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20. Mai 2013
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Moderation
Ernst A. Grandits
Sein kulturelles Interesse ging immer schon weit über den Fernsehbereich hinaus: "Der Zeit ihre Kunst, der Kunst ihre Freiheit - und beiden die Kulturzeit", sagt Ernst A. Grandits.
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© ap Lupe
Athens Stadtzentrum driht durch die Proteste im Chaos zu versinken.
Gedoptes Chaos
Petros Markaris und die griechische Krise
Rauchschwaden von Tränengas umgeben die Akropolis, das Stadtzentrum Athens droht im Chaos zu versinken. Demonstrationen und Streiks gegen die Schulden-Politik legen das öffentliche Leben lahm, der Müll stapelt sich zu Bergen. Es herrscht Ausnahmezustand - auch für den Schriftsteller Petros Markaris.
Der 73-jährige Markaris nutzt die Straße gewöhnlich als Ort der Inspiration. Zurzeit bleibt er dem Stadtzentrum aber fern. Dem Chaos entkommt er selbst in seinem Wohnquartier Kipseli nicht. "Es macht mich vor allem wütend", sagt er. "Den Zustand der Trauer habe ich schon lange überwunden. Ich bin voller Wut, denn es kann nicht sein, dass dem einfachen Bürger, dem im Moment so viel zugemutet wird, auch noch der Müll aufgebürdet wird."

Die Realität hat das Buch eingeholt
© dpa Lupe
"Griechenland stößt durch die Krise an seine Grenzen", sagt Petros Markaris.
Markaris wurde In Istanbul geboren und hat in Wien studiert. In Griechenland ist er Ausländer und Insider zugleich und somit ein idealer Chronist der Krise. Sein aktueller Roman "Faule Kredite" rückt die Banken als einen der vielen Gründe der Krise in den Fokus. Ihnen geht es an den Kragen, respektive vier Bankern, die allesamt martialisch geköpft werden. Motive und Tatverdächtige sind in die Ursachen und Folgen der Krise verwickelt. Markaris hatte 2009 mit diesem Werk begonnen. Die Tatsache, dass die Realität nun das Buch einholt, verleiht ihm schon fast prophetische Züge. "Schauen sie sich doch um", so der Schriftsteller. "Heutzutage wird überall gegen die Banken demonstriert, ich habe das bereits 2010 gesagt. Irgendwann können die Menschen nicht mehr."

Durch ihre unbegrenzte Kreditvergabe haben die Banken den besinnungslosen Konsum ihrer Kunden angestachelt und so zu deren Verderben beigesteuert. Verbraucherkredite für neue Autos oder Einkäufe waren an der Tagesordnung. Ein Leben wie es nur dank der Anhäufung von Schulden möglich war. Auch das thematisiert Markaris in seinem Buch und findet dafür eine treffende Metapher: die erhöhte Leistungsfähigkeit von Spitzensportlern durch Doping im Vergleich zur künstlichen Steigerung des eigenen Wohlstands durch Kredite. "Genauso wie sich Sportler dopen, um in kurzer Zeit bessere Leistungen zu erbringen, so haben auch wir uns mit Krediten gedopt, um schnell wirtschaftliche Erfolge zu erziehlen", sagt Markaris. "Jetzt ist das System zerstört, genauso wie bei den Sportler der Körper." Griechenland bezahlt derzeit also seine Dopingsünden.

Armut und Verzicht
© ap Lupe
"Viele junge Menschen werden das Land verlassen", so Markaris' Prognose.
Das Geschwür des wirtschaftlichen Zerfalls greift mittlerweile auch auf diegesellschaftliche Ebene über. "Die griechische Gesellschaft ist zerstückelt, es existiert kein soziales Netz, es gibt keinen gemeinsamen Nenner", sagt Markaris. "Im Gegenteil: Jede gesellschaftliche Gruppe macht ihre Ansprüche geltend, um jeden Preis und gegen alle anderen. Diese Situation in Kombination mit Armut und Verzicht lässt eine Stimmung aufkommen, die an Vorboten von Bürgerkrieg erinnert. Das ist äußerst beunruhigend." Der Alltag des Komissars Kostas Charitos weist Parallelen zur Realität auf: Lohnkürzungen, Demonstrationen und ein chronisch verstopfes Stadtzentrum. Seine Ermittlungen führen ihn ins Milieu der illegalen Einwanderer, in die Gassen um die Sofokleous-Straße, einem zentralen Stadtteil, der fast komplett von Ausländern kontrolliert wird. Diese waren in den vermeintlichen Boomjahren als billige Arbeitskräfte willkommen, doch in der Krise könnten sie zum Problem werden.

"Das Problem ist, dass Griechenland durch die Krise an seine Grenzen stößt und somit keine Kapazität mehr hat, Ausländer aufzunehmen", sagt Markaris. "Alle diese Menschen sind hier gefangen und verzweifelt. Ich frage mich, was mit ihnen geschieht, wenn sie nicht einmal mehr die einfachen Arbeiten verrichten können. Denn irgendwann werden auch sie sich wehren." Markaris schreibt schnörkellos und realistisch. Sein Roman entlarvt die Kluft zwischen zwei Welten: dem Griechenland der Reichen und Mächtigen, die den Staat als Futterkrippe nutzen, und dem Griechenland der Normalbürger, die die Krise besonders hart trifft. Der Schriftsteller schreibt gerade seinen zweiten Roman zur Krise. Auch wenn die Misere im Land für ihn ein lukratives Geschäft zu sein scheint, trifft ihn die Not auch persönlich, denn seine Tochter lebt im Ausland.

"Ich bin nicht nur um meine eigene Tochter besorgt, sondern um alle jungen Menschen", sagt Markaris. "Viele junge Menschen werden das Land verlassen,wenn sie können. So sehr wir ihnen auch Angebote machen zurückzukehren, sie werden es nicht tun. Das ist für mich eine äußerstdüstere Prognose." Ein Krimi ist zurzeit wohl der richtige Stoff, diese Krise zu beschreiben. "Faule Kredite" liefert eine authentische Innenansicht dermomentanen Lage.

Sendedaten
Kulturzeit: montags bis freitags,
um 19.20 Uhr
Buchtipp
© DiogenesLupePetros Markaris
"Faule Kredite"
Diogenes 2011
ISBN-13: 978-3257067934