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© dpa Lupe
In der Vergangenheit gab es mehr Gewalt als heute, schreibt Steven Pinker in seinem neuen Buch. Es gebe Grund zu vorsichtigem Optimismus.
Vorsichtig optimistisch
Steven Pinkers Studie zum Thema Gewalt
Die These ist so sensationell wie gewagt: Krieg und Gewalt nehmen weltweit ab. Das will der renommierte kanadische Evolutionspsychologe Steven Pinker mit seinem Buch "Gewalt: Eine neue Geschichte der Menschheit" nachweisen. Von den Urmenschen bis zur Aufklärung sei es vor allem die Konzentration staatlicher Macht gewesen, die zu einer Ordnung der Gesellschaft und zunehmender Kontrolle der Gewalt führte, so Pinker.
Wir leben in einer der friedlichsten Epochen der Menschheitsgeschichte, befindet Steven Pinker, und erläutert weiter: "Die Menschen schauen sich die Nachrichten an und haben den Eindruck, dass die Gewalt zunimmt, dass es mehr Kriege, Terroranschläge und Gewaltverbrechen gibt. Sie stellen sich aber nur selten die Frage, wie die Welt in der Vergangenheit aussah. War wirklich alles besser? Wenn man sich die Statistik anschaut, wird klar, dass die Vergangenheit um einiges schlimmer war."

Fragwürdige Quellen
Seit Beginn der Zivilisation gehe die physische Gewalt zurück - diese These will der Harvard-Professor in seinem Buch mit umfangreichen Statistiken belegen. Erstaunlich ist, dass er trotz dieses empirischen Anspruchs gerade mit der Bibel beginnt, deren historische Faktizität bekanntermaßen umstritten ist. "Das Alte Testament beschreibt einen Genozid nach dem anderen", so Pinker. "Und alles war von Gott befohlen. Wenn es um andere Stämme geht, dann heißt es nur: Töte sie alle - egal, ob Männer, Frauen oder Kinder. Ich glaube nicht, dass das wirklich so stattgefunden hat, aber die Bibel offenbart die gängige Praxis einer Zeit."

Die Bibel ist nur eine seiner Quellen, die Fragen aufwirft. Auch Pinkers Zahlenspiele wecken Skepsis. Pinker setzt Opferzahlen von Gewaltkatastrophen in Relation zur jeweiligen Weltbevölkerung. So landet der Zweite Weltkrieg mit 55 Millionen Opfern nur noch im Mittelfeld seiner Rangordnung. An erster Stelle steht der Aufstand des Generals An Lushan im China des 8. Jahrhunderts mit 36 Millionen Opfern. Hochgerechnet auf die heutige Weltbevölkerung wären dies etwa 429 Millionen Opfer. Der Holocaust taucht durch diese Rechenmethode erst gar nicht in der Top 20 der Menschheitsverbrechen auf.

Frühere Genozide
"Das 20. Jahrhundert war nicht einzigartig, was Genozide betrifft", erläutert der Harvard-Professor. "Die Ureinwohner Amerikas wurden ausgelöscht. Während der Kreuzzüge wurden in Europa und dem Nahen Osten Muslime und Juden massakriert. Auch während der Religionskriege gab es Genozide und in der Antike haben Griechen und Römer Massenmorde begangen. Es gibt Dinge, die besonders grausam am Holocaust waren, es war aber nicht der erste Genozid in der Geschichte." Pinker nimmt in Kauf, das die Singularität einzelner Gewaltkatstrophen durch statistische Erhebungen irrelevant erscheint.

Der Psychologe Pinker will vor allem aufzeigen, warum der Mensch seine inneren Dämonen wie Dominanzstreben, Sadismus, Rache und Gewalt immer besser in den Griff bekommt. "Es gibt nicht die menschliche Natur, die nur gewaltbereit oder nur friedfertig ist", sagt Steven Pinker. "Ich beziehe mich im englischen Titel des Buchs auf einen Begriff von Abraham Lincoln von den 'besseren Engeln unserer Natur'. Damit möchte ich klar machen, dass die menschliche Natur verschiedene Komponenten hat. Meine Hypothese ist, dass in der jüngeren Vergangenheit das Lebensumfeld, das wir geschaffen haben, unsere Engel fördert und unsere Tendenz zur Gewalt unterdrückt."

Erfolgreich gelernt
In der Analyse unserer kulturellen Evolution überzeugt Pinker. Der Mensch habe sich an die Bedingungen der modernen Welt angepasst und begreife Empathie als strategischen Vorteil. Darin würden wir uns von unseren nächsten Verwandten, den Affen, unterscheiden. Der zunehmende Rückgang der Gewalt sei das Ergebnis eines Lernprozesses, der durch die Aufklärung, das demokratische Staatswesen, das Recht sowie den Handel befördert wurde, so Pinker. "Der Siegeszug der Vernunft hatte eine friedensfördernde Wirkung", so der Evolutionsbiologe. "Erziehung, Meinungsfreiheit, Bildung und offene Debatten führte dazu, dass die Menschen sich von ihrem eingeschränkten Standpunkt gelöst haben und ihre eigenen Interessen nicht mehr über die anderer stellen. Gewalt ist heute eher ein Problem, das man löst, als ein Wettbewerb, den man gewinnen muss."

Pinker sieht das Zeitalter eines neuen Friedens am Horizont. Im 20. Jahrhundert seien weniger als ein Prozent der Europäer und Amerikaner eines gewaltsamen Todes gestorben, trotz zweier Weltkriege. Doch was ist mit den Regionen dieser Welt, die nicht von der Durchsetzung der Menschenrechte profitiert haben? Pinker glaubt, dass sich der "Zirkel der Empathie", den schon Charles Darwin für möglich hielt, von Europa auf die ganze Welt ausweitet und Kriege und Morde bald der Vergangenheit angehören werden. "Europa war lange Zeit von Krieg absorbiert", so Pinker. "Nach 1945 änderte sich das und der Krieg wurde für obsolet erklärt. Nachdem Europa sich vom Krieg verabschiedet hatte, ist nun auch Südostasien diesem Beispiel gefolgt. Afrika geht es ähnlich. Obwohl wir noch immer in den Schlagzeilen von den sogenannten 'failed states' lesen und es Bürgerkriege gibt, weisen auch in Afrika die Gewaltkurven nach unten."

Auf Darwins Spuren
Trotz dieser Tendenz bleibt Gewalt eine permanente Gefahr, bricht aus, wo man sie nicht vermutet - das weiß auch der Optimist Pinker - doch sein Opus Magnum macht Hoffnung, dass unser moralischer Kompass zumindest in die richtige Richtung weist. "Die Ergebnisse meiner Studie stimmen mich, wenn schon nicht uneingeschränkt optimistisch, zumindest dankbar, dass wir Dinge richtig gemacht haben", sagt Pinker. "Wir sollten erkennen, dass wir etwas erreicht haben. Lasst uns versuchen, herauszufinden, was genau das ist. Wir dürfen nicht unrealistisch optimistisch sein, aber wir sollten auch nicht in die Weltuntergangsfantasien mit einstimmen, die uns so oft im Journalismus und der intellektuellen Welt begegnen. Vielleicht werden schreckliche Dinge geschehen, nur sie sind nicht unvermeidbar." Steven Pinker wandelt auf den Spuren Darwins, doch seine kulturelle Evolutionstheorie geht noch einen Schritt weiter: Wenn wir schon Egoisten sind, sollten wir wenigstens intelligent genug sein, uns mit den Augen der anderen zu sehen.

Sendedaten
Kulturzeit: montags bis freitags,
um 19.20 Uhr
Buchtipp
© S. FischerLupeSteven Pinker
"Gewalt: Eine neue Geschichte der Menschheit"
S. Fischer 2011
ISBN-13: 978-3100616043
Mediathek
© ZDFVideoInterview mit Steven Pinker
gefürt von Cornelius Janzen