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27. Mai 2016
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Ines Geipel analysiert in "Der Amokkomplex" fünf Amokläufe.
Die Dynamik des Amoks
Ines Geipels Buch "Der Amok-Komplex"
Erfurt, Emsdetten und Winnenden - Amokläufe von Schülern beschäftigen Angehörige, Polizei, Behörden und Politik bis heute. Die Berliner Autorin Ines Geipel hat Amokläufe analysiert und geht im Buch "Der Amokkomplex" der Frage nach, wie aus scheinbar ganz normalen jungen Männern kaltblütige Mörder werden.
Erfurt am 26. April 2002: In 15 Minuten sterben zwölf Lehrer, eine Schulsekretärin, zwei Schüler, ein Polizist und ihr Mörder, Robert Steinhäuser. Das Entsetzen ist grenzenlos, die Trauer untröstlich, die Angst überall spürbar. Und heute, fast zehn Jahre danach? Haben wir uns an Emsdetten, Winnenden und Lörrach gewöhnt? "Gesellschaftlich kann es nicht die Lösung sein, dass wir uns einrichten: Hier und da schießt es, aber Gott sei Dank bin ich weit genug entfernt. Ich habe damit nichts zu tun", sagt Ines Geipel.

Kultur der Beschämung
Ines Geipel wollte wissen, wie und warum es zu Amokläufen kommt. Sie rekonstruiert minutiös die Tatabläufe in Winnenden, Emsdetten und Erfurt. Sie zeigt das innere und äußere Chaos mit Auszügen aus Polizei-und Vernehmungsprotokollen. Sie schaut sich an, wo und wie die Täter gelebt haben und schildert jetzt, wie sie zu Amokläufern wurden. "Zum Beispiel zeigt sich bei allen drei deutschen Fällen sehr stark, dass wir an deutschen Schulen eine erstaunliche Kultur der Beschämung haben. Die drei Jungs sind stark gemobbt worden", so Geipel.

Das trifft auch auf Robert Steinhäuser zu, den Erfurter Amokläufer. Er liebte nicht nur Computerspiele, auch alle Filme von François Truffaut bis Martin Scorsese. Er ist ein vergnügtes Grundschulkind, bis er versagt und gemobbt wird. Am Schießstand tankt er Selbstbewusstsein. Er schwänzt die Schule und fliegt nach der 11. Klasse raus. Ein halbes Jahr vor dem Amoklauf sitzt er jeden Tag im Café, unbemerkt von allen. Da hatte er sich - wie alle Täter - schon längst aus der Welt der anderen verabschiedet. "Was mir als Parallele der Fälle sehr aufgefallen ist, ist dieses Nichtsprechen, dieser Nichtumgang - die Unfähigkeit, Bindung, Beziehung, Empathie aufzubauen", sagt Geipel, "und zwar nicht nur auf Seiten des Täters, sondern des Umfeldes - wie wenig konfliktbereit die Eltern mit diesem Typus Jungs umgehen."

Anpassungsdruck einer Leistungsgesellschaft
Ines Geipel beschreibt, wie die Eltern der Täter die eigene Überforderung, den Anpassungsdruck einer Leistungsgesellschaft an die Kinder weitergeben. Wie wenig Freiraum für die Heranwachsenden bei ihrer Suche bleibt: Was kann ich, wer bin ich, wohin will ich? Jede Grenzerfahrung wird in der virtuellen Welt ausgetragen und ist damit unfühlbar. "Durch Medialisierung, Virtualisierung und Hochdruckgesellschaft erziehen wir uns eine Jugend heran, die sich im Zentrum, im Kern spüren will. Es geht auch darum zu sagen: Diese Gewaltgeschichten sind auch ein Gesetz der Lust." Die globale Schule des Tötens, so Ines Geipel, begann mit den neuen Medien. Der Videoclip der Täter des Schulmassakers von Littleton 1999 wurde durch das Internet zur Blaupause für Amokläufer weltweit.

Jeder Amokläufer ist darauf aus, mit seinem Inferno die größtmögliche Wirkung zu erzielen. Wenn er die Schule attackiert, trifft er den sensibelsten Schutzraum - ein Trauma, das lange nachwirkt. Doch wie verhindert eine Gesellschaft den nächsten Amoklauf? Mit neuen Polizeistrategien? Mit mehr Schulpsychologen? Mit Waffenverbot? Für Ines Geipel sind das die falschen Fragen: "In einer Effizienzgesellschaft ist das Moment der Wertschätzung nicht mehr da. Das ist auch ein Moment des Innehaltens und des Verzögerns. Ich glaube, dass man solche Zivilitäten wieder trainieren muss. Dass wir nicht immer schneller, brutaler, maximierter werden.

Das Buch " Der Amokkomplex" findet keine einfachen Antworten, es irritiert vielmehr: Die Täter rücken dem Leser fast unerträglich nah. Sie sind uns nicht so fremd, wie wir es gern hätten. Robert Steinhäuser schrieb in seinem letzten Deutschaufsatz in der 11. Klasse: "Ich denke, ich stehe noch am Anfang meines Lebens. Momentan versuche ich mein Abitur so gut wie möglich zu bestehen. Vor einiger Zeit war mein Ziel Informatik zu studieren. Doch benötigt man dafür zehn Punkte im Leistungskurs, die ich nicht erreichen kann."

Sendedaten
Kulturzeit: montags bis freitags,
um 19.20 Uhr
Buch
© Klett-CottaLupeInes Geipel
"Der Amok-Komplex"
Klett-Cotta 2012
ISBN-13: 978-3-608-94627-7