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© dpa Lupe
Priester, Firmenbosse, Chirurgen - die Erfolgreichen unter ihnen sind "funktionierende Psychopathen", sagt der Psychologie-Professor Kevin Dutton.
Der ganz normale Wahnsinn
Kevin Dutton sieht Psychopathen als Vorbilder
Was hat Richard Fuld, Ex-Chef von Lehman Brothers und Milliarden-Pleitier, mit Neil Armstrong, dem ersten Menschen auf dem Mond, gemeinsam? Welche Wesenszüge teilt manch erfolgreicher Chirurg mit manchem Priester? Der Psychologie-Professor Kevin Dutton kennt die Antwort: Viele sind Psychopathen. Dutton hält nicht alle Psychopathen für geisteskrank. Im Gegenteil: Er lobt sie als Vorbilder.
"Psychopathen haben gewisse positive Wesenszüge", sagt Dutton. "Wenn wir es auf einer professionellen Ebene betrachten, sind Psychopathen durchsetzungsfähig. Sie schieben nichts vor sich her, konzentrieren sich auf das Positive, nehmen nichts persönlich, hadern nicht mit sich selbst, wenn die Dinge einmal schiefgehen und unter Druck handeln sie sehr überlegt. Ich denke, im Alltag könnten wir alle von derartigen charakteristischen Merkmalen profitieren."

Dutton: Ein bisschen Psychopathie ist nützlich
Lernen von denen, die man normalerweise wegsperrt? Serientäter wie Ted Bundy taugen nicht gerade als Charaktermodell. Bundy tötete mindestens 36 Frauen und verging sich an ihren Leichen. Mitleid oder Reue kannte er nicht. Trotzdem: Kevin Dutton glaubt, dass ein bisschen Psychopathie nützlich sein kann. Und er weiß, was einen Vorzeige-Psychopathen ausmacht, denn er hat viele im Gefängnis gesprochen. "Sie haben dieses raubtierhafte Starren, sie taxieren dich wie ein Raubtier, das seine Beute fixiert", sagt Dutton. "Gleichzeitig sind Psychopathen sehr charismatisch. Sie haben eine ansteckende Energie, sie umgibt eine Aura der Unbezähmbarkeit. Das hat einen Grund: Psychopathen werden nicht von denselben Ängsten geplagt wie der Rest von uns. Für sie ist alles möglich. Sie konzentrieren sich auf das Positive. Das wirkt sehr inspirierend. Jeder von uns möchte ein bisschen so sein wie sie."

© reuters Lupe
Magisches Charisma, unbekümmerte Rücksichtslosigkeit: Steve Jobs.
Kevin Dutton hält Psychopathie nicht zwingend für eine Krankheit, sondern für einen Karriereturbo - eine kühne These. Dutton bezeichnet diese Menschen als "funktionierende Psychopathen" - und nennt Beispiele. So habe Steve Jobs, der 2011 verstorbene Apple-Chef, eine ganze Reihe psychopathischer Merkmale besessen: magisches Charisma, unbekümmerte Rücksichtslosigkeit. Dass das nicht zwangsläufig zum Erfolg führt, zeigt der Fall von Richard Fuld, Ex-Chef von Lehman Brothers. Fuld war der Prototyp eines erfolgreichen Psychopathen: skrupellos, selbstherrlich - und verantwortlich für einen 600-Milliarden-Dollar-Bankrott. Und er ist nicht der Einzige.

"2011 habe ich eine Umfrage namens 'Die Große Britische Psychopathenstudie' durchgeführt", berichtet Dutton. "Diese Studie ist einzigartig: Es ist die erste Untersuchung, die psychopathische Eigenschaften innerhalb der Erwerbsbevölkerung eines ganzen Landes gemessen hat. Ich fragte mich: Was wird wohl der psychopathischste Beruf Großbritanniens sein? Das Ergebnis war ein echter Augenöffner. Auf Platz eins lagen Firmenbosse. Das ist vielleicht nicht so überraschend. Auf Platz zwei lagen Anwälte, den dritten Platz nahmen Radio- und Fernsehjournalisten ein. Dann kamen Chirurgen, Printjournalisten, aber das Überraschendste waren die Plätze sieben und acht: Dort lagen Geistliche. Eigentlich kein Wunder: Psychopathen schlagen sich sehr gut in Berufen, in denen eine große Machtdynamik herrscht, in denen es sehr hierarchisch zugeht."

Was macht den Unterschied?
© dpa Lupe
Auch Chirurgen brauchen nach Dutton psychopathische Eigenschaften.
Die Kirche ist eben ein Business wie jedes andere auch, ein Fegefeuer der Manipulation und der Skrupellosigkeit. Psychopathen im Talar? Kein Grund zur Sorge, sagt Dutton, denn die Gesellschaft profitiere von erfolgreichen Psychopathen. Wie von Chirurgen, die ohne innere Härte und Empathielosigkeit gar nicht in der Lage wären, am offenen Herzen zu operieren. Sozial akzeptierte Helden und Psychopathen sind einander nicht unähnlich. Was macht den Unterschied, ob jemand zum Killer wird oder zu einer Stütze der Gesellschaft?

"Nehmen wir an, sie sind ein Psychopath, sie stammen aus schlechten Verhältnissen, haben nur geringe Intelligenz und sind gewalttätig veranlagt", sagt Dutton. "Ehrlich gesagt: Ihre Aussichten sind nicht gerade gut. Sie werden vielleicht Schläger oder Schutzgeldeintreiber einer kriminellen Gang werden. So oder so: Sie werden ziemlich schnell im Gefängnis landen. Nehmen wir dagegen an, sie sind ein Psychopath, sind nicht gewalttätig, stammen aus guten Verhältnissen und sind intelligent, dann sieht die Sache ganz anders aus. Wahrscheinlich werden Sie eher zum Karrieretypen statt zum Killer werden. Nehmen wir schließlich noch an, dass sie ein Psychopath, intelligent und brutal sind, dann stehen ihnen alle noch so exotischen Berufe offen."

Musterbeispiel Neil Armstrong
© AP Lupe
Stets fokussiert: Neil Armstrong
Exotische Berufe wie Raumfahrer zum Beispiel. Für Kevin Dutton ist Neil Armstrong, der erste Mensch auf dem Mond, das Musterbeispiel eines funktionierenden Psychopathen. Armstrong war stets eiskalt und fokussiert, während sein Astronauten-Kollege Edwin Aldrin während des Fluges zum Mond Todesängste ausstand. Armstrongs Herzschlag hingegen, so registrierte es das Kontrollzentrum in Houston, war nicht einmal dann erhöht, als er den Mond betrat. Ein echter Held also. Ein psychopathischer Held für eine psychopathische Gesellschaft? "Ich glaube, dass unsere heutige Gesellschaft zunehmend psychopathischer wird", sagt Dutton. "Es gibt mehrere Studien, die das belegen: Vor kurzem wurde in den Vereinigten Staaten eine entsprechende Umfrage unter Collegestudenten durchgeführt. Dabei kam heraus, dass sich die Werte für Empathie und Mitgefühl seit 30 Jahren im freien Fall befinden. Der stärkste Rückgang fand innerhalb der letzten zehn Jahre statt. Gleichzeitig gingen unter denselben Studenten die Werte für Narzissmus förmlich durch die Decke."

Ist der Psychopath von heute also der geistig Gesunde von morgen? Kevin Duttons Thesen sind gewagt, doch von der Hand weisen kann man seine Befunde nicht. Vielleicht sind Psychopathen tatsächlich besser gerüstet für den alltäglichen, den ganz normalen Wahnsinn.

Sendedaten
Kulturzeit: montags bis freitags,
um 19.20 Uhr
Buch
© dtvLupeKevin Dutton
"Psychopathen: Was man von Heiligen, Anwälten und Serienmördern lernen kann"
Deutscher-Taschenbuch-Verlag 2013
ISBN-13: 978-3423249751
Link
© www.paulrobertwilliamsTest bei dtv:
Sind Sie ein Psychopath?