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© dpa Lupe
Engagiert und temperamentvoll: Umberto Eco mit über 80
Fiktion und Wahrheit
Umberto Ecos Roman "Der Friedhof in Prag"
Seit mehr als 30 Jahren, seit dem Welterfolg von "Der Name der Rose", schreibt er über fiese Charaktere, perfide Lügner und Weltverschwörungsfanatiker liebt: Umberto Eco. Kurz vor seinem 80. Geburtstag hat er wieder einen neuen Roman geschrieben: "Der Friedhof in Prag" erzählt davon, wie leicht Fiktion mit Wirklichkeit verwechselt wird und welch fatale Folgen das haben kann.
"Es bereitet mir eine gewisse Verlegenheit, mich ans Schreiben zu machen, als würde ich meine Seele entblößen, auf Anordnung - nein, Gott bewahre! - sagen wir: auf Anraten eines deutschen Juden (oder eines österreichischen, aber das kommt auf dasselbe hinaus)"
(Umberto Eco: "Der Friedhof in Prag")

Es war ein österreichischer Jude und es kommt ganz und gar nicht auf dasselbe hinaus, mag man Meister Eco zurufen. Aber bei den haarsträubenden Unwahrheiten, die der Held seines jüngsten Buches verbreitet, ist Sigmund Freuds falsche Staatszugehörigkeit noch ein geringeres Übel. Auf seine Anweisung hin verfasst der leicht schizophrene Antisemit Simone Simonini eine Art Autobiografie. Man schreibt das Jahr 1897 und Simonini fälscht Dokumente, damit die Mächtigen Beweise in der Hand haben, um gegen den einen oder anderen unliebsamen Feind vorzugehen.

Die Protokolle der Weisen von Zion
"Mein Buch versucht aber nicht, die Psychose dieses Mannes zu erklären", so Eco, "sondern wie es zu diesem Antisemitismus kommt, der in Europa grassiert. Mein Held hat weniger mit Juden als mit dem antisemitischen Denken und Diskurs zu tun. Die Logik der Mächtigen heißt: Wir brauchen immer den Anderen, der unser Feind sein kann, sonst können wir unsere Untertanen nicht zusammenhalten." Schon seit langem fasziniert Eco, einem der letzten Universalgelehrten unserer Zeit, ein Text aus der Vergangenheit: die Protokolle der Weisen von Zion. 1994 hat er bereits einen vielbeachteten Essay darüber geschrieben. Aber was ist so fesselnd an diesem Werk, der Bibel der Antisemiten, die vielen damals wie heute als Beweis für eine geplante Machtübernahme der Juden auf der ganzen Welt gilt?

"Das ist nicht der einzige gefälschte Text, der den Lauf der Geschichte mitbestimmt hat", sagt Eco. "Es ist der Text mit den fatalsten Folgen, den meisten Toten. Das Besondere an den Protokollen - und das hat mich vielleicht bewegt, diese Geschichte zu schreiben - ist, dass zu dem Zeitpunk als zweifelsfrei nachgewiesen war, dass es gefälschte Dokumente sind, sie von allen weiterhin für wahr gehalten wurden."

Oft genug wiederholt, wird die Lüge zum Faktum
Man kann Wahrheiten herbeischreiben, herbeireden und seien sie noch so erlogen. Oft genug wiederholt, wird die Lüge bald zum Faktum. Das scheinen zumindest auch die Politiker von heute zu glauben. Eco lässt also seinen Helden, die "Protokolle der Weisen von Zion" verfassen, den Text über den Pakt, der von den obersten Vertretern der zwölf Stämmen Israels auf dem Friedhof in Prag geschmiedet worden sein soll, um die Welt unter ihre Kontrolle zu bringen. Obwohl die "Protokolle" per Gerichtsurteil aus dem Jahr 1932 nachweislich aus verschiedensten Romanen, Satiren und Geheimdienst-Fantasien zusammenfabuliert und als Fälschung entlarvt wurden, haben sie auch die Nazis zum gültigen Dokument erklärt. Und damit - teilweise zumindest - ihr mörderisches Vorgehen gegen die Juden gerechtfertigt.

"Am Ende des Buches zitiere ich Hitler, der in 'Mein Kampf' über die jüdisch ausgerichtete 'Frankfurter Zeitung' schreibt: 'Die Protokolle sind eine Fälschung - stöhnt immer wieder die 'Frankfurter Zeitung' in die Welt hinaus. Das ist doch der Beweis dafür, dass sie wahr sind.'" Wer glaubt, dass die Erfolgsgeschichte der Protokolle mit dem Holocaust zu Ende ist, der irrt. Die Welt durchlebt immer wieder Zeiten wie die, in denen die Hass-Schrift entstanden ist, Ende des 19., Anfang des 20. Jahrhunderts.

Verschwörungstheorien haben Hochkonjunktur
Vor allem in den arabischen Ländern sind die "Protokolle der Weisen von Zion" hochaktuell - ein Bestseller in Millionenauflage, der Hit jeder Buchmesse und sogar ein Skript für eine Fernsehserie. Staatsmänner sehen darin ein ideologisches Instrument: Allein die Existenz des Staates Israel weise demnach auf den Wahrheitsgehalt der Protokolle hin. Verschwörungstheorien haben aber nicht nur in der arabischen Welt Hochkonjunktur, auch im Westen haben die Protokolle noch ihren Platz im Bücherregal: in erzkonservativ katholischen Kreisen, bei der Internationale der Rechtsextremisten und bei eher einfach gestrickten Esoterikern, wie der Historiker Eduard Gugenberger herausgefunden hat.

Das ist das Feld, das Umberto Eco auch in diesem Roman beackert. Schließlich liebt er den Irrtum, schiefe Weltbilder und Verschwörungstheorien - vorzugsweise auf dem Papier. "Jemand hat dieses Buch kritisiert und gesagt, wenn das alles Fälschungen sind, heißt das, dass es keine Wahrheit gibt", sagt Eco. "Darüber kann ich nur lachen, denn, um lügen zu können, muss ich vorher ziemlich gut Bescheid wissen darüber, was wahr und authentisch ist." Wahrheit ist schön, macht aber viel Arbeit, könnte man sagen - lustvolle Arbeit, wenn es um Erkenntnisgewinn durch Ecos Bücher geht.

Sendedaten
Kulturzeit: montags bis freitags,
um 19.20 Uhr
Buchtipp
Umberto Eco
Übersetzung: Burkhart Kröber
"Der Friedhof in Prag"
Hanser, VÖ: 08.10.2011
ISBN: 978-3-446-23736-0
Kulturzeit extra
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Der Bestsellerprofessor (2005)
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