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© dpa Lupe
Quer durch alle gesellschaftlichen Schichten und immer aufs Neue fragt Tuvia Tenenbom nach deutschem Nationalstolz, Antisemitismus und Identität.
Strittiger Ankläger
Tuvia Tenenboms provozierende Thesen
Er ist Journalist, Dramatiker und Gründer des "Jewish Theater of New York": Tuvia Tenenbom. Mit seinem provokanten Buch "Allein unter Deutschen: Eine Entdeckungsreise" hat er die Antisemitismus-Debatte in Deutschland neu befeuert. Denn Deutschland ist für ihn ein Albtraum: der Judenhass der Gegenwart sei nicht anders als in der NS-Zeit, sagt er.
Es hätte alles so schön sein können, im Sommer 2010. Es ist Fußball-Weltmeisterschaft und Deutschland ist mit sich selbst im Einklang. Doch dann kommt der Spielverderber: Tuvia Tenenbom. Über seine Reise entsteht ein Buch, ein Buch über die Seelenlandschaft der Deutschen. In zahllosen Interviews und Zufallsbegegnungen stößt Tuvia Tenenbom immer wieder auf das Thema, das die Deutschen umzutreiben scheint: die Juden.

"Als ich meine Reise begann, dachte ich nicht einmal für eine Sekunde daran, dass es um Juden und Antisemitismus gehen würde", sagt er. "Ich dachte, es würde um alte Frauen gehen, um 70-Jährige, die immer noch versuchen, 17 zu sein und immer noch Sex haben wollen. An solche lustigen Geschichten dachte ich. Wenn ich am Anfang dieses antisemitische Zeugs hörte, habe ich es nicht einmal aufgeschrieben. Ich dachte: Okay, das sind Idioten. Jedes Land der Welt hat eine Minderheit, die rassistisch ist, kein Land ist perfekt. Doch dann wiederholte es sich, immer und immer wieder."

Unter jedem Deutschen stecke ein Antimsemit
Herausgekommen bei Tenenboms Entdeckungsreise ist ein provokantes, seit seinem Erscheinen heftig umstrittenes Buch. Berührungsängste kennt Tenenbom auf seiner Reise nicht: Er trifft deutsche Amtsträger wie den sächsischen Ministerpräsidenten Stanislaw Tillich, den Altkanzler Helmut Schmidt und er bewundert deutsche Effizienz in der Autostadt Wolfsburg. Getarnt als ausgewanderter reinrassiger Arier besucht er eine Neonazi-Kneipe. Mit dem Wirt versteht er sich blendend, auch als dieser von einem neuen Holocaust fantasiert. Dieser offene Judenhass ist für Tenenbom nur die Spitze des Eisbergs. Er glaubt, wenn man nur lange genug an der Oberfläche jedes Deutschen kratzt, komme ein Antisemit zum Vorschein.

Tuvia Tenenbom: "Wenn man die Leute fragt, 'wie ergeht es dir während der Finanzkrise?', dann antworten sie, 'nun, das hängt ganz von ihnen ab.' Du fragst: 'Von wem denn?', dann heißt es: 'Weißt Du das nicht?' Du antwortest: 'Nein, weiß ich nicht, ich bin keiner von der Wallstreet.' 'Die Juden!' 'Die Juden?' 'Ja, die Juden! Sie besitzen alles Geld der Welt, weißt du das etwa nicht? 70 Prozent des weltweiten Kapitals gehört den Juden!' Ich hasse es, wenn sie so genau sind. Wenn ich sage, dass acht von zehn Deutschen immer noch Antisemiten sind, dann weiß ich sehr wohl, dass die meisten es leugnen würden. Würde man sie direkt fragen, 'bist du ein Antisemit?', dann würden sie sagen: 'Gott bewahre, ich tue nur Gutes! Ich demonstriere doch jeden Sonntag für die Palästinenser! Ich versuche doch immer, nur Gutes zu tun!'"

Andere Zahlen der Antisemitismusforschung
Laut Tuvia Tenenbom seien unvorstellbare 80 Prozent der Deutschen verkappte Antisemiten - eine realistische Zahl? "Ich weiß nicht, wo Tuvia Tenenbom die Zahlen von etwa 80 Prozent der Deutschen, die angeblich eine antisemitische Haltung hätten, her hat, jedenfalls die wissenschaftlichen Ergebnisse sind andere", weiß die Antisemitismusforscherin Juliane Wetzel. "Bei Umfragen in den letzten 20 bis 25 Jahren sind in etwa immer 20 bis 25 Prozent der bundesdeutschen Bevölkerung als antisemitisch eingestuft worden, das heißt, sie stimmen teilweise bis ganz verschiedenen Aussagen zu, die aus diesen Facetten antisemitischer Haltungen abgefragt werden." Juliane Wetzel forscht seit 20 Jahren über Antisemitismus in Deutschland. Sie glaubt, dass Polemiken wie Tenenboms Buch den Blick auf das wahre Problem verstellen. "Es schadet einer genauen Definition des Antisemitismus' und damit natürlich auch einer Bekämpfung des Antisemitismus', wenn der Begriff so inflationär verwendet und ausgehöhlt wird", so Juliane Wetzel.

Statistiken interessieren Tenenbom nicht. Sein Mittel der Aufklärung ist die Provokation. Manchmal findet er die Wahrheiten, die er ohnehin schon zu kennen glaubt. Das gefällt nicht jedem. Ursprünglich hätte sein Buch bei Rowohlt erscheinen sollen. Doch Rowohlt-Verleger Alexander Fest sah in Tenenboms Manuskript juristische Probleme. Ein Interview will Fest nicht geben, aber er stellt Kulturzeit seinen Briefwechsel mit Tenenbom zur Verfügung. Daraus geht hervor: Rowohlts Anwälte hatten Bedenken, da viele Interviewpartner ihre Aussagen nicht autorisiert hatten. Bedenken, die Rivale Suhrkamp, wo das Buch im Dezember 2012 erschien, offenbar nicht hatte.

Ignoriert man das Buch?
Doch damit ist für Tuvia Tenenbom die Sache nicht erledigt. Er sagt, dass viele Buchläden ihn aus politischen Gründen nicht in ihrer Bestsellerliste haben wollten. Wir machen die Probe aufs Exempel. Und tatsächlich: Wo Tenenboms Buch stehen sollte, herrscht gähnende Leere. "Was passiert hier?", fragt Tenenbom. "Das Buch ist immer noch auf der Bestsellerliste, aber hier hat man es aufgrund einer politischen Entscheidung rausgenommen. Aufgrund einer Ideologie, die niemals eine Rolle in einer Demokratie spielen sollte, in einer lebendigen Demokratie wie Deutschland. Läden wie dieser sollen Bücher verkaufen und nicht entscheiden, welche Bücher koscher sind und welche nicht. Das ist doch lächerlich."

Wird "Allein unter Deutschen" also systematisch ignoriert? Trotzdem hat Tuvia Tenenbom noch nicht alle Hoffnung für die Deutschen verloren: “Ich glaube, Antisemitismus gibt es überall in Europa, überall in der westlichen Welt. Doch Deutschland ist das Land, das ihn in die Tat umgesetzt hat. Meine Hoffnung ist, dass Deutschland am Ende das Land sein wird, in dem Antisemitismus ein für alle Mal verschwinden wird und das damit den anderen Ländern zum Vorbild wird. Das hoffe ich für Deutschland, das ist mein Gebet für Deutschland." Tenenbom sagt, eigentlich liebe er die Deutschen, trotz ihrer Obsession mit den Juden. Und vielleicht hat auch Tuvia Tenenbom eine kleine Obsession - mit den Deutschen.

Sendedaten
Kulturzeit: montags bis freitags,
um 19.20 Uhr
Buch
© SuhrkampLupeTuvia Tenenbom
"Allein unter Deutschen - Eine Entdeckungsreise"
Suhrkamp 2012
ISBN: 978-3518463741
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