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© AP Lupe
Der Schriftsteller Salman Rushdie hat zehn Jahre lang unter einem Decknamen im Verborgenen gelebt. In seiner Autobiografie hat er darüber geschrieben.
Leben im Ausnahmezustand
Die Autobiografie des Salman Rushdie
Am 14. Februar 1989 verhängte Ayatollah Khomeini eine Fatwa gegen Salman Rushdie. Dessen Roman "Die satanischen Verse" richte sich "gegen den Islam, den Propheten und den Koran". Der öffentliche Mord-Aufruf erschütterte die Welt und das Leben des indisch-britischen Schriftstellers. Unter dem Decknamen Joseph Anton lebte er zehn Jahre lang an ständig wechselnden Orten. Genauso heißt nun auch seine Autobiografie, in der Rushdie seine bewegende Geschichte erzählt.
"Ich setze das stolze Volk der Moslems in aller Welt davon in Kenntnis, dass der Autor des Buches 'Die satanischen Verse' - das sich gegen den Islam, den Propheten und den Koran richtet - und alle an seiner Publikation Beteiligten, zum Tod verurteilt werden." Mit diesen Worten verhängte Ayatollah Khomeini am 14. Februar 1989 über Radio Teheran eine Fatwa über Salman Rushdie.

Immigranten-Saga mit tragikomischen Zügen
© AP Lupe
Stein des Anstoßes: Salman Rushdies "Satanische Verse"
Der Roman "Die satanischen Verse", 1988 erschienen und im selben Jahr mit dem renommierten Whitbread Literary Award ausgezeichnet, erzählt die Geschichte von zwei Indern, die als Einzige einen Terroranschlag überleben und auf englischem Boden Rassismus und Polizeiwillkür ausgesetzt sind. In der dem magischen Realismus verpflichteten, tragikomischen Immigranten-Saga verwandelt sich der Stimmen-Imitator Chamcha in ein teuflisches Monster, während der Bollywood-Schauspieler Gibril zum Erzengel Gabriel mutiert, der dem Propheten Mohammed Verse unterjubelt, die eigentlich vom Satan stammen.

Es gehe in dem Roman darum, wie alle Gewissheiten fraglich werden, wenn man von einer in eine andere Kultur wechsele, hat der Autor einmal gesagt, der selbst ein Wanderer zwischen Ost und West ist. 1947 in Bombay geboren, zog seine Familie 1960 nach Pakistan. Salman Rushdie ging als 14-Jähriger nach England auf eine Eliteschule und studierte später in Cambridge Geschichte. Dort wie in Pakistan, wohin er zwischenzeitlich zurückkehrte, erlebte er Diskriminierung und das Gefühl der Nichtzugehörigkeit.

"Der schwarze Pfeil des Todes"
Bereits unmittelbar nach Erscheinen hatten die als blasphemisch bezichtigten "Satanischen Verse" für Aufsehen gesorgt. In Indien, Pakistan, Saudi-Arabien und Ägypten wurde der Roman verboten. Im Fernsehen sah Salman Rushdie, wie in der englischen Stadt Bradford, einem Zentrum indischer und pakistanischer Einwanderer, ein wütender Mob sein Buch verbrannte. "Ich glaube, das ist das Schlimmste, was einem Schriftsteller passieren kann - dass sein Buch zuerst gekreuzigt und dann verbrannt wird. Ich war zutiefst schockiert", erinnert er sich. "Und ich musste an Heinrich Heine denken: 'Dort, wo man Bücher verbrennt, verbrennt man am Ende auch Menschen', schreibt er in seinem Stück 'Almansor', und das Buch, das dort verbrannt wird, ist ausgerechnet der Koran."

Mit der Fatwa des Ayatollah erreichte die Auseinandersetzung eine neue Dimension. Nun war, so Khomeini, "der schwarze Pfeil des Todes abgeschossen und auf dem Weg zum Ziel", Salman Rushdie ein "madur addam" - ein "Mensch, dessen Blut vergossen werden muss". Drei Millionen US-Dollar wurden auf seinen Kopf ausgesetzt.

Vorbote von 9/11
Der öffentliche Mordaufruf erschütterte die Welt. Regierungen protestierten, drohten Teheran mit Sanktionen. Auf Buchhandlungen, die den Roman im Sortiment führten, wurden Bombenanschläge verübt, der japanische Übersetzer wurde ermordet. In Deutschland gründeten Autoren, Politiker, Verleger und Institutionen zur Veröffentlichung der "Satanischen Verse" eigens den Verlag "Artikel 19", der sich im Namen auf jenen Passus der Menschenrechte bezieht, der die Meinungsfreiheit garantiert.

Rückblickend erscheint der Bannstrahl, der Salman Rushdie 1989 traf, wie ein Vorbote jener Konfrontationen zwischen dem Westen und den fundamentalistischen Strömungen im Islam, die die Welt bis heute in Atem halten. So sieht es auch der Schriftsteller: "Als die Fatwa gegen mich verkündet wurde, verstand niemand im Westen, was das eigentlich bedeutete und was daraus noch entstehen würde. Durch meine Biografie zwischen Ost und West hatte ich eher wahrgenommen, wie sich bestimmte Richtungen innerhalb des Islam radikalisierten und wie Terror als Mittel der Auseinandersetzung propagiert wurde. Doch im Westen lernten die meisten ihre Lektion erst mit den Anschlägen vom 11. September 2001. Für viele kamen diese Anschläge wie aus heiterem Himmel. Doch tatsächlich zieht sich eine gerade Linie von der Fatwa, also von 1989, bis zu 9/11."

Leben im Ausnahme-Zustand
Der Mordaufruf machte Rushdie zum Vogelfreien. In einer gepanzerten Limousine erlebte er bei einer Fahrt durch London, wie Demonstranten seinen Tod forderten: "Das Auto war plötzlich eingekesselt von einer aufgebrachten Menge von Leuten, die Plakate mit der Aufschrift 'Kill Rushdie!' in die Luft streckten. Ich versteckte mich hinter einer Zeitung, und schließlich fanden wir einen Weg aus der Menge. Doch wenn mich jemand erkannt hätte, wäre die Situation nicht mehr zu kontrollieren gewesen."

Rushdie tauchte unter und gab sich in Anlehnung an seine Lieblingsschriftsteller Joseph Conrad und Anton Tschechow den Decknamen Joseph Anton. Zehn Jahre lang wechselte er ständig seinen Wohnort und wusste bisweilen selbst nicht mehr, in welcher Stadt er sich gerade befand. "Wie jemand Undercover lebt, kennt man aus Spionage-Filmen. Der Geheimdienst versteckt ihn an einem unbekannten Ort in einem eigens dafür präparierten Haus. Die Realität sieht komplett anders aus", so der Schriftsteller. "Ich musste mich selbst um die Orte kümmern, an denen ich untertauchen konnte. Wenn mir nicht dauernd Freunde geholfen hätten, wäre es sehr schwierig geworden."

Teils bitteres, teils komisches Leben
Was es für ihn und seine Familie bedeutete, mit einer Morddrohung zu leben, welche Folgen das erzwungene Leben auf der Flucht für seine Arbeit als Schriftsteller hatte, davon erzählt Salman Rushdie jetzt erstmals in seiner Autobiografie "Joseph Anton": vom teils bitteren, teils komischen Leben unter bewaffnetem Polizeischutz und von den engen Beziehungen, die er zu seinen Beschützern knüpfte, von der Angst um seinen damals neunjährigen Sohn Zafar, von seinem Ringen um Unterstützung bei Regierungen, Geheimdienst-Chefs, Verlegern und Kollegen, von Freundschaften und Verrat - und von seinem Kampf für die Freiheit der Meinung und der Kunst.

Zwar distanzierte die iranische Regierung sich Ende der 1990er Jahre von dem Todes-Urteil. Doch die Fatwa beeinträchtigt noch immer das Leben Rushdies. Erst 2012 sagte er seine Teilnahme an einem Literaturfestival in Jaipur ab, nachdem der indische Geheimdienst ihn vor einem Mordkomplott gewarnt hatte.

Sendedaten
Kulturzeit: montags bis freitags,
um 19.20 Uhr
Buch
© BertelsmannLupeSalman Rushdie
"Joseph Anton"
Bertelsmann 2012
ISBN: 978-3-570-10114-8
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