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Shin Dong-hyuk wurde in einem Arbeitslager geboren.
"Vom Tier zum Mensch"
Flucht aus einem nordkoreanischen Lager
In Nordkorea befinden sich noch immer rund 200.000 Menschen in Arbeitslagern. Seit Jahrzehnten herrschen dort Zustände wie im russischen Gulag. Inzwischen gibt es tausende, die in den Lagern geboren wurden und die dort groß geworden sind. Einer von ihnen ist der 1982 geborene Shin Dong-hyuk, dem die Flucht in den Westen gelang. Blaine Harden erzählt dessen Geschichte in dem Buch "Flucht aus Lager 14".
Seit dem Tod von Kim Jong Il hofft die Welt mit seinem Sohn Kim Jong Un auf eine Öffnung Nordkoreas. Doch jenseits der Propagandabilder sind im Reich der Kims noch immer geschätzte 200.000 Menschen in Todeslagern eingesperrt. Shin Dong-hyuk wurde in einem Straflager in Nordkorea geboren. "Ich lebte ein Leben, das schlimmer als das eines Tieres war", berichtet er. "Ich bin im Lager allein meinem Überlebensinstinkt gefolgt. Als ich dort lebte, dachte ich, dass dies mein Schicksal sei. Ich existierte ohne je daran zu denken, warum ich in diesem Lager war und was es außerhalb gab."

Im Gulag geboren
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Das "Lager 14" auf einem Satelliten-Bild.
Shin Dong-hyuk hat die ersten 23 Jahre seines Lebens in einem solchen Straflager verbracht und ist entkommen. Wir treffen ihn und den US-amerikanischen Journalisten Blaine Harden in Oslo. Harden hat das Schicksal des 29-Jährigen aufgeschrieben. Das Buch "Flucht aus Lager 14" ist das erschreckende Zeugnis eines traumatisierten Mannes, der im nordkoreanischen Gulag geboren wurde. "Er wollte, dass Menschen in der ganzen Welt durch seine Geschichte erkennen, wie verroht die nordkoreanische Führung ist und wozu sie in der Lage ist", sagt Blaine Harden. "Sie ziehen in Nordkorea Kinder als Arbeitssklaven heran, die sich zu Tode arbeiten müssen."

Sechs solcher Straflager soll es in Nordkorea geben. Offiziell bestreitet das Regime, dass sie existieren. Das "Lager 14" ist auf Satelliten-Bildern zu erkennen. 40.000 Gefangene leben dort. Keiner kommt lebendig heraus. Dort wurde Shin im Jahr 1982 geboren. Sein Vater saß hier ein, da seine Brüder nach Südkorea geflohen waren. Seine Eltern lernten sich im Lager kennen. Als Belohnung für hartes Arbeiten durften sie heiraten, alles unter der Kontrolle der Wärter. Shin Dong-hyuk ist im nordkoreanischen Gulag aufgewachsen. "Die Begriffe Vater und Mutter waren für mich nichts weiter als Worthülsen", sagt er. "Ich empfand keine Gefühle für sie. Sie waren einfach nur diejenigen, die mich erzeugt haben. Für mich waren sie lediglich Lagerhäftlinge wie alle anderen auch." "Er wuchs ohne Liebe seiner Eltern auf", berichtet Harden. "Seine Mutter schlug ihn mit einer Schaufel, da er als kleiner Junge regelmäßig ihre Essensration aufaß, wenn sie draußen arbeitete. Er verspürte keine Bindung zu ihr, misstraute ihr und sah in ihr eine Konkurrentin."

Mit Hunger Kontrolle ausüben
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Blaine Harden hat Shin Dong-hyuks Geschichte aufgeschrieben.
Der Hunger war im Lager allgegenwärtig. Oftmals blieb Shin nichts anderes übrig, als Ratten zu essen. Wer Lebensmittel im Lager stahl, musste mit dem Tod rechnen: Als sein Lehrer bei einer Klassenkameradin fünf Maiskörner entdeckte, prügelte er sie vor ihren Mitschülern zu Tode. "Das gesamte Lagersystem basiert darauf, mit Hunger Kontrolle auszuüben", berichtet Shin Dong-hyuk. "Es geht darum, den Willen der Häftlinge zu brechen und sie dazu zu bringen, den Gefängniswärtern zu gehorchen."

Totale Kontrolle in einer Welt ohne Liebe war für ihn ganz normal. Verrat war Pflicht. Als er eines Abends mitgehört hatte, dass seine Mutter und sein Bruder fliehen wollten, verriet er sie an einen Wärter. Der damals 13-Jährige hoffte dadurch auf Privilegien. Doch als vermeintlicher Komplize wurde er von den Wärtern daraufhin fast zu Tode gefoltert. Monate später musste er mit seinem Vater ansehen, wie seine Mutter erhängt und sein älterer Bruder erschossen wurde. Die Schuldgefühle kamen erst Jahre später. "Er weigerte sich, ihr in die Augen zu sehen - sogar in dem Moment, als sie starb", berichtet Harden. "Als ich ihn das erste Mal traf, sagte er mir, dass er seine Mutter hassen würde und froh sei, dass sie tot ist. Er fühlte sich damals nicht schuldig. Erst zehn Jahre später, nach seiner Flucht, lernte er die Werte der Welt außerhalb des Lagers kennen."

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2005 gelang Shin Dong-hyuk die Flucht. Zeichnung von Lee Young Joo.
Dass es eine Welt außerhalb des Lagers gibt, erfuhr Shin von einem Mithäftling aus der Elite Nordkoreas, von Park Chong-yul. "Shin hörte ihm geduldig zu und interessierte sich immer mehr für seine Geschichten", berichtet Harden. "Es waren Geschichten darüber, was sie alles essen könnten, wenn sie nach China fliehen würden." Während eines Arbeitseinsatzes auf den Feldern zwängten sich die beiden im Januar 2005 durch den Elektrozaun des Lagers. Park bekam einen Stromschlag. Shin robbte über seinen regungslosen Körper in die Freiheit. "Ich wusste nicht, ob er bereits tot war oder noch im Sterben lag", sagt Shin Dong-hyuk. "Das ist alles, woran ich mich erinnern kann, als ich durch den Zaun kletterte. Ich verbinde mit diesem Moment nichts Besonderes. Ich erinnere mich eigentlich nur noch daran, dass ich bei meiner Flucht erfolgreich war."

Politisches Asyl in Südkorea
Ohne Geld und Papiere schlug sich Shin allein nach China durch. In Shanghai brachte ihn ein Journalist in die südkoreanische Botschaft. Nachdem seine Geschichte überprüft wurde, glaubte man ihm und er bekam politisches Asyl in Südkorea. Heute arbeitet er als Menschenrechts-Aktivist. "Jetzt, da ich in Südkorea lebe, arbeite ich hart daran, mich an die dortige Kultur des Zusammenlebens anzupassen", sagt er. "Auch wenn es nun schon sechs Jahre her ist, seitdem ich hier angekommen bin, habe ich immer noch das Gefühl, dass ich in vielerlei Hinsicht nicht genüge. Ich gebe mir große Mühe, aber es gibt noch immer so viele Dinge, die ich lernen muss."

"Vom Tier zum Mensch" - so beschreibt Shin seine Entwicklung. Als Menschenrechts-Aktivist setzt er sich in Seoul für Flüchtlinge aus Nordkorea ein. Doch das Regiment des Grauens hat seine Träume noch immer fest im Griff. "Wenn ich vom 'Lager 14' träume, dann träume ich von den Schlägen, die ich bekommen habe, oder ich durchlebe noch einmal die Geschichte meiner Flucht", sagt er. "Meine Träume werden von solchen Szenarios bestimmt. Diese Träume fühlen sich so echt an, dass ich mich oft zu Tode ängstige, wenn ich schlafe." Shin hat das Lager verlassen, doch das Lager lässt ihn nicht mehr los. Pläne für die Zukunft hat er nicht. Sein einziger Wunsch ist es, irgendwann seinen Vater in Freiheit wiederzusehen.

Sendedaten
Kulturzeit: montags bis freitags,
um 19.20 Uhr
Buch
© DVALupeBlaine Harden, Udo Rennert
"Flucht aus Lager 14: Die Geschichte des Shin Dong-hyuk, der im nordkoreanischen Gulag geboren wurde und entkam"
DVA 2012
ISBN-13: 978-3421045706
Fotogalerie
"Flucht aus Lager 14"
Die aus Südkorea stammende Städel-Schülerin Lee Young Joo hat für "Kulturzeit" Stationen aus Shin Dong-hyuks Leben gezeichnet.
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