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© ap Lupe
Aly fragt: Warum waren ausgerechnet die Deutschen in ihrem Hass so extrem?
Warum Holocaust?
Götz Alys Sozialpsychologie der Deutschen
Es ist die zentrale Frage der deutschen Geschichte: Warum haben die Deutschen sechs Millionen Menschen ermordet - bloß, weil sie Juden waren? Viele Historiker reden vom "Erlösungsantisemitismus" oder vom "paranoiden Weltbild der Rassenantisemiten". Götz Aly beantwortet die Frage in seinem neuen Buch so: Der Neid der christlichen Mehrheitsgesellschaft sei ursächlich für den Holocaust gewesen.
In "Warum die Deutschen? Warum die Juden?" entfaltet Aly eine Sozialpsychologie der Deutschen und gräbt in 200 Jahren Mentalitätsgeschichte. So hätten die Juden, laut Aly, als Angehörige einer Jahrtausende alten Kultur die Bildung als weltlich nützlichen Wert erkannt, höhere Einkommen erwirtschaftet und seien gesellschaftlich aufgestiegen.

Ihre Erfolge weckten bei deren trägen christlichen Mitbürgern Ressentiments. Aly bezeichnet die Christen als Verlierer der Modernisierung, die gegen Juden nicht aus nationaler Überlegenheitsphantasie heraus mobil machten, sondern aus Unsicherheit und Ängstlichkeit, wie er schreibt: "Das waren nämlich alles Analphabeten, Bauern im Wesentlichen. Das Elementarschulwesen in Deutschland war ganz stark vernachlässigt bis in die 1880er Jahre hinein, während die Juden alle seit jeher eigentlich durch ihre Religion alphabetisiert waren."

Klima der Verzweiflung und Zukunftsangst
Warum aber waren ausgerechnet die Deutschen in ihrem Hass so extrem? Mehr als in anderen Nationen trieb die späte Industrialisierung Millionen Deutsche aus ihren ländlichen Verhältnissen in die Manufakturen, sagt Aly, während die Juden freie Berufe wählten, Ärzte oder Rechtsanwälte wurden. Es entstand ein Klima der Verzweiflung und Zukunftsangst - ein idealer Nährboden für die NSDAP. Diese sieht Aly nicht als Organisation gescheiterter Existenzen. Sie warb ihre Anhänger mit dem Versprechen nach sozialem Aufstieg. Und ihre Protzgesten seien ein Zeichen der Schwäche gewesen, nicht der Stärke: "Insofern neigen [...] die Schwachen eher zum Kollektivismus als die Starken. Und Kollektivismus, dann auch in Form der Rassenlehre ausgeprägt, ist ein Anzeichen für Schwäche, nicht etwa für Stärke."

2005 erregte Aly Aufsehen mit seiner These, Hitlers Wohlfühldiktatur habe die Loyalität so vieler Deutscher erkauft. Und auch mit seinem neuen Buch macht er es uns nicht leicht, die kollektive Verantwortung weiter zu schieben. Der Neid blühe im Verborgenen, sagt Aly. Es gebe keinen Ort des Bösen, der sich ein für alle Mal vermauern ließe. Ein Ereignis, das dem Holocaust in seiner Struktur nach ähnlich sei, könne sich wiederholen, schreibt Götz Aly.

Sendedaten
Kulturzeit: montags bis freitags,
um 19.20 Uhr
Buchtipp
Götz Aly
"Warum die Deutschen? Warum die Juden? Gleichheit, Neid und Rassenhass - 1800 bis 1933"
S.Fischer 2011
ISBN-13: 978-3100004260
Mediathek
VideoDas Kulturzeit-Gespräch mit dem Historiker Götz Aly (18.08.2011)