte nicht dort sein. Kollegen haben die Fotos gemacht - unter Lebensgefahr. Für Mamoun Fansa ist die Zerstörung kaum zu ertragen. Er ist in Aleppo geboren, dort aufgewachsen. Seine Eltern waren Seifenmacher. Einer seiner Lieblingsorte war der Souk, eine zwölf Kilometer überdachte Ladenstraße. Er galt als schönster Basar der islamischen Welt. Kurz vor dem Angriff auf den Souk hätten Regierungssoldaten das Wasser abgestellt, sagt Fansa. Keiner konnte löschen. Ein Schlachtfeld der Kultur.

"2000 Jahre Kulturgeschichte kann man nicht in fünf oder zehn Jahren wieder aufbauen", beklagt Fansa. "Es geht auch um das Gefühl, Handel, Kommunikation." Statt der Händler und Touristen ziehen heute bewaffnete Gruppen durch die Altstadt. Syrien hat das internationale Abkommen zum Schutz der Kulturschätze unterzeichnet. Ein Kommandant wird nachdenklich. "Die Stadt und ihre Bauwerke repräsentieren unsere Geschichte und sind Teil der Kulturgeschichte der Menschheit", sagt er. "Die Zerstörungen schmerzen uns, aber es gibt so viel Blut. Was sind da historische Stätten gegen Menschenleben?"

Waffen, mit Kunstobjekten finanziert
Kunst gegen Menschenleben - es gibt nur Verlierer. Unter Granatenbeschuss war auch die antike Stadt Palmyra. Ihre einzigartigen pathetischen, hellenistisch-römischen Bauelemente sind zerstört. Dann kamen die Räuber - wie in Aleppo. "Die wichtigen Objekte sind angeblich im Tresor der syrischen Zentralbank", sagt Fansa. "Doch das Nationalmuseum liegt in der Kampfzone. Ich kann mir vorstellen, dass das ein oder andere Objekt herausgenommen und verkauft wurde. Wir wissen, dass Rebellen durch Verkauf von Objekten ihre Waffen finanzieren."

Im Juni 2013 setzte die Unesco Syriens Weltkulturerbestätten auf die Rote Liste. Zu spät, findet Fansa. Deshalb appelliert er, den Wiederaufbau jetzt - noch im Krieg - zu beginnen, die historischen Steine zu sichern, Gelder bereit zu stellen. Doch sein größter Traum handelt von mehr als alten Steinen. "Eine demokratische Kultur hat es nie gegeben", bedauert er. "Das heißt, das Volk entscheidet, was wir für die eigene Kultur machen. Das ist das, was ich in Syrien vermisst habe und in Deutschland liebe." Syrien steht vor einem Scherbenhaufen - politisch und kulturell. Ob Mamoun Fansa jemals in ein wiederaufgebautes Aleppo zurückkehren kann?

Sendedaten
Kulturzeit: montags bis freitags,
um 19.20 Uhr
Buch
© Nuennerich-AsmusLupeMamoun Fansa (Hrsg.)
"Aleppo. Ein Krieg zerstört Weltkulturerbe
Geschichte, Gegenwart, Perspektiven"
Nünnerich-Asmus 2013
ISBN-13: 978-3943904253
Schwerpunkt
© reutersArabische Revolution
Nordafrika und sein Kampf für mehr Demokratie
Info
Am 17. Januar 2014 treffen sich Professoren und "Friends Of The Old City Aleppo e.V." zu einem Workshop an der Brandenburgischen Technischen Universität Cottbus, bei dem es unter anderem um Kriegsschäden und den Wiederaufbau in Aleppo geht.