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© ap Lupe
Jérôme (vorne) und Kevin-Prince (rechts): zwei Profi-Fußballer
George, Jérôme, Kevin-Prince
Michael Horeni über "Die Brüder Boateng"
Jérôme steht mit dem FC Bayern im Champions-League-Finale, Kevin-Prince spielt um die italienische Meisterschaft und George züchtet Hunde in Berlin. Der Sportjournalist Michael Horeni hat die Geschichte der Brüder Boateng aufgeschrieben. Was wird aus drei Jungs mit ähnlichen Talenten? An welchem Punkt entscheiden sich Karrieren.
Kevin und Jerome Boateng - der eine ist ein Defensivkünstler, der andere sorgt im Mittelfeld für große Unruhe. Beide spielen bei Spitzenclubs: Kevin hat für Ghana gespielt, Jerome spielt für Deutschland. Der älteste Boateng-Bruder George galt manchem als der talentierteste unter den Dreien. Seine Kumpels spielten im Fußballkäfig an der Panke in Berlin-Wedding. Er spielte einfach mit und war schnell der Beste. Auch sein Bruder Kevin und sein Halbbruder Jérôme haben in der Jugend dort jede freie Minute verbracht.

"Hier wird nicht mit 'Bitte' oder 'Danke' geantwortet oder gefragt", sagt George Boateng. "Hier musst du dich schon durchsetzen, dass du überhaupt spielen kannst. Die Leute, die wissen, was Panke ist, wissen, dass hier nicht jeder spielen konnte. Hier konntest du nicht einfach herkommen und sagen: Ich spiele, wie ich will. Wir waren diejenigen, die immer hier gespielt haben."

George als einziger kein Fußballprofi
Georges Leben ist ganz anders verlaufen als das seiner Brüder - er ist kein Profi-Fußballer geworden. "Die familiäre Situation ist für George und Kevin sicher schwieriger gewesen", so george, "weil der Vater noch stärker abwesend war als das bei Jérôme der Fall war. In den Schulen, auf die sie gegangen sind, war das zum Teil auch schwieriger. Und als George zu Hertha BSC kam - er war der älteste und kam am frühesten dorthin - war es eben mit der Ausbildung noch lange nicht so gut, wie das in späteren Jahren der Fall war."

Der jüngste - Jérôme Boateng - wächst in Wilmersdorf auf, lange mit wenig Kontakt zu seinen beiden Halbbrüdern. Der Vater aus Ghana verbringt mit ihm mehr Zeit, heiratet Jérômes Mutter. Jérôme gilt als der ruhige. Mit rassistischen Pöbeleien haben sie alle zu kämpfen, aber die Geschichte der Boatengs ist auch die Geschichte vom Leben in zwei Berliner Stadtteilen. George und Kevin wachsen im Wedding auf, wo das Leben härter ist. Heute lebt George nicht mehr hier. Er ist froh, dass er weg ist. Vor Jahren hat er einmal im Gefängnis gesessen - nach einer Schlägerei. Der Zorn ist damals schnell in ihm hoch gekocht, sicherlich hat ihm auch jemand gefehlt, der ihm Grenzen setzt.

"Ein Vater fehlt immer", so George Boateng. "Es fehlt immer einer, der auf den Tisch haut und sagt: 'Heute reicht es.' Oder der dir Mentalitäten, Bräuche, viele Sachen beibringt für dein Leben. Das hat natürlich gefehlt. Wir mussten es selbst suchen. Ich musste selbst rausgehen und gucken, wie es am besten ist. Und zum Glück kann ich sagen, es ist alles gut gelaufen. Es gibt so viele meiner Freunde, Leute, die ich kenne, die genau die gleichen Probleme wie wir haben. Die immer noch Hartz IV sind, kotzen ab, dass sie in so einer Scheißwohnung wohnen. Deswegen können wir uns echt nicht beschweren."

Kevin-Prince - "Keiner weiß, wie der Junge tickt"
Kevin steigt gerade zu Karrierebeginn öfter mal ruppig ein, schnell haftet ihm ein Ghetto-Image an. Im deutschen Fußball kommt er nie richtig an. Er entscheidet sich, für Ghana, das Land des Vaters, zu spielen. Als sein Foul an Michael Ballack dessen WM-Teilnahme in Südafrika verhindert, wird das hierzulande fast zur Staatsaffäre. "Die Medien haben auch immer nur geurteilt, was sie auf dem Platz sehen", so George Boateng. "Noch nie hat sich mal einer hingesetzt und mit dem Typen geredet. Keiner weiß, wie der Junge tickt. Ich weiß, wie er tickt: ehrenvoll. Loyalität hat er. Er ist immer für seine Freunde da. Das sieht man alles nicht. Auf dem Platz ist er hart, einfach knallhart. So war ich auch schon früher. Jeder, der mich kennt oder gegen mich gespielt hat, wird immer sagen: George ist ein ekliger Gegenspieler, weil ich nie verlieren konnte. Und bis heute kann ich nicht verlieren."

Dennoch: George Boateng hat mit Vielem seinen Frieden gemacht. Er ist Familienvater, züchtet Hunde, American Bullys, mit einem Geschäftspartner. Und er macht Musik. Der Fußballkarriere, sagt er, trauert er nicht hinterher. "Es gab eine Phase, wo ich gedacht habe: Man, ich hätte noch was erreichen können. Aber dann gab es auch wieder Phasen, wo ich gesehen habe, Gott gibt schon jedem seinen Platz, wo er hingehört. Ich hätte das nicht ausgehalten in der Bundesliga. Ich bin kein Typ, der sich rumschubsen oder sich auf den Fuß treten lässt. Da bin ich sehr empfindlich. Von daher hätte das sowieso nichts gebracht. Ich hätte unseren Namen nur noch weiter in den Ruin gebracht. Das ist schon richtig so. Die beiden richtigen aus der Familie haben es bekommen, die mit so einem Druck umgehen können." Die Geschichte der Brüder Boateng erzählt viel über Chancengleichheit, Vorurteile und Eigenverantwortung. Es ist eine Geschichte mit einem vorläufigen Happy End.

Sendedaten
Kulturzeit: montags bis freitags,
um 19.20 Uhr
Buch
Michael Horeni
"Die Brüder Boateng: Drei deutsche Karrieren"
Tropen bei Klett-Cotta 2012
ISBN-13: 978-3608503081