Montag bis Freitag 19.20 Uhr
Kalender
Dezember 2016
Mo
Di
Mi
Do
Fr
Sa
So
28
29
30
0102
03
04
0506070809
10
11
12
13
14
15
16
17
18
19
20
21
22
23
24
25
26
27
28
29
30
31
01
Mediathek
SENDUNG vom 02.12.2016
Sendung verpasst?

Navigationselement
Navigationselement
© dpa Lupe
Gunther Geltinger macht die Moorlandschaft zum Gesprächspartner eines isolierten Jungen.
Spiegel der Seele
Der neue Roman von Gunther Geltinger
Darf man in einem Roman von sexuellen Handlungen zwischen Mutter und Sohn erzählen, ohne das Geschehen moralisch zu verurteilen? Gunther Geltinger hat es gewagt und das komplizierte Liebesverhältnis zwischen einer depressiven Mutter und ihrem Sohn einfühlsam beschrieben.
"Die Grenze zwischen der Mutter und Dion, dem Sohn, ist äußerst verwischt von Anfang an", sagt Autor Gunther Geltinger. "Sie pendelt zwischen Vereinnahmung und Abstoßung. Es gibt keine Hautgrenze. Sie wächst sozusagen oft zusammen, fast symbiotisch, auch wenn sie zusammen im Bett liegen und miteinander einschlafen." Um ihre depressive Seele aufzuhellen, puscht sich die Mutter, Marga, mit Drogen auf, beschafft als Prostituierte Geld und hält sich für eine Künstlerin. Sie glaubt, ihrem Sohn Dion, der stottert, dem es an Selbstbewusstsein mangelt, mit liebevoller körperlicher Nähe helfen zu können. Sie versteht nicht, dass sie damit seinen seelischen Notstand noch vergrößert. Dion flieht in die Betrachtung der Libellen, träumt von deren wundersamen Tänzen im nahegelegenen Moor. Geltinger macht die Moorlandschaft zum Gesprächspartner des isolierten Jungen.

Medium Moor
Das Moor gibt Dion seine verschütteten Gedanken und Gefühle wieder. Es spricht zu ihm wie im antiken Mytho Echo zum schweigsamen jungen Narziss. Stotterer brauchen einen Spiegel, in dem sie sich selbst spüren, sich vergewissern können, dass sie existieren und ihre Kräfte wachsen. "Dion und das Moor funktionieren nur in Sprachsynthese", so der Autor. "Das Moor ist stumm, kann nicht sprechen, keine Landschaft kann sprechen. Landschaft hat Geräusche, hat Stimmen, aber keine Sprache. Dion kann sprechen, ist aber als Stotterer in der Sprache behindert. In der Synthese, in der Symbiose der beiden, entsteht eine Stimme, entsteht sogar etwas wie ein flüssiges Sprechen."

Für Dion ist das Moor ein Medium, um seine Sehnsucht, intakt sprechen zu können, zu erfüllen. So wie für Geltinger das Fahrradfahren ein Medium ist, Sprech- und Schreibblockaden aufzulösen und Impulse in fließende Bewegung zu übersetzen. "Das Ziel meiner Sprache ist, einen Fluss herzustellen", sagt Geltinger. "Wenn ich über einen Stotterer schreibe, hatte ich nicht den Wunsch eine Abbildung, eine phonetische Abbildung dieses Stotterns im Text zu finden, sondern es ging mir darum, eigentlich so zu schreiben, wie ein Stotterer sprechen könnte oder sprechen würde oder vielleicht auch im Inneren spricht."

"Früher, als Du noch sehr klein warst, hast Du die Tiefe als bedrohlich empfunden, dir gewünscht, dass sie dich an der Hand nimmt und führt. Hast Du mich wieder lieb?, haucht sie, und das Kind, kurz bevor es eintaucht: hMama, hnicht."

(Gunther Geltinger: "Moor")

Ambivalente Situation
Das Moor als Spiegel der Seele bringt Dions blockiertes Sprechen immer stärker in Bewegung. Heraus kommen lange, oft atemlose Sätze, die nicht enden wollen, als ob in dem Jungen noch immer die Angst vor jedem neuen Satzanfang bestünde. Dions Mutter bemerkt, wie sich ihr Sohn immer weiter von ihr entfernt, selbständiger wird, und kann nicht loslassen. "Die Mutter braucht das Stottern Dions wiederum, um ihn nicht zu verlieren", sagt Geltinger. "Das ist ein Bindungsmerkmal. Deshalb ist das auch ambivalent. Einerseits möchte sie ihm helfen, auf der anderen Seite, wenn sie ihm tatsächlich helfen würde, dass er sein Stottern überwindet, könnte sie ihn verlieren."

Die Handlung des Romans spielt sich im Zeitraum eines Jahres ab. Nach dem Sommer der Zweisamkeit von Mutter und Sohn bricht in Dion der emotionale Herbststurm los und kündigt die Trennung von der Mutter an. Im Dorf findet Dion gleichaltrige Bezugspersonen, mit denen er sich identifizieren kann, die ihn hinaustreiben, ihm die Kraft geben, seinen eigenen Weg zu gehen. Marga, die Mutter, verliert ständig an Macht über ihren Sohn, während dieser niederschreibt, was ihm das Moor erzählt. Plötzlich taucht im Torf eine Leiche auf. Dion fragt sich: Ist es ein ungewünschtes Kind der Mutter, ein abgetriebener Bruder, eine nie geborene Schwester? Der Torf gibt Schicht um Schicht die archivierten Gefühle und Sprechblockaden Dions frei.

Auf der Suche nach sich selbst
Das Moor brennt. Die Flammen raffen das unwegsame Gebiet hinweg. Aus der Urlandschaft wird eine fruchtbare Kulturlandschaft. Ein Zeichen, dass Dions Weg in das Erwachsenwerden gelingen könnte? Doch das Chaos, das seine Mutter in ihm ausgelöst hat, hat sehr tiefe Spuren hinterlassen. "Die Identitätsfindung misslingt nicht ganz", sagt Geltinger. "Es gibt natürlich Wege dorthin. Aber, die Utopie der großen Befreiung, also sozusagen der Schlupf der Libelle in das perfekte adoleszente Tier, dieser Schlupf misslingt." Geltinger prognostiziert Dion keine glückliche Zukunft. Statt befreit in der Gesellschaft anzukommen, holt ihn das Meer zu sich. Der Ablösungsprozess von der Mutter endet in Regression.

Mit großer Einfühlung hat Gunther Geltinger den schwierigen, fast unlösbaren Konflikt beschrieben, den die Abnabelung von Marga und ihrem Sohn Dion beherrscht und den Weg in die Autonomie beider behindert. Wir sind es gewohnt, solche Beziehungen in kriminellen Kategorien zu sehen, als Täter-Opfer-Verhältnis. Geltinger hat versucht, es als ein Buch zu öffnen und das Geschehen zur Sprache zu bringen. Ihm ist ein sprachmächtiges, radikales Buch gelungen.

Sendedaten
Kulturzeit: montags bis freitags,
um 19.20 Uhr
Buch
© SuhrkampLupeGunther Geltinger
"Moor"
Suhrkamp 2013
ISBN: 978-3518423936