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© dpa Lupe
Im Schatten der Banken in Frankfurt wird die Ökonomie zum Monster.
Spielball der Mächte
Frank Schirrmachers Buch "Ego"
Das Buch "Ego: Das Spiel des Lebens" erzählt davon, wie nach dem Ende des Kalten Krieges ein neuer Kalter Krieg im Herzen unserer Gesellschaft eröffnet wird. Frank Schirrmacher (1959-2014) erzählt die Geschichte einer Manipulation: Die Ökonomen haben seiner Ansicht nach den Seelenhaushalt des modernen Menschen zu ihrer Sache gemacht. Die Ökonomie wird zum "Monster", das auch die privateste Welt des Einzelnen durchdringt.
Im Spiel will jeder gewinnen. Jeder Zug hat nur einen Zweck: den eigenen Vorteil. Spiel und Leben funktionieren nach demselben, einfachen Prinzip: Wer gewinnen will, muss ein Egoist sein. Wissen, was der andere denkt, ist der Schlüssel zum Sieg. Aber wenn jeder gewinnen will, wird auch jeder berechenbar. Was zählt der freie Wille, wenn man berechnen kann, was der nächste Zug sein wird? Ist unsere Autonomie nur eine Illusion? "Wie für jeden, der sich damit befasst", so Schirrmacher, "stellt sich doch die Frage: Was kann eigentlich eine Demokratie noch sein in so einer Gesellschaft. Darum wollte ich mir das selbst klarmachen. Ich habe festgestellt, dass zwischen Staaten und dem Einzelnen gar kein großer Unterschied mehr besteht, da auch der Einzelne immer stärker spürt, dass man ihm zwar sagt: 'Du kannst alles werden', aber er de facto feststellt, er hat gar keine Autonomie mehr. Und genauso ist es mit der Autonomie der Staaten. Darüber wollte ich nachdenken."

Das Erbe des Kalten Krieges
© dpa Lupe
Frank Schirrmacher
Der "FAZ"-Herausgeber Frank Schirrmacher erzählt die Geschichte einer großen Manipulation. In seinem Buch "Ego" beschreibt er, wie es dazu kommen konnte, dass wir alle zu Marionetten im großen Spiel wurden. Das, was das Spiel bis heute am Laufen hält, ist laut Schirrmacher das Erbe des Kalten Krieges. Den Finger am nuklearen Abzug begannen Ost und West ein Spiel des gegenseitigen Belauerns, der Täuschungen, der Angst. In diesem Klima der Furcht wurde im Westen eine Theorie geschaffen, die bis heute Macht über uns hat. Ihre Grundannahme: Jeder handelt nur eigennützig und will den anderen besiegen. Nur der eigene Vorteil zählt, Moral spielt keine Rolle.

"Diese Theorie", sagt Schirrmacher, "die Rational Choice-Theorie, Spieltheorie, hatte aufgrund des Systemkonflikts mit der Sowjetunion ein neues Menschenbild geschaffen, das sehr wirkungsvoll war. Das eine war, vom anderen grundsätzlich das Schlechteste zu denken. Beide hatten die Atombombe, beide konnten sich gegenseitig vernichten in diesem Spiel. Man musste annehmen, der andere will seinerseits nicht zerstört werden, also hat er ein egoistisches Interesse, zu überleben, aber er will uns auch angreifen."

Der Egoismus wird automatisiert
Die Theorie des radikalen Egoismus beginnt als mathematisches Gedankenspiel. Einer ihrer Vordenker, John Nash, ein brillanter Mathematiker, ist das Vorbild für den Film "A Beautiful Mind" und Wirtschaftsnobelpreisträger. Nach dem Kalten Krieg gehen die Väter der Spieltheorie an die Wall Street. Der Schauplatz verlagert sich, aber das Denken bleibt dasselbe: Der Gegner sucht immer nur den eigenen Vorteil, also ist er berechenbar - mit Formeln, Algorithmen, Computern. Der Egoismus wird automatisiert, und die Maschinen schaffen sich ihren eigenen Menschentypus.

"Wenn sie eine Theorie des absoluten Eigennutzes modellieren, wissen wir, dass das Menschen verändert", erklärt Schirrmacher. "Wenn Sie eine Theorie erstellen, dass Menschen immer egoistisch sind, dass sie zwar kooperieren, aber am Ende immer an sich selbst denken, wissen wir, dass das performativ ist. Das schafft die Wirklichkeit, die es beschreibt. Deskriptiv, nicht normativ. Und das ist das eigentlich Gefährliche." Heute handeln die Maschinen der Wall Street so, wie sie es im Kalten Krieg gelernt haben: Sie attackieren sich gegenseitig, Milliardenbeträge werden vernichtet, wir werden zu Zuschauern. Das große Spiel geht weiter, auch im realen Leben: Die Staaten werden vom politischen Akteur zum Spielball der Märkte. Für die Egoismus-Automaten sind sie Konkurrenten, die es auszutricksen gilt. Ganze Nationen kollabieren, der Einzelne spielt in diesem System keine Rolle. Die Menschen spüren, dass sie Gefangene eines Spiels sind, auf das sie keinen Einfluss haben.

Kritik am Diktat der Ökonomie
"Was erlauben wir", fragt Schirrmacher, "welches Spiel wollen wir spielen? Wollen wir ein uneigentliches Spiel von verdeckten Schachzügen, von heimlichem, indirekten Reden in unseren Gesellschaften, in unseren Demokratien, oder wollen wir etwas anderes? Honorieren wir offenes Spiel mit dem Anderen? Das ist die Frage, die sich uns jetzt stellt." Frank Schirrmacher stellt in "Ego" die richtigen Fragen. Er liefert Analysen, keine Antworten. Dennoch wird deutlich: Die Kritik am Diktat der Ökonomie ist bei den Konservativen angekommen. Wird die ehrwürdige "FAZ" gar zum Flaggschiff der Kapitalismuskritiker?

"Auch die 'FAZ', das zeigt die Geschichte dieser Zeitung, war immer auf der Seite derer", so der Autor, "und ich hoffe, dass daher auch der Ausweg kommt: von der Realwirtschaft, vom Mittelstand. Nehmen Sie Familienunternehmen, die finden auch alle ganz schrecklich, was dort passiert. Das sind Unternehmen, die Marx vielleicht noch Kapitalisten genannt hätte, aber das sind Unternehmen, die sagen: 'Wir sind auf Nachhaltigkeit aus'. Das, woraus Deutschland besteht, der deutsche Mittelstand, ist hier mit im Boot der Kapitalismuskritik." Die Logik des Kalten Krieges ist zur Logik der Zivilgesellschaft geworden und korrumpiert sie. Die Egoismus-Maschinen spielen das große Spiel längst ohne den Menschen. Der Verlierer steht von vornherein fest: wir alle.

Sendedaten
Kulturzeit: montags bis freitags,
um 19.20 Uhr
Nachruf
Der Debattengeber
FAZ-Mitherausgeber Frank Schirrmacher ist tot (12.06.2014)
Buch
© BlessingLupeFrank Schirrmacher
"Ego: Das Spiel des Lebens"
Karl Blessing 2013
ISBN-13: 978-3896674272
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