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23. April 2014
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Cécile Schortmann
Bei Cécile Schortmann lässt gute Kunst alle Sinne vibrieren. Aber auch tolle Musik berührt unsere Moderato-
rin. Und wenn ihr der Beruf zu stressig wird, entspannt sie sich bei Yoga.
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© Reuters
Slums sind oft nicht Endstation für Migranten, sondern Anfang von Neuem.
Der Slum als Chance
Doug Saunders über "Ankunftsstädte"
Die Welt ist im Wandel. Die große Migration vom Land in die Städte beschleunigt sich. Sie hat beinahe ein Drittel der Weltbevölkerung erfasst. Am Ende des 21. Jahrhunderts, so die Prognosen, werden drei Viertel der Menschen in Städten leben. Die Erde wird ein urbanisierter Planet.
In der Hoffnung auf ein besseres Leben verlassen Millionen von Menschen ihre Dörfer, bevölkern Slums und Favelas. Droht der vielbeschworene Kollaps der Megastädte und ihre hermetische Teilung in "Gated Communities" und brodelnde Elendsviertel? Doug Saunders, kanadischer Journalist und Reisender, hat 25 Slums auf fünf Kontinenten besucht und überrascht mit einer radikalen, weil positiven These. Sein Buch "Arrival City" weitet den Blick und benennt die dämonisierten Viertel neu: als "Ankunftsstädte". Der Slum als Chance: Ist das nicht naiv, gar zynisch?

Slum ist besser als Verhungern auf dem Land
"Oft leben sie unter schlechten Bedingungen", so Saunders, "20 Menschen in einem Zimmer, in ärmlichsten Behausungen. Für viele von uns sieht das aus wie schlimmste städtische Armut. Wir können uns nicht vorstellen, warum jemand das aushalten sollte. Aber wenn man sie fragt: 'Warum geht ihr nicht zurück aufs Land?', antworten sie überall auf der Welt: 'Weil das hier 20 Mal besser ist. Wenn die Dinge im Slum schlecht für mich laufen, muss ich meine Kinder zum Zigaretten verkaufen auf die Straße schicken. Was sehr beschämend ist. Aber wenn es auf dem Land schlecht läuft, sterben meine Kinder. Das ist der Unterschied'."

Ankunftsstädte sind Übergangsorte, Anfang statt Endstation. Ihre Geld- und Menschenflüsse bauen Brücken zwischen Stadtrand und Kernstadt, aber auch zwischen Stadt und Dorf, sagt Saunders. Die Einwandererviertel Torontos waren es, die ihn zu seiner These der Ankunftsstadt inspirierten. "Eines der signifikanten Elemente von Ankunftsstädten sind Läden wie dieser", zeigt er, "die den Geldtransfer von hier in die Herkunftsdörfer der Migranten und oft auch informelle Kredite anbieten. Denn die ermöglichen den Menschen Wohnungen zu kaufen, Geschäfte zu eröffnen und so die soziale Leiter erfolgreich aufzusteigen, indem sie sich in die Ökonomie der Stadt integrieren."

Innovationskraft der Migranten
Die Bewohner kommen so im Wirtschaftkreislauf des Stadtzentrums an. Damit wird der Slum, die Ankunftsstadt, auch zu einem Motor für die Kernstadt. Sie profitiert von der Innovationskraft der Migranten, so Saunders' radikale These. In durchlässigen Gesellschaften sind Ankunftsstädte Geburtsort neuer, kreativer Mittelschichten."Menschen, die aus Dörfern fremder Länder in westliche Städte kommen, sind die Motiviertesten und Ehrgeizigsten. Sie kommen, weil sie von den speziellen wirtschaftlichen Möglichkeiten wissen. Und doch schafft es auch von ihnen nur die Hälfte hierzubleiben, der Rest geht zurück. So finden Sie in Ankunftsstädten eine sich selbst selektierende Gruppe: die Besten der Besten."

Und nur die haben eine Chance auf sozialen Aufstieg. In China strömen täglich tausende von Menschen in die Städte. "Was man dort sieht, ist eine große wirtschaftliche Aktivität", berichtet Saunders. "Ich war in einigen dieser ganz und gar elend aussehenden Slums und habe dort ganze Metall und Holz verarbeitende Viertel gefunden. Kleidergeschäfte, von Menschen geführt, die vor ein paar Jahren selbst noch als Näher gearbeitet haben und genug Geld gespart haben, um einen eigenen Laden zu eröffnen." Urbanisation ist ein wechselseitiger Prozess. Auch jene, die verändert aus den Städten in ihr Dorf zurückkehren, treiben ihn voran.

Falscher Ansatz: Institutionalisierte Armut
© dpa Lupe
Sozialhilfe und Sozialwohnungen bieten wenig Chancen für Aufstieg.
Dennoch gelingen Ankunftsstädte nicht überall. In China und Südamerika wurden sie jahrelang einfach radikal abgerissen. In Europa macht man andere Fehler. "Regierungen machen oft den Fehler, aus der vorübergehenden Armut von Ankunftsstädten eine institutionalisierte Armut zu machen", sagt Saunders. Indem sie wie in Deutschland Sozialhilfe und Sozialwohnungen bieten, statt die Chancen auf wirtschaftliche Unabhängigkeit anfangs motivierter Migranten zu erhöhen. Ohne die doppelte Staatsbürgerschaft, unbürokratische Möglichkeiten, Unternehmen zu gründen und Wohneigentum zu kaufen, werden Ankunftsstädte zu wirtschaftlich abgehängten Ghettos. Das ist der größte Fehler.

"Schulen sind oft ein furchtbares Problem", sagt Doug Saunders. "Diese Viertel brauchen die besten Schulen - Schulen, auf die alle ihre Kinder schicken wollen, an denen die Migrantenkinder mit Mittelschichtskindern konkurrieren müssen. Stattdessen passiert das Gegenteil." Das Ergebnis: sozialer Sprengstoff, wie er in den Vororten von London und Paris schon explodierte und manch südamerikanische Favela in kriminelle No-Go-Areas verwandelt. Und doch hat in Brasilien längst eine neue Mittelschicht aus den Ankunftsstädten die Stadtzentren samt politischen Posten erobert.

So wie auch in der Türkei. Aus Istanbuler Slumvierteln wurden vielerorts mittelständische Bezirke. Und mit Recep Tayyip Erdogan hat es sogar ein anatolischer Zuwanderer zum Regierungschef gebracht. Urbanisation ist Fortschritt, das ist Saunders' aufrüttelnde Botschaft. Wird sie weiter ignoriert oder verteufelt, drohen Krieg und Revolutionen. Erkennen die Staaten das soziale Potenzial von Ankunftsstädten, bringt diese große Völkerwanderung Geburtenkontrolle, Emanzipation, Innovation - schlicht: bessere Lebensbedingungen für alle.

Sendedaten
© dapd"Kulturzeit extra: Sehnsucht Stadt - Wie wollen wir leben?"
Mittwoch, 14.11.2012
um 19.30 Uhr auf 3sat
Buch
© Karl Blessing VerlagLupeDoug Saunders
"Arrival City"
Karl Blessing Verlag 2011
ISBN-13: 978-3896673923
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