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Kulturzeit heute
28. November 2014
Moderation
PORTRÄT
Ernst A. Grandits
Sein kulturelles Interesse ging immer schon weit über den Fernsehbereich hinaus: "Der Zeit ihre Kunst, der Kunst ihre Freiheit - und beiden die Kulturzeit", sagt Ernst A. Grandits.
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Lupe
Slutwalks sind auch eine Form des feministischen Protests.
Girl Power
Die Geschichte der Riot Grrrls
In den 1990er Jahren gründete sich eine Bewegung, die selbstbewusst und aufreizend gegen Sexismus und die männliche Dominanz im Musikbusiness protestierte. Die "Riot Grrrls" trugen kurze Blümchenkleider, zu viel Schminke und Doc Martens. Bands wie Peaches, The Gossip aber auch Superstars wie Lady Gaga beziehen sich auf die feministischen Vorkämpferinnen. Das Buch "Riot Grrrl revisited" wirft einen Blick auf die Geschichte und Gegenwart der Bewegung.
In den 1990er Jahren wurden Frauen Anführerinnen einer weltweiten popkulturellen Bewegung. Ausgehend von der Stadt Olympia im US-Bundesstaat Washington okkupierten rotzige Mädchenbands die Bühnen. Die "Riot Girls" hatten die Dominanz von Musikern und das männliche Zitierkartell in Musikzeitschriften satt. "Es war eine Reaktion auf das patriarchale Musik-Business", sagt die Journalistin Beate Hausbichler. "Es gibt fast ausschließlich Männer auf der Bühne. Das ganze Gehabe auf der Bühne ist explizit sexistisch. Es war eine Reaktion zu sagen: Wir wollen in diesen Betrieb nicht einsteigen und bitten darum, dass wir wahrgenommen werden. Wir wollen selbst produzieren und selbst die Maßstäbe setzen. Der Do-It-Yourself-Gedanke ist auch daraus entstanden."

"'Grrrls' sollte wie ein Knurren klingen"
Lupe
Beate Hausbichler
In Fanzines - selbstgestalteten, fotokopierten Magazinen - wurden Themen wie Konsumkultur, Musik, Abtreibung und sexistische Werbebotschaften verhandelt.Die Riot Girls konterkarierten das gesellschaftlich tradierte Bild vom Mädchen. Musik war eine neue Form des feministischen Aktivismus. Denn bis dahin setzte sich die Frauenbewegung aus älteren Akademikerinnen der Mittelschicht zusammen, die die Riot Girls kritisch beäugten. "'Grrrls' sollte wie ein Knurren klingen", so Beate Hausbichler, "den bedrohlichen Aspekt in Girls herausholen und zeigen, dass es nicht nur darum geht, dass niedliche, süße Girls ein bisschen Musik machen, sondern auch die sexuelle Aggressivität, die hinter dem Projekt gestanden hat, durch das Grrrls mit den drei 'r' zum Ausdruck gebracht werden."

Diese Mischung aus Mädchen-Niedlichkeit und sexueller Selbstbestimmtheit wurde in europäischen Mainstream-Medien als Mode-Erscheinung trivialisiert und von der Kultur-, Pop- und Konsumindustrie bestimmt, "Riot Girl Power" wurde zu "Girlie Power" verwässert. Aus feministischer Subkultur wurden saubere Girlies. Die Girls werden langsam Omas, aber nicht müde. "Wild Flag", die Riot Girl-Supergroup, die sich aus Mitgliedern ehemaliger Riot Girl-Bands der 1990er Jahre zusammensetzt, hat gerade ihr erstes Album herausgebracht. Die Gründe für "Riots" sind nicht verschwunden. Als kürzlich ein kanadischer Polizist Frauen ernsthaft empfahl, sich nicht wie "Schlampen" zu kleiden, um einer Vergewaltigung zu entgehen, kam es auf der ganzen Welt zu "Slutwalk"- Protesten. Denn schon die Riot Girls forderten die Rückeroberung von negativen Zuschreibungen, wie "Bitch", Girl" oder eben "Slut".

Erbinnen der rebellischen Girls in der Popkultur
Riot Girls leben auch in den Girls Rock Camps weiter. Hier lernen Mädchen Songs zu schreiben, Instrumente zu spielen, Konzerte zu organisieren und Fanzines zu gestalten. "Es ist so, dass im klassischen Musikunterricht die Wahl der Musikinstrumente nach wie vor geschlechtsdominiert ist", sagt Ulli Mayer, Veranstalterin des Girls Rock Camp. "Mädchen greifen eher zur Blockflöte, Jungs zum Schlagzeug und Bass. Mit Schlagzeug und Bass lässt sich leichter eine Band bilden als mit Blockflöte und Xylophon."

© ap Lupe
Lady Gaga: auch ein Riot Girl?
Die Erbinnen der rebellischen Girls finden sich in der großen Popkultursuppe auch da, wo man sie nicht erwartet. "Lady Gaga sehe ich in dieser Riot-Girl- Tradition", so Beate Hausbichler. "Da wäre Courtney Love eine Vorläuferin. Dieses Schminken, immer so viel, dass es gerade nicht mehr sexy ist. Genau das macht Lady Gaga auch, dass sie sich vom Scheitel bis zur Sohle aufputzt, aber so sehr, dass es schon Plastik ist, dass es in keiner Weise mehr erotisch oder sexy wirkt, genau das hat Courtney Love auch gemacht."

Courtney Love schmückt heute Modeschauen. Feministische Musikerinnen wie Peaches und Chicks On Speed machen die Tempel der Hochkulturen wie Theater und Galerien unsicher. Beth Ditto, die einst auf Riot-Girl-Labels veröffentlichte, ist heute Everybody's Darling. Unangepasstheit, Selbstbestimmtheit und feministische Politisierung ist wieder einmal Mainstream-kompatibel geworden.

Sendedaten
Kulturzeit: montags bis freitags,
um 19.20 Uhr
Buchtipp
© VentilLupeKatja Peglow, Jonas Engelmann (Hrsg.)
"Riot Grrrl Revisited!: Die Geschichte einer feministischen Bewegung"
Ventil 2011
ISBN-13: 978-3931555474