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© Reuters Lupe
Mit Kim Jong Ils Leben endet nicht nur seine 17-jährige Herrschaft über Nordkorea, sondern auch eine literarische Epoche.
Dichtende Despoten
Die Macht im Mantel schöner Worte
Warum haben ausgerechnet Gewaltherrscher oft eine besondere poetische Ader? In seinem Buch "Despoten dichten" zeigt der Literaturwissenschaftler Albrecht Koschorke: Diktatoren geben sich nicht nur mit der Kontrolle über die Realität zufrieden - sie wollen auch die Fiktion beherrschen.
Der geliebte Führer ist tot. Mit Kim Jong Ils Leben endet nicht nur seine 17-jährige Herrschaft über Nordkorea, sondern auch eine literarische Epoche. Denn der gottgleiche Herrscher hatte nicht nur eine Schwäche für Paraden, sondern auch für die Poesie. Gerne griff Kim Jong Il selbst zur Feder, das Ergebnis las sich dann so: "Unbeugsam ist der Wille der Kommunisten, unaufhaltsam ihr Leben. Man kann ihre Körper in Ketten legen, aber ihre edlen Ideen kann man niemals fesseln." Unzählige Bücher soll Kim Jong Il geschrieben haben: Werke zur Filmkunst, Opernlibretti und Gedichtbände.

Dichter und Despot
© AP Lupe
Stalin schrieb Gedichte.
Mit seiner literarischen Neigung war Kim Jong Il nicht allein im Kreis der großen Diktatoren. Stalin schrieb Gedichte, Hitler Manifeste wie "Mein Kampf". Denn Despoten herrschen nicht nur durch Gewalt, sondern auch durch das Wort. Die nordkoreanische Oper "Blutmeer" erzählt vom Kampf der Koreaner gegen die japanischen Besatzer in einer ziemlich freien Interpretation. Aber wen kümmert die Realität, wenn es bessere Geschichten gibt? Wie die Geschichte von der Herkunft Kim Jong Ils.

Er soll am heiligen Berg Paektu geboren worden sein. Heute ist der Berg eine Art kommunistisches Bethlehem. Sein Vater Kim Il Sung - auch er im Herzen ein Poet - schrieb zu Kim Jong Ils 50. Geburtstag: "Der Jong Il Gipfel ragt hoch über den Berg Paektu, wo sich der klare Fluss Songhua schlängelt. Kann dies schon der 50. Geburtstag des Leuchtenden Sterns sein? Von allen bewundert für seine Kraft von Feder und Schwert."

Ein Dichtwerk als Staatsgrundlage
Die Kraft von Feder und Schwert galt auch in Turkmenistan. Die "Ruhnama" des einstigen Diktators Turkmenbashi wurde zur Grundlage des gesamten Staates. Sogar wer einen turkmenischen Führerschein haben wollte, musste einen Test in "Ruhnama"-Kunde bestehen. Turkmenbashi dichtete vor allem Erbauliches: "Komm mein Herz, lass uns ins Land ziehen. Deine Weiden voller Löwen, mein ruhmreicher Turkmene! Es ist die Zeit des bescheidenen, bekümmerten Helden.Du bist der Turkmene, heldenhaft wie Dschelaleddin!"

In Turkmenistan hieß es, dreimalige "Ruhnama"-Lektüre garantiere den Einzug ins Paradies. Finden nur wir Außenstehende das eigenartig? "Innerhalb einer Diktatur können es sich die Leute nur begrenzt leisten, das lächerlich zu finde", sagt Koschorke.

Saddam Hussein schrieb Liebesromane
Sogar der eher rohe und ungebildete Saddam Hussein traktierte seine Untertanen mit schwülstigen Liebesromanen. Sein Werk "Zabibah und der König" ist eine Liebeserklärung an das irakische Volk, der eine leise Drohung inne wohnt. Alleinherrscher seien bedrängte Figuren, die geliebt werden wollten, erklärt Koschorke. Es werde ein "Liebeszwang" ausgeübt.

© dpa Lupe
Gaddafi schrieb Romane.
Früher oder später aber erträgt selbst das geduldigste Volk den Liebeszwang nicht mehr. Und so kann es durchaus prophetische Züge annehmen, wenn ein Despot zur Feder greift. In Gaddafis "Die Flucht in die Hölle" heißt es: "Die Tyrannei eines Einzelnen ist die schändlichste aller Tyranneien, doch der Despot ist ein Einzelner, den die Gemeinschaft beseitigen kann. Sogar ein unbedeutendes Individuum kann ihn, womit auch immer, beseitigen."

Aber nicht jeder Diktator stirbt gewaltsam. Kim Jong Il soll bereits am 17. Dezember 2011 an Herzversagen gestorben sein. Seine Nachfolge ist schon geregelt. Sein jüngster Sohn Kim Jong Un soll die Staatsgeschäfte übernehmen. Gedichte aus seiner Feder sind noch nicht bekannt.

Sendedaten
Kulturzeit: montags bis freitags,
um 19.20 Uhr
Buchtipp
Albrecht Kokorschke, Konstantin Kaminskij
"Despoten dichten: Sprachkunst und Gewalt"
Konstanz University Press 2011
ISBN-13: 978-3862530151