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Egal, was ist, bei Astrid Lindgrens Geschichten wird am Ende alles gut.
Egal, was ist, bei Astrid Lindgrens Geschichten wird am Ende alles gut.
Die Inszenierung der glücklichen Kindheit
Vor 110 Jahren wurde Astrid Lindgren geboren
Sie erweckte nicht nur Pippi Langstrumpf zum Leben, sondern auch Michel aus Lönneberga, Karlsson vom Dach, die Brüder Löwenherz und die Kinder von Bullerbü. Die Figuren der schwedischen Kinderbuchautorin Astrid Lindgren sind bis heute unvergessen. Um sich an ihre eigene, glückliche Kindheit zu erinnern, erdachte die erwachsene Astrid Lindgren Geschichten, die an früher anknüpften. Denn ihr Erwachsenenleben war geprägt von Sorgen und Schuldgefühlen. Vor 110 Jahren, am 14. November 1907, wurde Astrid Lindgren geboren.
Für Astrid Lindgren war ihre eigene Kindheit viel zu wichtig, um sie zu vergessen. So oft es ging, träumte sie sich zurück auf den Bauernhof im schwedischen Vimmerby. Diese Kindheit inspirierte sie nicht nur zu den Bullerbü-Büchern. Die Erinnerungen an das Gefühl von Freiheit und Geborgenheit gaben Astrid Lindgren immer wieder Kraft. Es waren die glücklichsten Tage ihres Lebens: "Ich habe mit meinen Geschwistern so viel gespielt, dass ich glaube, dass es keine Kinder auf der Welt gibt, die so viel gespielt haben wie wir hier", sagte sie einmal.

Mit 18 schwanger von einem verheirateten Mann
© AP Lindgren musste ihr uneheliches Kind Lars weggeben - und litt.
Lindgren musste ihr uneheliches Kind Lars weggeben - und litt.
Doch ihr Leben als Erwachsene war keineswegs so glücklich wie die Welt von Bullerbü. Darüber wollte Astrid Lindgren lieber nicht reden - aus Scham. "Astrid Lindgren hat ein ganz abruptes Ende ihrer Kindheit erlebt", sagt ihre Biografin Maren Gottschalk. "Mit 18 Jahren ist sie von einem verheirateten Mann schwanger geworden. Sie musste den Hof verlassen, ganz alleine nach Stockholm gehen - ohne Partner, ohne Geld, ohne Beruf, ohne Freunde", so Gottschalk. "Sie musste ein uneheliches Kind zur Welt bringen und es weggeben in eine Pflegefamilie - und es auch lange dort lassen."

Astrid Lindgrens Leben war fortan geprägt von Geldsorgen, Einsamkeit und vor allem großen Schuldgefühlen gegenüber ihrem Sohn Lars. Schreibend floh sie in ihre Kindheitserinnerungen. "Ich schreibe die Bücher, um mich selbst zu amüsieren und mich in meine eigene Kindheit hineinzuversetzen", so Lindgren. Die Familie aus dem Bilderbuch war nur eine Inszenierung für die Presse. Astrids Sohn wie auch ihr Mann waren dem Alkohol verfallen. Die eigentlich lebensfrohe Frau musste mit ansehen, wie sich beide zu Tode tranken. Auch das beeinflusste ihre Geschichten, sagt Maren Gottschalk: "In Astrid Lindgrens Büchern sind die einsamen, verlassenen, traurigen, unglücklichen Kinder immer Jungen. Sie sind fast nie Mädchen. Ich glaube schon, dass sich daran auch die Trauer über das, was sie ihrem Sohn vielleicht zugemutet hat, wiederfindet."

Sie musste ihre erste Version von "Pippi Langstrumpf" deutlich glätten
© dpa Die Lindgren-Figur Pippi inspirierte schon Generationen von Kindern.
Die Lindgren-Figur Pippi inspirierte schon Generationen von Kindern.
Doch nicht nur ihre privaten Probleme, auch die Unzufriedenheit mit den gesellschaftlichen Verhältnissen ließ sie in ihre Bücher mit einfließen. Vor allem der Umgang mit Kindern und die autoritären Erziehungsmethoden waren ihr zuwider. Sie erfand den Bürgerschreck schlechthin: Pippi Langstrumpf. Autoritäten waren für sie allenfalls etwas zum Spielen. Erwachsen werden ist nicht erstrebenswert - was sollte aus Lindgrens Sicht daran auch gut sein? Pippi entlarvte die Großen lieber. Und die Wächter für Moral und Anstand standen Kopf. Dabei ist die bekannte Pippi eigentlich noch recht harmlos. Die Ur-Pippi war noch frecher, noch mehr gegen den Strich gebürstet. Doch kein Verleger traute sich, diese Pippi zu drucken. Widerwillig musste Astrid Lindgren glätten. Und dann katapultierte sie sich mit Pippi Langstrumpf zur beliebtesten Kinderbuchautorin der Welt.

Kinder fühlen sich verstanden
In ihren späteren Büchern, die oberflächlich wie nette Kindergeschichten daherkommen, thematisierte sie bewusst Einsamkeit und Tod. Dafür wurde sie oft kritisiert. Zum Beispiel für ihren Umgang mit Selbstmord in den "Brüdern Löwenherz". "Sie hat begriffen, woran Menschen leiden, was sie freut, was ihnen Angst macht, was sie sich wünschen und ersehnen", sagt Gottschalk. "Und deswegen sind ihre Bücher so echt und wahr." Die Kinder sind Lindgren dafür dankbar. Sie fühlen sich endlich einmal von einem Erwachsenen verstanden und ernst genommen. Und egal, was ist, bei Astrid Lindgrens Geschichten wird am Ende alles gut.

Sendedaten
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Kulturzeit-Nachrichten
Deutscher Kinderbuchautor Wolf Erlbruch bekommt Astrid-Lindgren-Preis
Kulturzeit-News vom 04.04.2017
Hintergrund
Astrid-Lindgren-Preis
Nach Astrid Lindgren ist auch ein Kinderbuchpreis benannt, der mit fünf Millionen schwedischen Kronen (rund 522.000 Euro) der höchstdotierte Preis der Welt ist. Seit 2002 wird er verliehen.

(Quelle: dpa)