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Kulturzeit heute
26. November 2014
Moderation
PORTRÄT
Ernst A. Grandits
Sein kulturelles Interesse ging immer schon weit über den Fernsehbereich hinaus: "Der Zeit ihre Kunst, der Kunst ihre Freiheit - und beiden die Kulturzeit", sagt Ernst A. Grandits.
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© dpa Lupe
Joachim Gauck plädiert für Reformen mit Freiheit und Verantwortung.
Joachim Gauck und die Freiheit
Wie er die Demokratie versteht
Der frühere DDR-Bürgerrechtler Joachim Gauck ist am 18. März 2012 als erster Ostdeutscher zum Bundespräsidenten gewählt worden. Die Bundesversammlung in Berlin kürte den 72-Jährigen mit großer Mehrheit zum Nachfolger des im Februar zurückgetretenen Christian Wulff. Die Erwartungen sind nach zwei gescheiterten Präsidentschaften gewaltig - aber als "Heilsbringer" sieht er sich nicht: "Ich werde mit all meinen Kräften und meinem Herzen 'Ja' sagen zu der Verantwortung, die Sie mir heute gegeben haben", sagte er.
Zugleich räumte er ein, "ganz sicher nicht alle Erwartungen erfüllen zu können", die in den kommenden fünf Jahren an ihn gerichtet würden. Er wolle sich nun auf neue Themen, Probleme und Personen einstellen. Der zentrale Wert unserer Gesellschaft ist für Joachim Gauck die "Freiheit". Was er darunter versteht, hat er bereits vor der Wahl zum Bundespräsidenten in seinem Buch "Freiheit - ein Plädoyer" niedergeschrieben, das er im Februar 2012 vorgestellt hat. Darin beschreibt er die liberale Bürgergesellschaft, wie er sie sich vorstellt.

Zur Freiheit gehört Verantwortung
Es ist Joachim Gaucks Abend: Freitag, 17. Februar 2012. Wenige Stunden zuvor ist Christian Wulff als Bundespräsident zurückgetreten. Das Publikum in Koblenz macht klar, wen es sich als Nachfolger wünscht: ihn. Dass er es wirklich werden wird, ist an diesem Tag längst nicht ausgemacht. Und eigentlich will er auch gar nicht darüber sprechen. Er war nur gekommen, um aus seiner Autobiografie zu lesen. Dann aber sagt er uns doch, wie er glaubt, dass man dem Amt wieder Ansehen verschaffen kann: "Bei der Institution Bundespräsident, wo kaum Macht existiert, erwarten wir Glaubwürdigkeit. Wie erlangt man sie? Man sollte bei sich sein", sagt Gauck. "Man sollte keine Show abziehen. Und man darf zeigen, dass man die Werte, auf denen unser Land beruht, ernst nimmt."

Besonders ein Wert steht für Gauck im Vordergrund: Freiheit. Dies ist der Titel seines neuen Buches und es könnte auch das Leitmotiv seiner Präsidentschaft werden. Zur Freiheit gehört für Gauck aber auch eine Pflicht: Verantwortung, im Politischen wie im Privaten, sich um die Menschen zu kümmern. Nur so könne aus der persönlichen Freiheit auch ein Wert für die Gesellschaft erwachsen. "Es leben in jeder Stadt dutzende, hunderte, in großen Städten tausende von Leuten", so Gauck, "die freiwillig Patenschaften übernehmen, die sich einem sozialen, kulturellen, religiösen Zweck oder dem Sport widmen, Menschen, die zu dieser, ihrer Gesellschaft 'ja' sagen können. Und das sind die Formen, wo mir Freiheit gefällt, weil sie mit einer Hinwendung zu einem konkreten Thema verbunden sind."

Heftige Kritik
© dapd Lupe
Gauck nach der Lesung in Koblenz am 17. Februar 2012
Zwei Tage nach dem Koblenzer Abend kommt die freudige Botschaft: Gauck soll Bundespräsident werden. Sofort beginnt die Diskussion: Ist dieser Prediger der Freiheit der richtige Mann? Viele seiner Aussagen werden kritisiert: zum Holocaust, zu Sarrazin, zu Hartz IV. "Der steht für etwas", sagte Gauck. Aber nicht für das Richtige, finden einige, weil er den Kapitalismus verteidigt, ihn sogar für das bestmögliche System hält.

"Dass es einen Widerspruch zwischen der Dynamik von Wirtschaftsprozessen oder auch zwischen der Dynamik einzelner Siegertypen, die an den Interessen anderer vorbeigehen, gibt, ist evident", sagt Gauck. "Aber das ist noch anders in der Geschichte der Menschheit gewesen. Und diejenigen Menschen, die sagen, dass die Menschen freundlicher in einer nichtkapitalistischen Wirtschaftsform wären, sind in dieser nichtkapitalistischen Wirtschaftsform nie gewesen. Aber ich war drin."

"Insasse" der DDR
In der DDR war er eingesperrt. Als "Insasse" bezeichnet sich Gauck in seinem Buch. Er war Pfarrer in Rostock - unangepasst, unbequem. Aus dieser Zeit, in der er bespitzelt wurde, stammt seine Freiheitsliebe. Seit der Wende will er die Menschen in der Bundesrepublik an den Wert dieser Freiheit erinnern, die viele für zu selbstverständlich hielten. "Als ich mich nach der Freiheit sehnte, habe ich mir das so vorgestellt, dass die Freiheit ein immerwährendes Wohnrecht im Westen hat und dass alle Menschen sie gleichmäßig lieben", so Gauck. "Als ich dann den Westen näher kennenlernte, stellte ich fest: Nein, so ist das nicht. Die Menschen hier wollen Sicherheit. Das ist immer das, was uns Deutschen besonders wichtig ist."

Freiheit und Sicherheit: Das gegeneinander auszuspielen, empört Kritiker wie den Schriftsteller Ingo Schulze. Er stammt ebenfalls aus der DDR und findet den Freiheitsbegriff von Gauck viel zu einseitig. "Diese ökonomische und soziale Komponente von Freiheit ist genauso wichtig wie die politische Komponente", sagt Schulze. "Das kann man nur zusammen sehen. Also: Freiheit und Gleichheit gehören zusammen. Sonst wird es die Freiheit für den Stärkeren. [...] Dieses Land ist ökonomisch, sozial so gespalten und so ungleich und es gibt beispielsweise eine große Kinderarmut. Das sind Dinge, da kann man nicht einfach nur sagen: Danke, Deutschland."

Gauck findet Occupy-Bewegung zu emotional
© AP Lupe
Die Occupy-Bewegung - zu idealistisch?
Vor allem, dass sich Gauck gegen die Occupy-Bewegung gestellt hat, nehmen ihm seine Kritiker übel. Für Gauck sind diese Demonstrationen keine ernst zu nehmende politische Aktion. Zu emotional, findet er. "Ich kann durchaus Menschen achten, die ihre Sehnsucht artikulieren", sagt Gauck. "Aber dadurch komme ich dazu, manche Formen als eine Kunstform, als die Darstellung einer empörten Seele zu definieren. Für eine politische Aktion fehlt mir eine Zielsetzung. Politik beschäftigt sich nicht mit dem Idealen, sondern mit dem Machbaren."

Doch wie war das 1989 mit der DDR-Bürgerbewegung, bei der auch Gauck aktiv war? Waren nicht auch diese Proteste zunächst naive Utopie? So wie jetzt bei der Occupy-Bewegung? "Ich finde es indiskutabel", sagt Ingo Schulze, "wenn man Menschen, die auf die Straße gehen und sagen, 'so geht es nicht weiter, wir, das heißt das Gemeinwesen wird von der Minderheit einer Minderheit beklaut, die sich ungestraft bereichern können.' Wenn ich mich verspekuliert habe, muss ich dafür einstehen. Wenn sich eine Bank verspekuliert, rettet die Gemeinschaft das. Die Leute, die dagegen vorgehen, kann man nicht als albern abtun. Da kann man sicherlich sagen, manches ist ungeschickt. Aber auch 1989 war sehr vieles komisch und ungemütlich auf den ostdeutschen Straßen und trotzdem war es wichtig. Und genauso wichtig ist diese Occupy-Bewegung oder verwandte Proteste."

Reformen innerhalb unserer Gesellschaftsordnung
Kritik lässt Joachim Gauck nicht kalt. So erzählt er uns im Anschluss an die Veranstaltung in Koblenz, dass er sich doch noch einmal genauer mit Occupy auseinandersetzen wolle. Er sieht sich selbst als "Lernender". Eines aber macht er auch klar: Reformen will er innerhalb unserer jetzigen Gesellschaftsordnung - mit Freiheit und Verantwortung, ganz so wie er es in seinem Buch schreibt. Rufe nach einem Wandel des Wirtschaftssystems, wie ihn etwa die Linke fordert, machen ihn wütend.

"Das finde ich einfach lästerlich", sagt Gauck. "So zu tun, als wären wir am Ende aller unserer Möglichkeiten. Von daher, wenn von unseren Bühnen der große Sturm auf unsere verkommene Gesellschaft aufgerufen wird, frage ich mich gelegentlich: Wo sind wir eigentlich gerade? In welcher Welt wird diese Inszenierung gerade gezeigt? In China, bei den arabischen Despoten oder in der offenen Gesellschaft, die wir in Deutschland haben? Und deshalb verbitte ich mir nicht Kritik, sondern ich erwarte Kritik." Diese Kritik hat schon eingesetzt, bevor er ins Schloss Bellevue gewählt wird. Joachim Gauck kann damit umgehen. Er wird ein Präsident der klaren Worte werden. Die muss man nicht mögen. Aber sie fordern uns heraus.

Sendedaten
Kulturzeit: montags bis freitags,
um 19.20 Uhr
Mediathek
© dpaVideoDas Gespräch mit Beate Klarsfeld, Gegenkandidatin für die Linke (27.02.2012)
ARD-Mediathek
© apnDer Beitrag von Peter Gerhardt
Buch
Joachim Gauck
"Freiheit: Ein Plädoyer"
Kösel Verlag 2012
ISBN-13: 978-3466370320
Buch
Joachim Gauck
"Winter im Sommer - Frühling im Herbst: Erinnerungen"
Siedler Verlag 2009
ISBN-13: 978-3886809356
Mediathek
VideoJoachim Gauck gegenüber Kulturzeit zur Occupy-Bewegung (07.11.2011)
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