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Moderation
Ernst A. Grandits
Sein kulturelles Interesse ging immer schon weit über den Fernsehbereich hinaus: "Der Zeit ihre Kunst, der Kunst ihre Freiheit - und beiden die Kulturzeit", sagt Ernst A. Grandits.
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© Susanne Schleyer autorenarchiv.de Lupe
Milena Michiko Flašar beschreibt eine ungewöhnliche Ferundschaft in Japan.
Erlösung durch Sprechen
Milena Michiko Flašars Japan-Roman
Mitten in den Zentren der kapitalistischen Gesellschaft entstehen neue Formen der Einsamkeit und des Eskapismus. "Hikikomori", zu deutsch "die Zurückgezogenen", nennt man in Japan jene Menschen, die am Leben und seinen Anforderungen zerbrechen. Als Tochter eines Österreichers und einer Japanerin erzählt Milena Michiko Flašar nun die Geschichte einer ungewöhnlichen Freundschaft eines Hikikomori.
"Ich wollte niemandem begegnen. Jemandem zu begegnen bedeutet, sich zu verwickeln. Es wird ein unsichtbarer Faden geknüpft. Von Mensch zu Mensch. Lauter Fäden. Kreuz und quer. Jemandem zu begegnen bedeutet, Teil seines Gewebes zu werden, und dies galt es zu vermeiden."
(Milena Michiko Flašar:"Ich nannte ihn Krawatte")

Sprache mit Sogwirkung
Es sind diese Sätze, die überzeugen. Es ist diese Sprache, die eine Sogwirkung entwickelt. Milena Michiko Flašar schildert in ihrem Roman "Ich nannte ihn Krawatte" das Zusammentreffen zweier sehr unterschiedlicher Männer. Der eine ist ein arbeitsloser Geschäftsmann, ein sogenannter Salaryman, der andere ein Hikikomori. "Mich hat vor allem die Frage interessiert", so Flašar: "Was bringt einen Menschen dazu, sich derart zurückzuziehen, derart radikal 'Nein' zu sagen? Zu Kontakt, zu Beziehung, zu Familie - was einen wesentlichen Bestandteil von Menschsein ausmacht."

Der Rückzug in die Isolation kann viele Gründe haben, zum Beispiel den hohen Leistungsdruck der japanischen Gesellschaft. Der beginnt schon im Kindergarten. Zu kurz ist die Zeit des unbeschwerten Heranwachsens, zu groß der Druck nach Anerkennung und Erfolg. Im Roman sind beide Männer Außenseiter, jeder auf seine Weise. Für den Salaryman hat die Arbeitswelt keine Verwendung mehr. Dennoch verlässt er jeden Morgen mit Anzug und Krawatte das Haus und führt nach außen zum Schein sein Angestelltendasein.

Zwei Fremde nähern sich an
© ap Lupe
Die Männer lernen sich auf der Parkbank kennen.
Der Hikikomori hat seit fast zwei Jahren sein Zimmer nicht mehr verlassen. Eines Tages wagt er jedoch den Schritt nach draußen und trifft im Park den Mann mit der Krawatte. So wie der Zigarettenrauch von einer Bank zur anderen weht, so zögerlich entsteht allmählich eine Freundschaft zwischen beiden. "Bei den beiden Hauptfiguren ist es so, dass sie sehr lange nicht gesprochen haben", so die Autorin. "Ihr Sprechen ist naturgemäß ein stockendes Sprechen, ein gehemmtes Sprechen, eines, das viel verbirgt, viel auslässt, nur andeutet. Das ist deshalb möglich, weil die beiden einander sehr ähnlich sind." Es sind zunächst zwei Fremde, die sich nach und nach ihre Geschichten erzählen. Und indem sie das tun, fassen sie Vertrauen, nicht nur zueinander, sondern auch in sich selbst. Das könnte sentimental wirken - tut es aber nicht. Knapp und lakonisch erzählt Milena Michiko Flašar vom Ringen um Verständnis und Verständigung und verwebt dabei kunstvoll, ohne plakativ zu werden, Probleme uns Sehnsüchte der japanischen Gesellschaft.

"Ich fühle mich Japan sehr stark verbunden", so Flašar, "weil es die Heimat meiner Mutter ist und damit auch meine. Vor allem über die Sprache habe ich einen Zugang zu Japan, sehr viel intuitives Wissen um die japanische Kultur mitbekommen. Das japanische Wort für 'Schreiben' ist auch das japanische Wort für 'Malen' und ich habe auch beim Schreiben dieses Buches ganz stark empfunden, dass Schreiben wie Malen ist - manches nur in groben Pinselstrichen, manches aber wieder ganz fein und detailliert, dann auch einiges weggelassen, Leerflächen gelassen, die aber dem Gezeichneten wieder mehr Kontur verleihen."

Ganz nah an den Figuren
"Ich nannte ihn Krawatte" ist Flašars dritter und bislang wohl stimmigster Roman, ein in sich geschlossener Kreis, der mit dem Ende beginnt und mit dem Anfang aufhört. Dazwischen zirkulieren Bilder, Eindrücke und Erinnerungen, erzählt aus der Ich-Perspektive. "Sich einzuschließen, ist ein sehr privater Akt", sagt die Autorin. "In sein Zimmer zu gehen, die Tür hinter sich zuzumachen, ist eine sehr persönliche Entscheidung. Da wollte ich ganz nah heran an die Figur. Das in der Ich-Form zu verfassen, ist am nächsten. Ich wollte ein stilles Buch schreiben, in dem es um Sprachlosigkeit geht, aber auch um Erlösung durch Sprechen." Nichts währt ewig, was bleibt sind Erinnerungen. Und so stärken sich beide Männer für einen endgültigen Abschied und einen Neuanfang.

Sendedaten
Kulturzeit: montags bis freitags,
um 19.20 Uhr
Buch
© Klaus WagenbachLupeMilena Michiko Flašar
"Ich nannte ihn Krawatte"
Klaus Wagenbach 2012
ISBN-13: 978-3-8031-3241-3