Montag bis Freitag 19.20 Uhr
Archiv & Vorschau
Mai 2013
Mo
Di
Mi
Do
Fr
Sa
So
29
30
010203
04
05
0607080910
11
12
1314151617
18
19
2021222324
25
26
27
28
29
30
31
01
02
Moderation
Ernst A. Grandits
Sein kulturelles Interesse ging immer schon weit über den Fernsehbereich hinaus: "Der Zeit ihre Kunst, der Kunst ihre Freiheit - und beiden die Kulturzeit", sagt Ernst A. Grandits.
NavigationselementNavigationselement
© Reuters
Guy Delisle zeichnete seine Beobachtungen vom Alltag der unterschiedlichen Menschen in Jerusalem.
Kosmos Jerusalem
Guy Delisle zeichnet den Alltag der Bewohner
Nordkorea, China, Birma sind Länder, die im Westen gerne als moralisch fragwürdige Gegenden angesehen werden, in denen aber gleichzeitig ein Großteil der lustigen Trickfilme für unser hiesiges Kindervorabendprogramm produziert wird. Der Kanadier Guy Deslisle beobachtete und kontrollierte solche Produktionen in China und Nordkorea. Er ist aber auch ein international mit vielen Preisen gewürdigter Comic-Zeichner. Und er ist Reporter, wenn er Graphic Novels über jene Länder zeichnet, in denen er gearbeitet und die er bereist hat. Sein neues Werk heißt "Jerusalem" und beruht auf einem einjährigen Aufenthalt in Israel und Palästina.
Jerusalem, die heilige Stadt. Es gibt so viele Bilder von ihr als Schmelztiegel und Krisenherd. In Jerusalem ist alles möglich. Nur nicht, dass man Frieden hat. Diese Stadt ist ein Kosmos, so kompliziert wie die Weltanschauungen, die dort aufeinandertreffen. "Normalerweise sehen Sie Jersualem entweder wie die Pilger die heilige Stadt mit den drei Weltreligionen oder Sie betrachten die Stadt wie ein Journalist: Junge Männer, die Steine auf das Militär werfen", sagt Guy Delisle. "Für mich als Zeichner war es ein kompliziertes Experiment: Ich kam nach der 'Intifada' und lebte im arabischen Ost-Jerusalem. Das ist ziemlich ruhig und ziemlich anders als das, was ich von Jerusalem erwartete."

© dpa Lupe
Palästinenser in der Via Dolorosa in der Altstadt von Jerusalem
Palästinenser und Israelis - Jerusalem ist für uns vor allem der Konflikt zwischen diesen beiden Gruppen. Doch Guy Delisle sieht vor allem den Alltag. Religion ist Teil dieses Alltags und Guy Delisle ein Beobachter von Alltäglichkeiten. Jerusalem ist eine durch drei Religionen gepaltene Stadt, die bei allen Schwierigkeiten einfach immer weitermacht. Delisles Frau ging arbeiten, während er erkundete, was die Menschen so denken. "Ich kümmere mich um die Kinder, meine Frau arbeitet für 'Ärzte ohne Grenzen'", so Delisle. An jeder Ecke warten kleine Geschichten und die erzählen vom großen Ganzen. "Neutral zu sein, ist unmöglich", sagt er. "Niemand ist objektiv. Ich bin kein Europäer, ich bin Kanadier. Ich wusste nicht viel über den Konflikt. Das waren ziemlich objektive Voraussetzungen. Allerdings war der Ausgangspunkt meiner Beobachtungen ziemlich subjektiv: Ich wohnte im arabischen Ost-Jerusalem - für viele ist das schon ein Statement. Das war es aber nicht, wir lebten einfach da."

Komplexe Reisereportagen
Wenn mal etwas passiert, sieht man es zuerst im Fernsehen. Doch die Gewalt, die man sieht, ist mehr als ein Gefühl. Bedrohung gehört in Israel zum Alltag und formt die Gesellschaft. Am besten wehrt man sich, indem man sich ein eigenes Bild von der Lage macht. Mit Comics kann man die Realität einfangen - und das mit klaren Strichen. Guy Delise zeichnet sich selbst in den Mittelpunkt seines Reiseberichts. In Israel ist jeder erst zunächst orientierungslos. Es ist kaum möglich seine Vorurteile außen vor zu lassen. Jeder will nur leben, doch im Handumdrehen wird alles zu Politik -ein schwieriges Land, komplexe Erfahrungen. Guy Delisle liebt komplexe Reisereportagen. Zuerst verschlug es ihn nach China. Aus Begegnungen entsteht das eigene Bild. Seitdem treibt es Delisle immer wieder in Regionen des alltäglichen Wahnsinns. Ein Land weiter: Nordkorea. Wie fremd ist die Fremde? Als Comiczeichner in Pjöngjang erkundete er die Diktatur mit dem Zeichenstift. Dann fuhr er nach Birma. Dort lebt er ein Jahr mit Frau und Kind, zeichnet Alltagsberichte aus Ländern, die man eigentlich nur aus den Nachrichten kennt.

"Aufzeichnungen aus Jerusalem" wurde beim Comicfestival Angouleme gerade zum besten Comic des Jahres gekürt. Delisle ist eine Art Comic-Journalist - nur eben unorthodox. "Comics sind mein Medium", sagt er, "noch mehr als Trickfilme, wo es um Geld geht und alles lange dauert. Als Comiczeichner muss ich niemandem erklären, was ich tue und warum. Das bedeutet für mich große Freiheit. Das ist der persönliche Aspekt. Und als Handwerk? Ich bin immer wieder überrascht, wie konzentriert und effizient so eine Comicseite ist: Auf nur eineinhalb Seiten kann ich erklären, warum es so kompliziert ist mit den drei Religionen." Am kompliziertesten sind die Dinge, die alles vereinfachen sollen. Quer durch Israel läuft eine Mauer. Durch die muss man dauernd durch - ein Widerspruch in sich. Und das einfach zu zeichnen ist auch nicht drin. Israel ist ein kompliziertes Land voller Widersprüche. Was tun, wenn man Bilder von Orten zeigen will, die kaum einer kennt? Ganz einfach: Man vollendet sie im Kopf. Jerusalem, das ist mehr als eine Stadt. Jerusalem ist ein ganzer Kosmos. Von Jerusalem macht sich am besten jeder sein eigenes Bild. Hinter jedem Bild lauert ein weiteres. Und das ist immer politisch.

Sendedaten
Kulturzeit: montags bis freitags,
um 19.20 Uhr
Buch
© ReproduktLupeGuy Delisle
"Aufzeichnungen aus Jerusalem"
Übersetzung von Martin Budde
Reprodukt 2012
ISBN-13: 978-3943143041
Schwerpunkt
Pulverfass Nahost