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© dpa Video
Viele Flüchtlinge haben mit Paula Bulling offen gesprochen. Im Comic findet die Zeichnerin besondere Möglichkeiten für das sensible Thema.
Zermürbende Enge
Ein Comic beschreibt das Leben von Asylbewerbern
"Willkommen im Land der Frühaufsteher" - so freundlich und offen begrüßt Sachsen-Anhalt seine Besucher. Doch nicht alle, wie man dem Comic "Im Land der Frühaufsteher" entnehmen kann. Die Zeichnerin Paula Bulling blickt darin in Unterkünfte für Asylbewerber. Roh, beängstigend, trostlos sieht für sie das Leben von Flüchtlingen in Deutschland aus.
"Ich habe gesehen, dass einfach Leute wie du und ich in diesen Heimen wohnen und dass diese Heime einfach absolut unmenschliche Lebensbedingungen bieten", sagt Paula Bulling. Wie in Deutschland mit Flüchtlingen umgegangen wird, sei "einfach ein Skandal. Ich finde es immer so schwierig, dafür Worte zu finden, denn es müssten total drastische Worte sein. Aber gleichzeitig ist die Realität, die dort passiert, total unspektakulär, aber durch diese Dauerhaftigkeit zermürbend."

Leben mit der Ungewissheit
Bei einer Veranstaltung syrischer Menschenrechtsaktivisten erfuhr Paula Bulling zum ersten Mal etwas über die Situation der Flüchtlinge. Sie recherchierte, besuchte mehrere Heime in Sachsen-Anhalt und befragte Asylsuchende. Enge, Ungewissheit, Arbeitsverbot belasten die Asylsuchenden. Viele Flüchtlinge haben mit Paula Bulling offen gesprochen. Im Comic findet die Zeichnerin besondere Möglichkeiten für das sensible Thema. "Im Land der Frühaufsteher" lebt von der Subjektivität der Eindrücke. "Es ist immer klar, dass es ein Bild ist, das ich gezeichnet habe", sagt Paula Bulling.

Können Weiße die Situation von Schwarzen Flüchtlingen überhaupt ermessen? Und was gibt ihnen das Recht, darüber zu sprechen? "Wenn ich als weiße Frau über dieses Thema spreche und diese Lebensbedingungen schildere, schildere ich die natürlich aus meiner Perspektive und rücke auch die Dinge ins Zentrum, die ich als wichtig empfinde", sagt Bullling. "Das kann mitunter etwas total Anderes sein als das, was die Leute dort selbst äußern wollen. Letztlich ist der ganze Diskurs über das Thema Flucht und Asyl ganz extrem von weißen Menschen geprägt. Die, die tatsächlich betroffen sind, kommen in den Medien viel weniger zu Wort und werden viel weniger ernst genommen."

Der andere Blick
Welchen Blick haben wir? Wie verwerten wir die Bilder und Informationen, die wir über das Thema Asyl in Deutschland erhalten? Größtenteils spielt der Comic in der Zentralen Anlaufstelle für Flüchtlinge in Halberstadt. Wer sich in Sachsen-Anhalt um Asyl bewirbt, wohnt die ersten Wochen oder Monate dort. Auf die Bedingungen für Flüchtlinge haben verantwortliche Behörden einen ganz anderen Blick. "Ich denke, wir werden etwas verzerrt dargestellt", sagt Rolf Harder, Leiter der Zentralen Anlaufstelle Halberstadt. "Ich bin nicht so ganz glücklich darüber. Ich habe mir den Comic selbst beschafft und habe ihn mir angesehen. Ich denke, an einigen Stellen sind wir nicht richtig wiedergegeben worden. Das, was wir hier zur Verfügung stellen und den Menschen bieten, die zu uns kommen wollen."

Der Blick der Asylbewerber ist im Comic präsent. Noel Kaboré beispielsweise floh aus Burkina Faso und lebte länger als ein Jahr in der Anlaufstelle in Halberstadt. Weil er zunächst kaum Deutsch sprach, war er froh, dass sich jemand von außen für die Flüchtlinge interessierte. Während der Comic entstand, kam ein Asylbewerber aus dem Heim in Möhlau unter ungeklärten Umständen ums Leben. Paula Bulling fing die Trauer seiner Familie ein. Fast hätte sie "Im Land der Frühaufsteher" nicht vollendet. Doch Paula Bulling zeichnete weiter und gibt so den Asylsuchenden auf ihre persönliche Weise eine Stimme.

Sendedaten
"Kulturzeit extra: Asyl - Glück im Unglück?"
Dienstag, 12.03.2013
um 19.20 Uhr auf 3sat
Comic
© Avant-VerlagLupePaula Bulling
"Im Land der Frühaufsteher"
Avant-Verlag 2012
ISBN-13: 978-3939080688