Montag bis Freitag 19.20 Uhr
Archiv & Vorschau
Mai 2013
Mo
Di
Mi
Do
Fr
Sa
So
29
30
010203
04
05
0607080910
11
12
1314151617
18
19
2021222324
25
26
27
28
29
30
31
01
02
Kulturzeit heute
21. Mai 2013
Moderation
Ernst A. Grandits
Sein kulturelles Interesse ging immer schon weit über den Fernsehbereich hinaus: "Der Zeit ihre Kunst, der Kunst ihre Freiheit - und beiden die Kulturzeit", sagt Ernst A. Grandits.
NavigationselementNavigationselement
© dpa Lupe
Martin Walser hat sich mit dem Begriff der "Rechtfertigung" auseinander gesetzt.
Suche nach Rechtfertigung
Martin Walser im Gespräch
Martin Walser gehört seit Jahrzehnten zu den "Großschriftstellern", deren Wort gehört wird, wenn sie sich öffentlich zu gesellschaftlich-politischen Fragen äußern. Und er gehört zu den Wenigen, die dabei fast immer irritieren, verstören, überraschen. Sein neuester Coup ist die Wendung hin zum theologischen Begriff der "Rechtfertigung", die jener Art des "Rechthabens" übergeordnet sei, die in öffentlichen Debatten heutzutage dominiere. Das hat sich in seinen fiktiven Werken angedeutet und in dem Essay "Über Rechtfertigung. Eine Versuchung" verdeutlicht.
Auch andere haben schon Recht gehabt, irgendwie: ob Jean Ziegler, der mit dem Zorn des Gerechten gegen den Welthunger kämpft, oder Joachim Gauck, der das Hohelied der Freiheit singt. Sie wissen, wofür sie kämpfen, und man muss einfach gestehen: Die beiden haben Recht, echte Vorbilder also. Oder? Ob der heftige Ziegler oder der edel räsonierende Gauck - in beiden spüre er "unsere Armut", sagte Martin Walser in einer Rede. Das kommt unerwartet, aber es kommt von Martin Walser, der uns immer wieder überrascht. An der Berliner Humboldt-Universität liest und spricht er "Über Rechtfertigung, eine Versuchung". Dies ist die Gelegenheit für ein Gespräch über Rechtfertigung und Rechthaben. "Diese Performance des 'sich-gerechtfertigt-Fühlens' ist sehr beeindruckend, aber sie hilft mir überhaupt nichts", so Walser. "Damit wird höchstens eine Selbstbefriedigung erreicht, zu der ich nicht imstande bin."

Rechtfertigung oder Rechthaberei?
Sich selbst zu rechtfertigen, ein Anliegen zu vertreten und daraus die eigene Seinsberechtigung zu ziehen, das hat Martin Walser nach seinen eigenen Worten hinter sich gelassen. Ihm geht es um die letzten Dinge, um das Hadern mit Gott. Um Religion, die er als Literatur liest. Das Elend des Menschen, das ist für Martin Walser die Unfähigkeit, sich selbst rechtfertigen zu können. Ohne Religion wird Rechtfertigung zur Rechthaberei. "Bei uns gilt es, Recht zu haben", sagt der Schriftsteller. "Und dann habe ich mich daran erinnert, erinnern müssen, dass ich mein Leben im Reizklima des Rechthabenmüssens verbracht habe. Da ich mein Leben in solchem Klima verbracht habe - ich konnte mich nie beherrschen, ich wollte auch immer Recht haben - da merke ich jetzt: Mit dem Satz, 'nichts ist ohne sein Gegenteil wahr' - und ich habe doch versucht, da im Recht zu sein - jetzt merke ich: Das hätte ich nicht versuchen sollen, das hätte ich sein lassen können. Aber so viel Selbstbeherrschung habe ich nicht gehabt."

© dpa Lupe
Martin Walser hat sich oft und immer wieder ins Aktuelle eingemischt.
Eine Mahnung zu mehr Zurückhaltung, zu mehr Demut also? Ausgerechnet von Martin Walser, dem ewigen Politisierer? Er mischte sich immer ein: gegen den Vietnamkrieg, gegen die deutsche Teilung, gegen den Krieg in Afghanistan. Alles vorbei? "So beschränkt bin ich immer noch, dass ich glaube, es sei richtig gewesen, gegen den Vietnamkrieg zu protestieren und die deutsche Teilung für Wahnsinn zu halten", sagt Walser. "Ich kann mich heute noch nicht beherrschen, wenn ich uns in Afghanistan sehe. Dann schreibe ich einen Artikel dagegen und wenn ich den Artikel geschrieben habe, dann ist es mir wieder ein bisschen wohler. Aber wenn es dann 14 Tage her ist, dann denke ich mir: Hättest du doch nichts gemacht, sei doch still!".

"Schuld ist etwas Diskutables"
Walser denkt um, aber deswegen bricht er noch lange nicht mit seiner Vergangenheit. Sein Paulskirchen-Wort von der "Moralkeule Auschwitz", die anschließenden Vorwürfe, ein "geistiger Brandstifter" zu sein - wenn es um sprachliche Vergangenheitsbewältigung geht, ist Walser doch wieder ganz bei sich. "Schuld ist etwas Diskutables", sagt er, "damit kann man sich auseinandersetzen, mit Schande nicht. Ich weiß heute noch nicht, warum ich 'Schuld' sagen sollte und nicht 'Schande' sagen durfte. Das halte ich für eine Sprachregelung, der ich mich nicht unterwerfen kann."

Eine ähnliche Zurechtweisung wie Martin Walser vor 14 Jahren musste kürzlich ein anderer verbaler Grenzverletzer erfahren: Günter Grass mit seinem Gedicht "Was gesagt werden muss". Ist sein Gedicht eine klassische Ausgeburt des "Rechthabenmüssens"? "Sie können sich denken, dass ich, der ich mich seit zehn Jahren bemühe, aus der Rechthaberei auszusteigen, an diesem Super-Meinungs-Rechthabestreit nicht teilnehmen will", sagt Martin Walser. "Das Einzige, was ich dazu gesagt habe, das glaube ich auch: Der Günter Grass ist kein Antisemit. Der Rest ist seine Sache, das geht mich nichts an.“ Ob er Grass raten würde, auszusteigen? "Nein, nein, nein. Er fühlt sich darin wohl, das ist das Einzige, worauf es ankommt", beschließt Walser das Gespräch.

Sendedaten
Kulturzeit: montags bis freitags,
um 19.20 Uhr
Buch
Martin Walser
"Über Rechtfertigung, eine Versuchung: Zeugen und Zeugnisse"
Rowohlt 2012
ISBN-13: 978-3498073817
Kulturzeit extra
© dpa"Widerrufen werde ich auf keinen Fall"
Günter Grass nimmt im Kulturzeit-Interview Stellung
mehr zum Thema