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Philipp Blom hat sich auf die Suche nach Spuren von Denis Diderot gemacht.
Der falsche Prophet
Philipp Blom über "Böse Philosophen"
In seinem Buch "Böse Philosophen" beschäftigt der Historiker Philipp Blom sich mit den Vordenkern der Aufklärung - und kommt zu einem radikalen Schluss: Gleich, ob wir von Leitkultur sprechen oder von christlich-jüdischen Werten, diskutieren, ob der Islam zu Deutschland gehört oder nicht - es ist alles Augenwischerei. Systematisch werde verdrängt, dass wir unsere Werte nicht der Religion verdanken, sondern der Aufklärung - und zwar nicht der eines Jean Jaques Rousseau, sondern der des radikaleren Denis Diderot.
Im der Ruhmeshalle des Pariser Pantheon liegt der Lieblingsphilosoph der Diktatoren begraben: Jean-Jaques Rousseau, Vordenker der Aufklärung und geistiger Urahn des Totalitären. Der Historiker Philipp Blom ist überzeugt: Rousseau ebnete den Weg für die Unterdrückung des Menschen im Namen des "Guten". "Das ist wichtig gewesen für Diktatoren", sagt Blom. "Das war die Blaupause für die Legitimisierung des Stalinismus von Robespierre, von Pol Pot. Sie haben ihn alle verehrt und gelesen." Jean-Jaques Rousseau soll kein Menschenfreund gewesen sein, sondern ein Feind der menschlichen Freiheit - und das alles im Namen der Aufklärung, so Blom.

Autoritäre Gesellschaft im Namen der Freiheit
Blom geht hart ins Gericht mit dem Philosophen. Um die ideale Gesellschaft zu schaffen, dürfe der Staat auch Zwang anwenden, so Rousseau. Blom führt all das darauf zurück, dass Rousseau tiefreligiös war und ohnehin auf ein besseres Leben nach dem Tod hofft. Der Philosoph war hart gegen sich selbst und er, der sogenannte Aufklärer, war hart gegen den Bürger, den er erträumte. "Er hat seinen Körper und die Sexualität gehasst", sagt Blom. "Er wollte eine autoritäre Regierung. Er hat diese Dinge ihres christlichen Vokabulars entkleidet. Deswegen konnte man im 19. Jahrhundert mit Rousseau wunderbar eine autoritäre Gesellschaft im Namen der Freiheit denken."

Dennoch hat Rousseau unser Bild der Aufklärung entscheidend geprägt. Er gilt als "guter" Philosoph - zu Unrecht, findet Blom. Für ihn waren seine Wegbegleiter Denis Diderot und Baron Paul Thiry d'Holbach die wahren Aufklärer. Doch sie wurden im Schatten von Rousseau marginalisiert und galten als "böse", weil sie den Frevel begingen, Gott zu leugnen. Philipp Blom will die radikalen Aufklärer rehabilitieren. Für sein Buch "Böse Philosophen" hat er sich in Paris auf die Spuren dieser philosophischen Underdogs gemacht.

Auf Spurensuche
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Im ehemaligen Salon des Baron d'Holbach arbeiten heute zwei Banker.
Es ist keine leichte Suche: Die Erinnerung an die radikalen Aufklärer ist nahezu ausgelöscht. Nicht weit vom Louvre befindet sich der Salon des Barons d'Holbach. Eine Gedenktafel sucht man hier vergebens - und das obwohl im 19. Jahrhundert hier Freigeister wie Denis Diderot, David Hume oder Adam Smith ein und aus gingen. Ein Investmentbanker erwartet Blom an dem Ort, wo vor mehr als 250 Jahren die Aufklärung vorgedacht wurde. Hier machen er und sein Kollege heute ihre Geschäfte. Erst durch Blom haben sie erfahren, an welch historischem Ort sie arbeiten.

"Dieses Zimmer war eines der aufregendsten Orte Europas", erklärt Blom, "und in der intellektuellen Geschichte einer der wichtigsten Orte Europas seiner Zeit. Hier sind ganz wichtige Ideen sehr kontrovers diskutiert und Revolutionen vorbereitet worden - mehr als nur die Französische Revolution. Hier sind auch Denk-Revolutionen vorbereitet worden - eine Revolution des wissenschaftlichen, des empirischen und des dezidiert anti-christlichen Denkens. Ein Leben ohne Gott galt im Ancien Regime als Hochverrat. Zensur und Kerker drohten dem Ungläubigen. Im Salon entwickelten Diderot und seine Freunde die Enzyklopädie, das erste Universallexikon der Neuzeit. Auch der Weinkeller des Barons war für die aufgeklärten Hedonisten wichtig. Sie wollten die Vernunft mit der Leidenschaft paaren.

Ethik der Solidarität
Im Gegensatz zu Rousseau ist für die überzeugten Atheisten der Mensch das Maß aller Dinge. Im "Jardin Royal" spielen viele der Romane Diderots. Seine Protagonisten gehen ihrem Begehren nach und müssen sich dabei mit den Begehren anderer auseinandersetzen. Daraus entsteht eine Ethik, die nicht auf Gott, sondern auf Solidarität ausgerichtet ist. "Das heißt, das Begehren ist nicht nur eine einfache Kraft, es ist etwas, was eine ganze Dialektik in Bewegung bringt", so Blom. "Mit dem Verlust und dem Versagen kommt auch die Tatsache, dass wir lernen, uns in andere hineinzuversetzen - in die Verluste anderer, in das Leid anderer. Die Empathie kommt dazu. Und auf einmal wird das zum Keim eines ethischen Denkens."

Diderot wollte eine zutiefst menschliche Gesellschaft, doch als Philosoph der Aufklärung ist er in Vergessenheit geraten. Lediglich eine kleine Inschrift an seinem Sterbehaus verweist in Paris auf ihn. In der Kirche Saint Roch liegen er und d'Holbach begraben. Das haben Bloms Nachforschungen ergeben. Doch der Pfarrer ist da anderer Meinung. "Sie liegen hier unten, in einer Grabkammer", zeigt Blom Pfarrer Philippe Desgens. "Das muss man erstmal beweisen", sagt der. "Man müsste Gen-Analysen machen, die Verwandten von Diderot ausfindig machen und von allen, von denen man denkt, dass sie da unten liegen. Das hat niemals jemand gemacht. Ich habe mich auch nie darum gekümmert."

Die Kirche lehnt Diderot ab
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Wenig mehr als eine Tafel erinnert heute an Diderot.
Kein Wunder, dass die Kirche das Erinnern an Diderot und d'Holbach nicht fördern will, denn die radikalen Aufklärer sahen in der Religion den Feind von Freiheit, Vernunft, Wahrheit, Lust und Ethik. Eine Gesellschaft, die sich aus der schuldbeladenen christlichen Moral ableitet, bedeutete für sie Versklavung. Mit Rousseau sind wir dem falschen Propheten der Aufklärung gefolgt - mit gravierenden Konsequenzen für die heutige Zeit. Vom Streit über die christlich-jüdischen Wurzeln Europas bis hin zur Debatte um Stammzellen - religiöse Vorstellungen entscheiden noch immer über unser Leben, die Gesellschaft orientiert sich an Jenseitsversprechen.

"Das Apokalyptische Denken, das wir alle von Hollywood-Filmen bis jetzt zur Berichterstattung über Fukushima gelernt haben, ist etwas, was auch sehr religiös konnotiert ist", so Blom. "Das letzte große Paradies war der perfekte Markt. Davor war das Paradies der Staat der Arbeiter und Bauern. Es gab immer eine paradiesische Lösung, ein apokalyptisches Ende. So funktioniert Geschichte einfach nicht. Es gibt nicht die große Apokalypse, die alles beenden wird." Keine Apokalypse, keine Erlösung: Eine Welt ohne Gott kennt keine Führer. Der Mensch ist allein auf sich gestellt. Das Unaushaltbare dieser Welt auszuhalten - dafür standen Diderot und d'Holbach. Ihr Denken hat nichts an Aktualität eingebüßt, denn aus unserer "selbstverschuldeten Unmündigkeit" haben wir uns noch lange nicht befreit.

Sendedaten
Kulturzeit: montags bis freitags,
um 19.20 Uhr
Buchtipp
© HanserLupePhilipp Blom
"Böse Philosophen: Ein Salon in Paris und das vergessene Erbe der Aufklärung"
Hanser 2011
ISBN-13: 978-3446236486
3sat-Themenwoche
Was am Ende zählt
Philosophische Themenwoche