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Themen am 18.10.2017Navigationselement
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© ZDF / Cornelius Janzen Lupe
Teju Cole erkundet New York am liebsten zu Fuß mit seiner Kamera.
Dunkle Symphonie
Teju Coles Roman "Open City"
Der Flaneur hat heute kein gutes Image, irgendwie passt er nicht mehr zum Zeitgeist des schnellen und effizienten Lebens im Kapitalismus. Der US-amerikanische Autor Teju Cole hat dem Prinzip des ziellosen Umherstreifens zu neuem Glanz verholfen. In "Open City" fängt Cole das Grundgefühl New Yorks ein, indem er seinen Protagonisten auf Streifzüge durch die Stadt schickt - wenige Jahre nach den Anschlägen des 11. September.
Vergangene Momente, unverlierbar geborgen durch den scharfen Blick eines New Yorkers: Der Schriftsteller und Fotograf Teju Cole entdeckt seine Stadt durch Gehen und Sehen, Fotografieren und Schreiben. Für Cole ist New York eine Schatzkammer der Gegenwart und der Vergangenheit. "Ich lese in der Stadt wie in einem Text - sie ist ein 'Palimpsest' für mich, also eine Oberfläche, deren Inhalt immer wieder gelöscht und neu überschrieben wird", sagt Cole. "Erinnerung und deren Aktualisierung ist für mich zur Obsession geworden."

"Atmosphäre des Verlustes"
Über diese Obsession hat Cole einen Roman geschrieben. "Open City" beschreibt ein Jahr im Leben eines jungen New Yorker Therapeuten deutsch-nigerianischer Herkunft. Protagonist Julius spaziert nach seiner Arbeit durch die Stadt, beobachtet Alltägliches, hält innere Monologe über Literatur, Migration und Identität. Als Fremder bekommt er so einen klaren Blick auf die Stadt. Cole stammt aus Nigeria, sein Roman ist autobiografisch geprägt. 9/11 war für Cole Anlass, um über das Grundgefühl New Yorks zu schreiben. "Dieses Buch musste von 9/11 handeln, da es mir darum ging, eine Atmosphäre des Verlustes und der Orientierungslosigkeit widerzuspiegeln", erklärt der Autor. "Eine Art Gefangensein in einer unaufhaltsamen Geschichte der Zerstörung und des Vergessens. Der Schatten von 9/11 begleitet die Handlung."

Die Erinnerung an den 11. September ist omnipräsent. Doch nicht weit von Ground Zero entfernt liegt eine andere Geschichte brach - trotz eines Denkmals. Auf einem seiner Spaziergänge stößt Protagonist Julius im Roman auf diesen Ort. Dort befand sich einst der größte Sklavenfriedhof New Yorks. 1991 wurden bei Bauarbeiten menschliche Überreste entdeckt. Zuerst wollten die Bauherren einfach weiterbauen. Proteste der afroamerikanischen Community führten dazu, dass rund 400 Skelette ausgegraben wurden und ein Denkmal errichtet wurde. Noch immer liegen geschätzte 10 bis 20.000 Skelette unter Bürogebäuden. "Die meisten New Yorker wissen nicht viel über die Sklaverei in New York", sagt Cole. "Es gab eine Zeit, da waren 20 Prozent der Menschen hier Sklaven. Die Sklaverei wurde zwar 1825 offiziell abgeschafft, sie dauerte jedoch auch danach noch lange an. Dieser Aspekt der Geschichte New Yorks wird einfach unterdrückt."

Kollektive Erinnerungen
Coles Protagonist denkt auf seinen einsamen Streifzügen über eigene Erfahrungen und kollektive Erinnerungen nach. Dabei gerät er auch in subjektive Traumwelten - Gegenwart und Vergangenheit fallen zusammen, Szenen aus längst vergangenen Zeiten erscheinen ihm vor dem geistigen Auge.

"Was ich als Nächstes sah, ließ mich vor Schreck zusammenfahren. Weiter hinten jenseits der Menschenmenge hing an einem Baum der Körper eines gelynchten Mannes. Die Gestalt war schlank und von oben bis unten in Schwarz gehüllt, sie reflektierte kein Licht. Einen Moment später löste sich das Bild in etwas weniger Verhängnisvolles auf: ein dunkles Leintuch, das von einem Baugerüst hing und im Wind tanzte." (Teju Cole: "Open City")

Vergangenheit im Spiegel der Gegenwart
Cole geht es darum, Vergangenheit im Spiegel der Gegenwart zu entdecken. Der Central Park ist ein Naherholungsgebiet. Doch dort, wo die Jogger heute ihre Runden drehen, befand sich noch Mitte des 19. Jahrhunderts das Seneca Village, die erste Siedlung freier Sklaven. Durch den Bau des Parks wurde die Siedlung 1857 dem Erdboden gleichgemacht. Nur ein unscheinbares Schild erinnert heute daran. Erst im Jahr 2011 erhielten Archäologen die Erlaubnis dort zu graben - nach jahrelangem Rechtsstreit. "Wenn man in Rom lebt, erinnern überall Monumente an die römische Geschichte", sagt Cole. "Wenn man aber gleich hier um die Ecke wohnt, dann erinnert einen fast nichts mehr an afroamerikanische Geschichte. Sie existiert nur noch als psychologische Spur. Wir dürfen diese Geschichte aber nicht vergessen, denn wenn wir das tun, tun wir sowohl den Menschen, die hier einst lebten, als auch uns selbst erneut Gewalt an."

Teju Cole ist ein literarischer Flaneur, der sich Zeit im Vorübergehen nimmt. Mit seinem Roman bringt er den Resonanzkörper längst vergessener Geschichten New Yorks wieder zum Klingen. "Open City" ist eine dunkle Symphonie der Großstadt, die lange nachhallt.

Sendedaten
Kulturzeit: montags bis freitags,
um 19.20 Uhr
Bildergalerie
© Teju Cole Fotos von Teju Cole
Buch
© Suhrkamp LupeTeju Cole
"Open City"
Übersetzung: Christine Richter-Nilsson
Suhrkamp 2012
ISBN-13: 978-3518423318
Kulturzeit extra
© ap11. September 2001 - ein ganz normaler Dienstag
"Kulturzeit extra" zum 10. Jahrestag von 9/11
Lesereise
12.09.2012: Leipzig
13.09.2012: Berlin
14.09.2012: Hamburg
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