Montag bis Freitag 19.20 Uhr
Kalender
April 2017
Mo
Di
Mi
Do
Fr
Sa
So
27
28
29
30
31
01
02
0304050607
08
09
10111213141516171819202122232425262728
29
30
Moderation
SENDUNG
Themen am 28.04.2017Navigationselement
Navigationselement
© photocase Lupe
Shereen El Feki schildert in ihrem Buch eine Welt voll versteckter Sexualität.
Unter dem Schleier
Ein Buch über das Tabu Sex in der arabischen Welt
Über Sex in der arabischen Welt wissen wir so gut wie nichts. Das Buch "Sex und die Zitadelle" von Shereen El Feki bricht mit diesem Tabu und erzählt vom Liebesleben im Orient. Menschen aus arabischen Ländern sprechen darin über sexuelle Praktiken und über die vielen Probleme, die durch Religion und gesellschaftlichen Druck entstehen.
Fünf Jahre lang hat Shereen El Feki muslimische Frauen und Männer befragt und ihr Sexualleben durchleuchtet. Ihr Fazit ist schonungslos: Sexualität wird unterdrückt und findet, wenn überhaupt, nur in einer Zitadelle, einer Festung statt und die heißt: Ehe.

Dogma: Sex nur in der Ehe
"Das Bild der Zitadelle steht für das Dogma, dass Sex nur in der Ehe gestattet ist", sagt die Autorin. "Wenn aber Sex in der arabischen Welt nur im Kontext der Ehe stattfinden darf, was sollen dann all die jungen Leute tun? Der Prophet Mohammed empfahl, dass Gläubige bis zur Heirat enthaltsam leben sollen. Aber er meinte sicher nicht, man solle enthaltsam bleiben, bis man 30 ist."

Shereen El Feki erzählt von denen, die nicht auf einen Platz in der Zitadelle der Ehe warten wollen, die während der Revolution nicht nur gegen Diktatoren, sondern auch gegen die gesellschaftlichen und ökonomischen Zwänge gekämpft haben, die eine freie Sexualität unmöglich machen. Die patriarchale Dominanz des Mannes wankt, religiöse Gebote geraten in Konflikt mit der Realität einer modernen Welt. "Frauen machen heute Karriere", so El Feki. "Freundinnen von mir, überall in der Region, sind dynamische, erfolgreiche, wundervolle Frauen - und dennoch finden sie niemanden zum Heiraten. Sie begründen das damit, dass Männer keine dynamischen erfolgreichen Ehefrauen haben wollen. Frauen pochen inzwischen selbstbewusst auf ihre Rolle in der Gesellschaft, während Männer noch im prähistorischen Zustand sind."

"Wir als Muslime sind das Problem"
Shereen El Feki schildert eine Welt voll versteckter und heimlicher Sexualität in allen Varianten: Prostitution, außereheliche Beziehungen, hetero- wie homosexuell. Der Alltag ist mit sexuellen Symbolen aufgeladen, die sexuelle Wirklichkeit unterliegt jedoch strengen Geboten, die von den radikal religiösen Gruppen aufgezwungen werden. "Einer der springenden Punkte in meinem Buch ist die Feststellung, dass in Fragen der Sexualität nicht der Islam das Problem ist", sagt die Verfasserin des Buchs. "Wir als Muslime sind das Problem. Es gibt so viele Möglichkeiten, den Islam zu interpretieren. Wenn man zurück in die Geschichte blickt, dann sieht man, dass viele wunderbare erotische Schriften von religiösen Gelehrten geschrieben worden sind."

Doch so sehr die Konservativen ihre rigiden Moralvorstellungen auch betonieren wollen, die Menschen verlangen Enttabuisierung und Information. Heba Kotb ist Ägyptens wohl bekannteste Sexualberaterin. In ihrer Fernsehsendung sind Tabuthemen wie die zunehmende sexuelle Belästigung oder weibliche Genitalverstümmelung an der Tagesordnung. Ein Iman erläutert, dass die Beschneidung der Frau kein religiöses Gebot sei. Die Menschen wollen wissen, aber es mangelt an offener Aufklärung. "Junge sollten sich frei fühlen, Fragen zu stellen", sagt Shereen El Feki. "Das ist der Schlüssel zu ihrer Entwicklung als Individuen und als Staatsbürger. Und wenn man das nicht einmal für so ein menschliches Grundbedürfnis wie Sexualität möglich macht, wie wollen wir dann eine Demokratie aufbauen, einen Staat? Das hängt alles zusammen. Sexualität und das Politische sind eng mit einander verbunden."

Offener Umgang mit der Sexualität gefordert
Für Shereen El Feki ist die Rebellion in den arabischen Staaten erst der Anfang. Ihre Reise durch die Lebens- und Liebeswelten zeigt, wie Sexualität alle Lebensbereiche tangiert, vor allem das Verhältnis der Geschlechter. Was sie fordert, ist ein offener Umgang, ist Befreiung - und kein Leben in der Zitadelle. Sonst stagniert auch die politische und soziale Entwicklung. "Vor tausend Jahren konnten wir Araber und Muslime über Sex reden, wir erforschten Sexualität, lebten eine sexuelle Leichtigkeit, über die wir heute nicht verfügen", so El Feki. "Wir nennen es das goldene Zeitalter der islamischen und arabischen Zivilisation. Es ist kein Zufall, dass die Araber von damals selbstsicher und kreativ agierten, gerade weil sie einen viel offeneren Umgang mit Sexualität pflegten. Eine Leichtigkeit, die wir heute vermissen."

Sendedaten
Kulturzeit: montags bis freitags,
um 19.20 Uhr
Buch
© Carl HanserLupeShereen El Feki
Übersetzung: Thorsten Schmidt
"Sex und die Zitadelle: Liebesleben in der sich wandelnden arabischen Welt"
Carls Hanser 2013
ISBN-13: 978-3446241527
Schwerpunkt
© reutersArabische Revolution