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© dapd Lupe
Er kannte Max Ernst und Pablo Picasso persönlich: der Kurator Werner Spies.
Lebensglück
Die Autobiografie des Werner Spies
Werner Spies ist das prominenteste Opfer im spektakulären Kölner Kunstfälscher-Prozess um Wolfgang Beltracchi. Der Kunsthistoriker, Kritiker, Kunsthändler und ehemalige Direktor des Centre Pompidou in Paris hat sieben Bilder, die im Max-Ernst-Stil gefälscht wurden, für echt befunden. Werner Spies war mit Max Ernst befreundet und gilt als ausgewiesener Experte dessen Malerei. Was der Fälscherskandal für ihn bedeutet, hat er nun unter anderem in seiner Autobiografie "Mein Glück" beschrieben.
Viele Künstler und Intellektuelle zieht es nach 1945 nach Paris. Max Ernst kommt 1953 und revolutioniert die Formensprache der Kunst. Sein größter Kenner, Werner Spies, folgt 1962. Dass er den Surrealisten erst vier Jahre später trifft, ärgert ihn bis heute: "Diese Verzögerung, die ich heute noch bedaure und beweine, daran ist Kahnweiler schuld, der mich vor dem Surrealismus warnte und mir sagte: 'Ich warne dich vor dem Surrealismus, vor allem aber warne ich dich vor Max Ernst'", erinnert sich Spies.

Es scheint fast so, als hätte Daniel-Henry Kahnweiler, der große Galerist und Mentor von Werner Spies, geahnt, was seinem Zögling widerfahren sollte. Werner Spies aber will Max Ernst unbedingt kennenlernen. Es wird die Begegnung seines Lebens, so schreibt er. Überhaupt: Kaum ein anderer hat so viele große Künstlerpersönlichkeiten dieser Zeit persönlich gekannt: Max Ernst, Samuel Beckett und Pablo Picasso, um nur einige zu nennen, waren seine Freunde. Und so nennt Spies seine Memoiren "Mein Glück", "weil es die pure Wahrheit ist", sagt er. "Ich war glücklich, ich hatte Glück und mein ganzes Leben hat mich auch zum Glück geführt, zu Menschen geführt, die mich glücklich machten, weil ich mit ihnen zusammen etwas tun konnte. Und das passte auch zum Begriff des Glücks. Mir ist im Grunde alles in den Schoß gefallen."

Experte für die Kunst des 20. Jahrhunderts
Natürlich half auch sein Ehrgeiz, nahe am Kunstgeschehen zu sein. So wird Werner Spies zu einem der bedeutendsten Experten für die Kunst des 20. Jahrhunderts - und bis zum Herbst 2010 ist alles gut. Werner Spies, 1937 in Tübingen geboren, wächst in Rottenburg am Neckar auf und besucht, katholisch geprägt, das bischöfliche Konvikt in Rottweil. Doch mit 25 Jahren zieht es ihn aus der schwäbischen Provinz nach Paris. Dort wird er ein wichtiger Kunstvermittler Deutschlands. Durch seine Ausstellung "Paris-Berlin" 1978 im Centre Pompidou mit Künstlern wie Max Beckmann blicken die Franzosen wieder historisch vorurteilsfrei auf deutsche Kunst. "Ich glaube, dass die deutsche Kunst - und nicht nur die deutsche Kunst, die deutsche Intelligenz, bisher in Deutschland nie in dieser Fülle zusammengestellt worden ist", so der Kurator.

Werner Spies bleibt sein Leben lang in Paris. Und einer wie er, der Pablo Picasso kannte und dessen plastisches Werk populär machte, kann sich sowieso keinen anderen Ort für sich vorstellen. Vor allem aber gibt er den Deutschen einen ihren größten Künstler zurück: Max Ernst. Dessen Schaffen war bis weit in die 1960er Jahre als Verirrung verfemt. "Max Ernst ist im Grunde das Vorbild für ein Recycling von dem, was die Geschichte weggeworfen hat", sagt Spies: "Das späte 19. Jahrhundert, die illustrierten Romane, die niemand mehr öffnete: Max Ernst hat daraus großartige Wunder geschaffen - seine Collagenbücher. Er hat auch gezeigt, dass es nichts gibt, was uninteressant ist, was man wegwerfen kann."

Max-Ernst-Museum
Werner Spies und Max Ernst - das ist eine fast symbiotische Beziehung. Als Max Ernst 1976 stirbt, hat Werner Spies 6000 Werke erforscht und gibt seither das offizielle Werkverzeichnis heraus. Wer, wenn nicht er, kennt Max Ernsts Oeuvre? 2005 entsteht auf seine Initiative das Max-Ernst-Museum in Brühl, der Geburtstadt des Künstlers. Doch im Juni 2012 wirft Werner Spies dort plötzlich alle Ämter hin: "Ich finde es schade, dass das irgendwie zu Ende gegangen ist", sagt er. "Aber was soll’s? Manchmal verliert man auch die Lust und die Freude. Selbst ich."

Schon seit Herbst 2010 hat er die Nase voll. In seiner Autobiografie schreibt er: "Alles, was ich mit dem Namen des Fälschers Beltracchi verbinde, ist ein Unglück." Ausgerechnet "La Forêt II" zeigt er 2006 in Brühl. In der Ausstellung wird es Max Ernst zugeschrieben, in Wahrheit ist es die Erfindung von Kunstfälscher Wolfgang Beltracchi. Ein Privatsammler aus den USA kauft das Gemälde für sieben Millionen Euro. 1,7 Millionen Euro davon gehen an Beltracchi. Und Werner Spies, der beste Kenner von Max Ernst, ohne den keine Max-Ernst-Retrospektive zu zeigen ist, steht als siebenfach Betrogener da. Denn es sind sieben Fälschungen, die Werner Spies Max Ernst zuschreibt. Wie konnte ihm das bloß passieren?

Auf Fälscher Beltracchi reingefallen
© dapd Lupe
Fälscher Wolfgang Beltracchi narrte die Kunstwelt.
"Das war nicht nur ich, das waren alle Leute, die die Bilder damals gesehen haben", so Spies. "Alle Museumsdirektoren, alle Kunsthändler: Niemand konnte Verdacht schöpfen. Auch die Frau von Max Ernst war überzeugt. Was soll ich dazu sagen?" Es ist offensichtlich: Werner Spies redet nicht gerne darüber. Aber er schreibt: "Ich habe auch einen Fehler gemacht." Von den Beltracchis bekam er eine sechsstellige Verkaufsprovision und vom Kunsthandel Vermittlungsgebühren. Dies habe seinem Ansehen geschadet, weiß er. Aber eines, sagt er, ärgert ihn noch mehr: "Ich finde es irgendwie bedrückend zu wissen, dass an die 200 Bilder von vielen anderen Künstlern im Umlauf sind, bewundert werden, an Wänden in Museen und Sammlungen und im Kunsthandel sind, die aus derselben Quelle stammen und die wohl eventuell nie entdeckt werden."

Dem Oeuvre von Max Ernst aber habe der Fälscherskandal nicht geschadet, fügt er dann doch noch hinzu: "Die Faszination durch Max Ernst ist eher noch gestiegen. Vielleicht ist auch der Blick genauer oder schärfer geworden. Und die erste Antwort auf das war, dass ein Bild von Max Ernst einen Weltrekord von 16,3 Millionen Dollar aufgestellt hat." Hatte Kahnweiler am Ende Recht mit seiner Warnung vor Max Ernst? Nein, sagt Werner Spies. Wenn er heute in der Rue de Lille spazieren gehe und vor dem Wohnhaus von Max Ernst stehe, dann sei er stolz. Er schreibt: "Ja, der schwerste Einbruch in meinem Leben kann das Glück meines Lebens nicht zerstören. Es verleiht ihm das 'Ach!', ohne das kein Leben gelebt werden kann."

Sendedaten
Kulturzeit: montags bis freitags,
um 19.20 Uhr
Buch
© HanserLupeWerner Spies
"Mein Glück: Erinnerungen"
Carl Hanser 2012
ISBN-13: 978-3446240032
Info
Werner Spies, 1937 geboren, war Direktor des Musée National d'Art Moderne in Paris, lehrte an der Kunstakademie in Düsseldorf und wurde einem breiten Publikum durch seine Artikel in der "Frankfurter Allgemeinen Zeitung" bekannt.
Mediathek
© dpaVideoInterview mit Werner Spies
geführt von Nicolette Feiler-Thull
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