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Cécile SchortmannNavigationselement
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© Clärchen Baus-Mattar & Matthias Baus
In Shakespeares "Romeo und Julia" kommen die ganz großen Gefühle auf die Bühne.
Renaissance der Emotionen
Eine Geschichte der Gefühle
Affekte, Leidenschaften, Empfindungen und Emotionen sind mit den sozialen, kulturellen und politischen Strukturen der jeweiligen Gesellschaften verknüpft, in denen sie entstanden sind. Für gesellschaftliche und politische Ordnungen sind sie von großer Bedeutung. Was Gefühle im Wandel der letzten drei Jahrhunderte bedeuteten, untersucht derzeit ein Wissenschaftsteam am Berliner Max-Planck-Institut für Bildungsforschung.
In Shakespeares "Romeo und Julia" kommen die ganz großen Gefühle auf die Theaterbühne. Die beiden Liebenden durchleben alle Höhen und Tiefen menschlichen Fühlens, in einer Geschichte, die zurück geht in die Zeit der italienischen Frührenaissance, in das Zeitalter des Erwachens der bürgerlichen Gesellschaft, die sich selbst mit einem neuen Menschenbild ausstattet. Zum ersten Mal spielen Emotionen eine ganz zentrale Rolle. Inzwischen sind sie ein Schlüsselbegriff unseres Lebens. Sie bestimmen unsere Lebensqualität: Glück, Schönheit, Erfolg - kann man nicht zuletzt kaufen. Gefühle werden in fast allen Bereichen unseres Alltags thematisiert. Emotionen bewegen uns, bestimmen uns, versetzen uns in die "richtige Stimmung". Erleben wir derzeit eine "Renaissance der Emotionen"?

Politik und Emotionen
© ap Lupe
Hillary Clinton zeigte Emotionen.
Ute Frevert, die den Lehrstuhl für die "Geschichte der Gefühle" am Max Planck Institut in Berlin inne hat, hat in den letzten zehn Jahren beobachtet, dass "auf einmal wieder eine verstärkte Aufmerksamkeit, auch eine Neugier da ist: Was sind Emotionen? Wie funktionieren sie? Sind sie etwas Gutes oder Schlechtes?" Das weite Feld der Politik würde ohne "richtige Emotionen" kaum funktionieren. Ein schönes Beispiel sei Hillary Clinton, sagt Frevert. "Als die Medien mit ihrer Unterstützung das Bild von ihr aufgebaut hatten: Das ist eine Frau, die wie Maggie Thatcher über Leichen geht, die eisenhart ist, die so strategisch ist, so kalkulierend, so rational ist, war das zu viel Rationalität, die mit der Frauenrolle, die sie auch bediente, nicht übereinstimmte. Da hat es geholfen, dass sie irgendwann ihrer Enttäuschung Ausdruck gegeben hat und fast ein bisschen geweint hat."

Unter dem Titel "Gefühlswissen" unternimmt das Wissenschaftsteam am Berlilner Max-Plack-Institut für Bildungsforschung eine lexikalische Spurensuche in die Moderne. "Das Bürgertum formiert sich im 18. Jahrhundert als neue gesellschaftliche Schicht, vor allem in Abgrenzung, auch zum Adel und zu den unteren Gesellschaftsschichten", erklärt Anne Schmidt vom Max-Planck-Institut für Bildungsforschung (MPIB). "Der Gefühlsausdruck, das emotionale Verhalten, spielt dabei eine ganz entscheidende Rolle."

Der Bürger und seine Gefühle
Lupe
Anne Schmidt
Im "Krünitz", einem lexikalischen Standardwerk, das um die Wende vom 18. zum 19. Jahrhundert entstanden ist, wird auf Bildtafeln der "gutbürgerliche" Mensch dem "dekadenten" Adligen gegenüber gestellt. Ein Anschauungsunterricht für Bildungsbürger, bei dem Klassenbewusstsein eingeübt wird - und damit die "richtigen" Gefühle und ihr jeweiliger Ausdruck. "Die guten Bürger zeigen ihre Gefühle auf 'gute Art und Weise'", erklärt Anne Schmidt. "'Auf gute Art und Weise' heißt immer, dass man authentisch seine Gefühle zeigt: wahrhaftig, nicht lügt, sich nicht verstellt, aber dass man trotzdem auch 'wohltemperierte Gefühle' zeigt, keine Gefühlsausbrüche."

Was das Gemüt bewegt und wie man Gefühle zu beherrschen versteht, beschäftigt im 19. Jahrhundert zunehmend auch die Wissenschaft. Gefühle und ihr Ausdruck werden am Körper untersucht. Gefühlsforschung wird auf naturwissenschaftlicher Grundlage betrieben - bis zum heutigen Tag. Die Neurowissenschaften haben eine Leitfunktion bei der Erforschung der menschlichen Emotionalität übernommen. Doch erklären sie unsere Gefühlswelt wirklich?

Gefühle muss man lernen
© mev Lupe
Menschen müssen Gefühle erst lernen, so Frevert.
"Der Hintergrund war, dass wir in der Tat von einer Grundthese ausgehen", so Ute Frevert. "Gefühle sind nichts, das wir einfach nur haben, was nur durch unsere biochemische Zusammensetzung oder unsere genetischen Anlagen in die Wiege gelegt worden ist. Sondern Gefühle sind etwas, das wir lernen." Wenn wir zur Welt kommen, ist der Kontakt zur Mutter unsere erste Kommunikation. Wir lernen fühlen, indem wir ein Gesicht anschauen - und angeschaut werden, indem wir spüren - und wahr genommen werden. Es sind die Urgefühle wie "Lust" oder "Unlust", die uns bewegen. Diese frühen Erfahrungen bestimmen uns ein Leben lang.

Wie wir Gefühle ausdrücken, welche Bedeutungen wir ihnen beimessen, hängt ganz von den gesellschaftlichen und kulturellen Kontexten ab, in denen wir uns bewegen. Gefühle sind für unsere menschliche Existenz eine Grunderfahrung. Der Tanz ist eine materielle Basis, um die Gefühlswelten am eigenen Körper zu studieren. Der Philosoph Rudolf zur Lippe hat dem Gefühlsausdruck in der Bewegung einen Großteil seiner wissenschaftlichen Arbeiten gewidmet. Er sieht Fühlen und Denken in ständiger Bewegung. "Wir brauchen einfach diese Gefühle als eine Grunderfahrung", sagt Rudolf zur Lippe. "Es geht nicht um diese psychologisch kategorisierten Geschichten, sondern um etwas ganz Grundlegendes."

Tanz schafft ein Bewusstsein unserer Gefühle
Lupe
Rudolf zur Lippe untersucht den Gefühlsausdruck in der Bewegung.
Im indischen Tanz beispielsweise entdeckt zur Lippe eine Ursubstanz von Gefühlen. "Ich habe in der indischen Welt einmal eine so wunderbare Demonstration erlebt, dass der Tanz, der große Kunsttanz des Bharatanatyam aus dem Boden kommt." Bewegung als Ausdruck der Verbundenheit mit der Erde, auf der wir leben. Der Tanz schafft ein Bewusstsein unserer Gefühle, die uns bestimmen - über kulturelle und soziale Grenzen hinweg. "Alle unsere Gefühle haben in diesem Grundgefühl unserer menschlichen Existenz ihren Boden und ihre Bedingung", sagt Rudolf zur Lippe. "Und der aufrechte Gang ist dieses 'zwischen Himmel und Erde' - zwischen 'schwer sein' und 'sich aufrichten'".

Gefühlswissen ist nicht zuletzt ein Wissen unseres Körpers, scheint in Raum und Zeit lebendig zu sein. Gefühle als Ausdruck einer kulturellen Epoche. "Wir haben eine unendliche Vielfalt von Gefühlen, wir haben gemischte Gefühle, wir haben Gefühle, die von einer zur anderen Sekunde umschlagen können, sich verändern können", sagt Ute Frevert. "Es gibt nichts Spannenderes auf dieser Erscheinungsebene als diese Gefühlswelt." In unserer Alltagswelt haben die ganz großen Gefühle kaum ihren Platz. Dennoch bestimmen sie unbewusst unser Handeln. Um in einer bürgerlichen Leistungsgesellschaft tagtäglich funktionieren zu können, gönnen wir uns allenfalls kleine emotionale Fluchten.

Sendedaten
Kulturzeit: montags bis freitags,
um 19.20 Uhr
Buch
© campusLupeUte Frevert u.a.
"Gefühlswissen"
Campus 2011
ISBN-13: 978-3593393896
Mediathek
VideoInterview mit Ute Frevert
Direktorin des Max-Planck-Instituts für Bildungsforschung
Schwerpunkt
Ein Abend im Zeichen der Wissenschaft: Gefühle
Wissenschaft am Donnerstag
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