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Gekonnt verschränkt Karl-Markus Gauß in seinem neuen Buch persönliche Erfahrungen und Zeitgeschichte, Vergangenheit und Gegenwart.
Nahe Erinnerung
Karl-Markus Gauß über seine Kindheit
Das deutliche, pointierte Formulieren ist sein Markenzeichen. Seit mehr als zwei Jahrzehnten gehört der scharfzüngige Herausgeber der Zeitschrift "Literatur und Kritik", Karl-Markus Gauß, zu den herausragenden Figuren des europäischen Geisteslebens. Über seine Kindheit als Sohn vertriebener Donauschwaben hat er jetzt das Buch "Das Erste, was ich sah" geschrieben.
Gauß ist ein Reisender, hat bereits die Ränder Europas und deren vergessene und verdrängte Kulturen erkundet: als Leser, Forscher und vor allem als Autor. Mit "Das Erste, was ich sah" startet er abermals eine Entdeckungsreise - jene, die zurück in die eigene Kindheit, in die späten 1950er Jahre, führt. "Anders als bei Reisereportagen oder bei Journalen, wie ich sie schreibe, konnte ich nicht von so einem großen Bildungsgut ausgehen, sondern musste etwas ganz anderes aktivieren, nämlich die Erinnerung und das Gedächtnis", so Gauß. Dennoch sei das Schreiben "so freudvoll wie eigentlich noch bei keinem anderen Buch von mir" gewesen, erklärt er, "weil mir so viele Dinge, die ich zu vergessen geglaubt habe, wieder eingefallen sind und ich dadurch das Gefühl gehabt habe, mein eigenes Leben wird dadurch auch wieder reicher."

Schrecken des Zweiten Weltkrieges
Man schreibt das Jahr 1959. Der Autor ist gerade einmal fünf Jahre alt und seine Aufmerksamkeit gilt der Stimme aus dem Radio. Diese verliest die Namen von Vermissten des Zweiten Weltkrieges und von jenen Orten in Russland, an denen sie zum letzten Mal gesehen wurden. Ein Erlebnis, das sich tief in sein Gedächtnis brennt.

Das Fremde aus der Nähe sehen und das Vertraute aus der Distanz betrachten - als Kind vertriebener Donauschwaben wird Gauß schon früh mit anderen Kulturen und Sprachen konfrontiert. 1954 in Salzburg geboren, hat er seine Kindheit und Jugend im Stadtteil Aiglhof verbracht, in einer Siedlung, in der vor allem "Heimatvertriebene" wohnten. "Die haben alle ihre eigene Sprache und ihre eigenen Schicksale mitgebracht", errinnert sich Gauß. "Ich glaube schon, dass das mit dazu beigetragen hat, dass ich da ein gewisses Interesse dafür entwickelt habe."

"Die Welt bestand aus Büchern"
Gekonnt verbindet Gauß persönliche Erfahrungen und Zeitgeschichte, Vergangenheit und Gegenwart. Dabei beschreibt er ebenso behutsam wie eindringlich die sichtbaren Spuren des soeben zu Ende gegangenen Krieges sowie Leben und Alltag in einer Siedlung, in der er unter "Generälen" und "Feldmarschällen" aufwuchs. "Die Welt bestand aus Büchern und richtigen Büchern", schreibt Gauß. Und tatsächlich wird dem Lesen in seiner Familie ein großer Stellenwert eingeräumt. Bücher sind es letztendlich auch, die ganz einschneidende Erlebnisse in Gauß' Kindheit markieren, wie er sagt: "Für uns in der Familie galten Bücher immer als das Edelste. Wenn eine Tasse auf den Boden fiel und die kaputt war, war das harmlos. Aber ein Buch musste mit Ehren und mit Achtung behandelt werden."

Unterwegs und dennoch bei sich sein - in diesem Wechselspiel entstehen die Bücher von Karl-Markus Gauß. Diesmal erzählt er aus der Sicht eines kleinen Buben, jedoch mit dem Bewusstsein des zurückblickenden Erwachsenen. Mit souveräner Leichtigkeit schildert Gauß das Heranwachsen eines Kindes, das früh die Macht der Wörter erahnen lernt und sich in den Geschichten, die es hört, die Welt auf seine eigene Weise erklärt.

Sendedaten
Kulturzeit: montags bis freitags,
um 19.20 Uhr
Buch
Karl-Markus Gauß
"Das Erste, was ich sah"
Paul Zsolnay-Verlag 2013
ISBN-13: 978-3552056381