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Guðmundur Óskarsson verarbeitet Islands jüngste Geschichte im Roman "Bankster".
Islands neue Zukunft
Guðmundur Óskarssons Roman "Bankster"
Er liefert das ultimative Buch zur Finanzkrise in Island: Der Schriftsteller und Banker Guðmundur Óskarsson beschreibt in "Bankster" kenntnisreich und schonungslos das Leben eines Angestellten einer isländischen Bank.
Seit Jahrhunderten trotzen die Menschen Islands den Naturgewalten der Vulkaninsel. Mit Traditionen der Gegenwart begegnen - daraus besteht das nationale Selbstbewusstsein der Fischernation. Doch die Isländer folgten für eine Weile den falschen Geistern, vertrauten sogenannten Finanz-Wikingern, die versprachen, im Ausland ihr Geld zu vermehren - sagt der Schriftsteller Guðmundur Óskarsson. "Sie brachten eine Menge mit nach Hause", so der Autor. "Eines dieser Dinge war jedoch eine Plage, die ideologische Plage des Neoliberalismus."

Kleine Insel auf großem Pump
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Verbunden mit Islands Natur und Geschichte: Guðmundur Óskarsson
Der Virus des Neoliberalismus hat Island seit Beginn des neuen Jahrtausends infiziert. Die staatlichen Banken wurden privatisiert und von Unternehmern übernommen, die ihre Geschäfte in Europa durch günstige Auslandskredite finanzierten. Eine kleine Insel lebte auf großem Pump. "Die Zukunft sah aus wie eine Karotte, mit der man einen Esel lockt", sagt Óskarsson. "Sie wurde aber nie zu einem richtigen Essen." 2008 kam der Zusammenbruch von Lehman Brothers. Das Kartenhaus des Turbokapitalismus stürzte ein. Der 33-jährige Guðmundur Óskarsson arbeitete zu dieser Zeit als Bürohilfe bei der isländischen "Landisbanki". Der Staatsbankrott drohte, die isländische Krone verlor dramatisch an Wert. Die Banken wurden verstaatlicht und hinterließen den Bürgern Islands einen Schuldenberg vom Zehnfachen der jährlichen Wirtschaftsleistung.

"Ich war sehr aufgewühlt", erinnert sich der Schriftsteller. "Ich hatte mich an die Idee einer neuen Zukunft festgeklammert. Daran glaubte ich. Es gab für mich keinen Grund, den Managern zu misstrauen. Als alles zusammenbrach, fühlte ich mich betrogen. Es fühlte sich so an, wie wenn man von der Nigeria-Mafia über den Tisch gezogen wird, indem sie einem in einem Brief auffordert, Geld zu überweisen und man dumm genug ist, dies zu tun." Guðmundur Óskarsson schrieb über die psychischen Folgen des Finanzcrashs. 2009 wurde sein Roman "Bankster" mit dem isländischen Literaturpreis ausgezeichnet. In einer Art Tagebuch verarbeitet Óskarsson die Lebenskrise eines 30-jährigen Bankangestellten. Sein Protagonist Markus ist ein Anti-Held: Durch den Crash verliert er zuerst seine Job, dann seine Freundin Harpa.

Monster Banker
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Óskarsson will dem durchschnittlichen Bankangestellten ein Gesicht geben.
"Mit Bankster habe ich versucht, dem durchschnittlichen Bankangestellten ein Gesicht zu geben", so Óskarsson. "Es hat etwas mit der Vorstellung von Bankern zu tun, die ich habe. Es ist das Bild von René Magritte: ein Mann im Anzug mit einem Apfel vor seinem Gesicht. Es ist sehr leicht, ein Monster hinter dem Apfel zu vermuten, solange man nicht weiß, was dieser Mensch denkt." Nach seiner Entlassung flieht Markus ins innere Exil und verliert seine Zukunftsperspektive. Er fühlt sich in sein privates Umfeld ein und schreibt darüber - die Krise als Chance. Sein Glück sucht er am Ende nicht mehr im materiellen Wohlergehen. So erging es nach der Krise vielen in Island: 98 Prozent sind heute glücklicher als noch 2005.

"Die Reise meines Protagonisten beschreibt, wie er sich wieder findet", sagt Guðmundur Óskarsson. "Sein Weg hätte ihn niemals in eine Bank führen sollen. Er wollte eigentlich Isländisch studieren. Um das Jahr 2000 allerdings wäre niemand auf die Idee gekommen, so etwas zu studieren angesichts der Zukunft, die die Banken vorgaben. Die Menschen studierten lieber Wirtschaft. Markus will sich nun rückbesinnen und seine wahre Bestimmung zurück erobern. Und die liegt darin, die isländische Kultur zu studieren. Im Grunde genommen haben die Banken und der Finanzsektor eine ganze Generation gekidnapped."

Island spart
Die Isländer haben sich aus den Fesseln ihrer neoliberalen Entführer befreit. Derzeit schreiben Bürger an einer neuen Verfassung, die Kreativen besinnen sich auf ihre kulturelle Prägekraft. Der Staat spart und setzt wieder auf Fischerei. Nach einer aktuellen Einschätzung des Internationalen Währungsfonds macht Island große ökonomische Fortschritte. Island war die erste Nation, die von der Krise getroffen wurde, möglicherweise ist sie auch die erste, die diese Krise mit alten Tugenden beispielhaft übersteht.

"Mit dem Crash haben wir eine zweite Chance bekommen, eine neue, isländische Zukunft zu gestalten", so der Autor. "Eine, die wir verstehen und mit der wir uns wohlfühlen. Es geht nicht mehr um eine Zukunft und eine Ideologie Anderer. Vielmehr geht es heute um Werte, die das Schimmern der isländischen Kultur wieder ermöglichen." Seinen Brotjob bei der Bank hat der junge Vater gerade erst gekündigt. Guðmundur Óskarsson will sich nun voll und ganz einer Tätigkeit widmen, die so viele Isländer seit Jahrhunderten beherrschen: große Geschichten von der kleinen Insel zu erzählen.

Sendedaten
Kulturzeit: montags bis freitags,
um 19.20 Uhr
Buchtipp
© Frankfurter VerlagsanstaltLupeGuðmundur Óskarsson
"Bankster"
Frankfurter Verlagsanstalt 2011
ISBN-13: 978-3627001773
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