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© privat Lupe
Multitalent Nicolas Mahler hat eine Vorliebe für Abgründiges.
Existenzialist des Humors
Nicolas Mahler adaptiert "Alice" neu
Der Wiener Zeichner und Humorist Nicolas Mahler hat sich Lewis Carolls "Alice im Wunderland" vorgenommen. "Alice in Sussex" ist seine freche, fast schon postmoderne Variation des Klassikers, eine aus zahlreichen literarischen Versatzstücken, zumeist Klassikern der Weltliteratur, zusammengesetzte Montage.
Nicolas Mahler hat eine Vorliebe für Abgründiges, sei es nun die Wiener Kanalisation oder ein labyrinthischer Trip in die Abgründe des Erwachsenwerdens in Lewis Carolls "Alice im Wunderland". Dort gibt es Begegnungen mit skurrilen Geschöpfen, die in einer eigenen Logik leben - Figuren wie geschaffen für den Meister des skurrilen und hintersinnigen Humors. Nicolas Mahler hat nun einen wilden Mix aus Lewis Caroll, Herman Melvilles "Moby Dick", H.C. Artmann und anderen literarischen Fundstücken kreiert. Der Existenzialist des Humors führt uns gerne in die Irre. Eine Comic-Literaturadaption? Das reicht ihm nicht.

"Alice in Sussex" ist freier, respektloser, humoristischer. "Alle, die darin vorkommen, haben einen gewissen Sinn für Humor", sagt Mahler. "Man merkt, es sind Leute oder Schreiber, die alles so hinterfragen, dass sie auf den humoresken Kern stoßen." Und der liegt auf jeden Fall ganz tief unten. Dort ist es zu finden, das unwiderstehliche Antidepressivum gegen Sprach- und Weltschmerz, in existenzieller Komik. Diese und sein minimalistischer Stil haben Nicolas Mahler zum international bekannten, deutschsprachigen Comiczeichner gemacht. Bereits mit zahlreichen Preisen überhäuft, erfindet sich der Querdenker trotzdem immer wieder neu und bleibt sich dabei treu.

Dunkler Humor
Alice zitiert den rumänischen Philosophen Emil Cioran - das ist Mahler, mit großen Schritten durch die Philosophie- und Literaturgeschichte flanierend,scheinbar beiläufig. "Warum soll nicht der Hase aus 'Alice im Wunderland', die Alice aus dem Artmann-Text treffen, aber in Melville-Zitaten sprechen, zum Beispiel? Das klingt ein bisschen komisch, aber für mich ist es ganz normal", sagt der Zeichner und Humorist. Normal heißt bei ihm: quergedacht. Ismaels Flucht in einer Nussschale über den offenen Pazifik gehört zu Melvilles Vorläufern für "Moby Dick". Bildpoetische Reduktion versus inhaltlicher Reichtum: Es ist lustig im Mahler-Universum, vor allem aber dunkel, ganz wie beim poetischen Urgestein H.C. Artmann, dem er die Ehre erweist: melancholisch und makaber.

Vielleicht ist Humor einfach eine komische Art, ernst zu sein. "Was in die Tiefe geht, ist nichts für mich", sagt Mahler. "Das ist das Buch der Bücher, in dem Buch ist alles drin: Tragik, Komik, Verzweiflung, Blödsinn." Er träume von einer Sprache, deren Worte wie Fäuste die Kiefer zermalmen. Beim Original-Artmannmerke man zum Beispiel, dass er so dicht schreibe, dass für Mahler fast jeder Satz eine Inspiration, ihm also eine Anmerkung wert sei. Die Kunst der Verdichtung beherrscht Mahler.

Hommage an eine intellektuelle Verrücktheit
Sein bisheriges Werk ist nicht minder beeindruckend: mehr als 40 Publikationen, vier Trickfilme, Siebdruckeditionen, Kinderbücher, Hörspiele hat er herausgebracht - nie nach dem Prinzip, was sich gut verkauft. Trotzdem hat er so etwas wie Karriere gemacht, und das als Comic-Zeichner. Seine "Alice in Sussex" ist auch eine Hommage an eine intellektuelle Verrücktheit, an Kindheit,Jugend, Fantasie, Langeweile, die das Konzept von Normalität infrage stellt, immer in Abgrenzung zum Mainstream.

"Mich interessiert nur das gesellschaftlich Irrelevante", sagt Nicolas Mahler. "Deswegen bin ich auch froh, dass in dem Buch keine Aussage und kein Gegenwartsbezug und nichts, was gesellschaftlich relevant ist, steht. Zumindest nicht auf den ersten Blick. Es ist nichts gegen gesellschaftliche Relevanz zu sagen, aber ich will mich damit nicht beschäftigen, weil mir die Gesellschaft auf die Nerven geht. Mein Ideal ist, irgend etwas zu machen, mit dem man sich quasi von der Gesellschaft eher entfernt. Das ist der Grund, überhaupt zu zeichnen." "Leben heißt Boden Verlieren", so der rumänische Philosoph Emil Cioran. Für die einen ist das Anlass zur Flucht, für einen wie Nicolas Mahler heißt es Ankommen.

Sendedaten
Kulturzeit: montags bis freitags,
um 19.20 Uhr
Buch
© SuhrkampLupeNicolas Mahler
"Alice in Sussex"
Frei nach Lewis Carroll und H.C. Artmann
Suhrkamp 2013
ISBN-13: 978-3518463864
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