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© Suhrkamp Lupe
In der Graphic Novel "Kiesgrubennacht", beschreibt Volker Reiche, Erfinder des kleinen Angestellten "Strizz", wie er zum Künstler wurde.
Unversöhnt
Volker Reiches Graphic Novel "Kiesgrubennacht"
Es ist die gezeichnete Version seines eigenen Lebens: In der Graphic Novel "Kiesgrubennacht", beschreibt Volker Reiche, Erfinder des kleinen Angestellten "Strizz", wie er zum Künstler wurde - sprunghaft und manchmal auch im intensiven Dialog mit den Figuren, die ihn berühmt gemacht haben.
Im grauen Nachkriegsdeutschland des Jahres 1952 ist der Krieg für den kleinen Volker und seine vier Geschwister noch allgegenwärtig. Die aus dem Osten in die junge Bundesrepublik umgesiedelte Familie versucht ihren Platz zu finden. Die Eltern waren engagierte Nazis, die Mutter Gauleiterin im "Bund deutscher Mädchen", der Vater Kriegsberichtserstatter im Dienste der Nazis.

Reiche: "Kindliche Sicht auf die Dinge"
Für den achtjährigen Volker ist all das noch unverständlich. Er will die Nachkriegszeit zum Leuchten bringen. Der kleine Junge malt und zeichnet. Nur wenn der Vater auftritt, legt sich ein Schatten über ihn. 61 Jahre später ist aus dem Knaben der berühmte Comiczeichner Volker Reiche geworden.

Ein Kunstgriff: Der alte Volker Reiche spricht mit den Tieren, die er über seine Kindheit erfunden hat. "Die kindliche Sicht auf die Dinge wollte ich nicht aufladen mit dem Wissen von später - oder verändern", sagt der Autor. "Dann wollte ich sagen: Ich weiß aber eine ganze Menge mehr als Erwachsener heute. Ich weiß eine ganze Menge mehr, was damals los war, mit meinen Eltern, was sie während der Nazi-Zeit gemacht haben. Ich weiß sogar wirklich etliche dunkle Punkte von meinem Vater."

Der Vater bleibt immer hinter seiner Brille verborgen und schwer durchschaubar. Und wenn er unvermittelt seine Frau vor allen Kindern schlägt, bis sie blutet, geschieht das so nebenbei, fast schon am Rande der Szene, wie es das Kind damals wahrgenommen hat. "Das war unsere Kindertechnik, wie wir das bewältigt haben", sagt Volker Reiche. "Der Vater war weg, die Mutter hat sich das Blut von der Nase gewischt. Feierabend. Jetzt schnell was basteln, zeichnen, raus rennen, Versteck spielen - und der Schrecken ist erst einmal wieder vorbei."

Prägende Gewalterfahrung
Volker Reiche erzählt oft sarkastisch. Manchmal bleibt einem das Lachen im Halse stecken. Beispielsweise, wenn es um die Nazi-Gedichte des Vaters geht. Die Propaganda des Vaters für den Völkermord illustriert Volker Reiche heute in expressionistischem Stil, als Farce. Die Frankfurter Galerie "Art Virus" hat diese Gemälde vor Kurzem ausgestellt. Volker Reiche hat mit der Malerei ein weiteres Medium gefunden, sich mit den Verbrechen des Dritten Reiches auseinanderzusetzen, mit Massenmord, Holocaust und Krieg. Er zitiert diese Bilder in seinem Comic. "Es geht nicht darum, die heile und schöne Oberfläche der Haut, die Schönheit des Menschen zu zeigen, sondern auch, wie kann dieser Mensch durch andere Menschen verwüstet werden, welches Gesicht kann er auch annehmen", so Reiche. "Ich schaue nicht weg, wenn ich Grässlichkeiten sehe, und ich denke, das hat mit meiner Kindheit und der Gewalterfahrung zu tun."

Reiche weiß heute: Die Schrecken des Krieges übertrug der Vater in häusliche Gewalt. Einmal will der Vater den eigenen Kindern sogar Schlaftabletten verabreichen, damit sie schneller vergessen, was er selbst auch nicht bewältigen kann. "Er war im Osten bei einer Massenerschießung als Kriegsberichterstatter dabei", erinnert sich Volker Reiche. "Irgendwann habe ich genauer gefragt und er sagte: 'Das war in einer Kiesgrube.' Und ich: 'In einer Kiesgrube, die ganze Nacht?' Und dann würgt er die Unterhaltung ab und sagt: 'Kein Gesprächsthema für Kaffee und Kuchen.' Das war die Situation, wo ich merkte, das war in einer Kiesgrubennacht."

Schlüsselerlebnis
Die "Kiesgrubennacht" ist der Schlüssel für diese Familiengeschichte. Am stärksten ist die Graphic Novel dann, wenn das Kind vor den Bitternissen der realen Welt in die Welt der Bücher ausweicht. Lesen ist der erste Schritt, sich von diesem Vater zu distanzieren. "Das öffentliche Auftreten von ihm während der Nazi-Zeit war für mich so schwerwiegend". so der Autor. "Diese Schuld kann nicht einfach weggewischt werden, das man sagt: 'Hey, er war 35 Jahre alt, da wohnen die Kinder heute noch daheim.' Das genügt nicht. Da schweigt meine Empathie für diesen Vater und die wollte ich auch nicht haben und auch nicht zum Ausdruck bringen." Volker Reiche ist unversöhnt geblieben. Und er hat den Mut, es in dieser Graphic Novel darzustellen.

Sendedaten
Kulturzeit: montags bis freitags,
um 19.20 Uhr
Buch
© SuhrkampLupeVolker Reiche
"Kiesgrubennacht: Graphic Novel"
Suhrkamp 2013
ISBN-13: 978-3518464762