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19. Juni 2013
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Bei Cécile Schortmann lässt gute Kunst alle Sinne vibrieren. Aber auch tolle Musik berührt unsere Moderato-
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Für Slavoj Žižek ist der Kommunismus ein Weg der Erkenntnis, keine Lösung.
Wilder Denker
Žižeks Plädoyer für einen radikalen Neubeginn
Der Psychoanalytiker Slavoj Žižek schreibt Bücher gegen das kapitalistische System und inszeniert sich dabei gerne als subversives Element. Sein neues Werk, "Die bösen Geister des himmlischen Bereichs", ist ein Plädoyer für einen radikalen Neubeginn. In Frankfurt am Main promotet er sein Werk und ist auf Stippvisite im Occupy-Camp.
"Ich will nicht der Boss sein, ich will der Mann hinter dem Boss sein, der im Hintergrund die Strippen zieht", sagt Žižek. Die Bewegung hat in ihm einen Vordenker gefunden. Das Camp steht kurz vor dem Aus. Doch Occupy hat die Mitte der Gesellschaft erreicht. "Die Leute wissen nun, dass es da einen Ort gibt, an dem die Menschen das System in Frage stellen, es ist ein symbolischer Ort, der auch ihren Horizont erweitert", sagt Žižek. "Protest ist möglich und das System steht auf dem Prüfstand."

Das System mit Kritik aushöhlen
Die Proteste haben ein Vakuum in der herrschenden Ideologie hinterlassen, und genau darum geht es Žižek: das System mit Kritik von innen auszuhöhlen. "In der westlichen Welt konnten sich die Menschen bislang einen radikalen Wechsel nicht vorstellen", so der Philosoph. "Sie hoffen es zwar, haben aber Angst davor." Žižek ist ein Mephisto, der stets verneint und doch das Gute schafft. Er stellt vermeintliche Gewissheiten in Frage, kokettiert mit Stalin und erklärt Hitler zum konservativen Feigling. "Im Sinne Nietzsches war Hitler nicht aktiv, sondern reaktiv", sagt Žižek. "Er veranstaltete diesen ganzen Bullshit, weil er Angst vor radikalen Veränderungen hatte. Er hat Millionen Menschen getötet, damit das System so bleibt, wie es ist."

Mit derartigen Provokationen ist der Slowene zum Liebling von Medien, Verlagen und Linksintellektuellen geworden. Das Frankfurter Literaturhaus ist an diesem Abend restlos ausverkauft. Žižek bedient das Bedürfnis nach radikaler Kritik des Bestehenden. Der liberale Kapitalismus suggeriere uns, ohne Ideologie zu leben und frei zu sein. So habe er unser Träume fest im Griff. Dadurch seien wir unfähig geworden an Alternativen zum Kapitalismus zu denken, so Žižek. "Die chinesische Regierung hat erst vor kurzem ein Gesetz verabschiedet", sagt er. "Es verbietet zwei Dinge: die Darstellung von virtueller Realität und Zeitreisen in allen öffentlichen Medien, Literatur, Comics, Fernsehen, Kinofilm. Es ist klar, warum: Sie haben Angst davor, dass Menschen anfangen, davon zu träumen, wie es wäre, in einer anderen Gesellschaft zu leben. Ich glaube, dass das ein gutes Zeichen für China ist."

Die Linke hat keine radikalen Alternativen entwickelt
Bei uns träumt keiner mehr vom Ausbrechen, Denkverbote sind nicht mehr nötig. Unsere Demokratie gleiche einem Fahrstuhlknopf, der uns suggeriere, dass sich die Türe schneller schließt, wenn man ihn drückt. In Wirklichkeit laufe aber alles wie vorprogrammiert weiter. Die Linke habe versäumt, radikale Alternativen zu entwickeln. "Sie fühlt sich schuldig, weil sie selbst ein gutes Leben im System führt", sagt Žižek. "Um sich für ihr komfortables Leben zu rechtfertigen, haben Sie sich darauf konzentriert, die bürokratische Welt als Monster darzustellen, das schlimmer als alle anderen Unterdrückungen der Vergangenheit sei: Es gab diese grundlegende Verlogenheit von radikalen Linken, die bis heute andauert."

Der liberale Kapitalismus steuert auf den Abgrund zu, die Demokratie ist machtlos. Mit kosmetischen Veränderungen ist den Problemen unserer Welt nicht mehr beizukommen. Doch was bietet einen Ausweg? "Kommunismus, ich nenne das so - natürlich auch um zu provozieren", sagt Žižek. "Die Probleme, mit denen der Kapitalismus heute konfrontiert ist, sind kommunistischer Art. Es sind Probleme unserer gemeinsamen Güter, die eigentlich für uns alle da sein sollten." Für den Star-Philosophen ist der Kommunismus ein Weg der Erkenntnis, keine Lösung. Erst, wenn wir beginnen Fragen zu stellen, die über den Konsens hinausgehen, kann es weiter gehen.

Dem Alptraum unserer Zeit ins Auge sehen
"Wir brauchen heute Philosophen, da wir in eine neue Ära der Menschheit eintreten", sagt er. "Wir stehen Problemen gegenüber, die wir mit alten Begriffen oder überkommener Moral nicht mehr formulieren können, wie sollen wir beispielsweise mit der Biogenetik umgehen? Wir können nicht einfach weiter nach alten Regeln leben. Damit wir eine Haltung einnehmen können, müssen wir uns wie Philosophen verhalten." Der wilde Denker hilft uns, aus unseren Träumen zu erwachen und dem Alptraum unserer Zeit ins Auge zu sehen. In diesem Sinne ist Slavoj Žižek wohl einer der letzten großen Realisten.

Sendedaten
Kulturzeit: montags bis freitags,
um 19.20 Uhr
Buchtipp
© S. FischerLupeSlavoj Žižek
Übersetzung: Frank Born
"Die bösen Geister des himmlischen Bereichs: Der linke Kampf um das 21. Jahrhundert"
S. Fischer 2011
ISBN-13: 978-3100925893
Mediathek
VideoInterview mit Slavoj Žižek
geführt von Cornelius Janzen