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© dpa Lupe
Trügerische Idylle: Die Odenwaldschule war eine Missbrauchsschule.
Missbrauch mit System
Der "Sündenfall" Odenwaldschule
Hinter den Kulissen der Odenwaldschule liegen die Nerven blank: Die Schulleiterin krank, die Entschädigungen an die Opfer verschleppt - der Druck steigt täglich. Und dann ist da ja auch noch das Buch "Sündenfall" von Christian Füller.
Den Journalisten und Bildungsexperten Christian Füller haben die Missbrauchsfälle nicht losgelassen. Und er hat herausgefunden: Es waren keine bedauerlichen Einzelfälle. Es war ein "Sündenfall" - mit System. "Es gibt so etwas wie eine Verschwörung", sagt Füller. "Das heißt, mehrere Pädophile verabreden sich, um die Odenwaldschule zu übernehmen und dort die sehr leicht missbrauchsfähige Reformpädagogik auszunutzen, um sich sexuell zu befriedigen.". Derjenige, der laut Füller die anderen Pädophilen anwarb, ist im Zentrum der Schule zu finden: der ehemalige Schulleiter Gerold Becker. Schon früher, als Pfarrer, habe er sich an Jungen herangemacht, so Füller. "Täter" aber darf Becker nicht genannt werden: Er wurde nie rechtskräftig verurteilt. Seine Taten, für die er sich später halbherzig entschuldigte, sind längst verjährt.

Bei der Morgenkonferenz sprach er über anstehende Probleme - die wirklichen fielen unter den Tisch. Geradezu zynisch klingt es heute, wenn er seine Beziehung zur Reformpädagogik öffentlich erklärt. "Dass Erwachsene und Kinder hier wirklich ihr Leben teilen, genau das war es, was meiner Vorstellung, was Pädagogik betrifft, entsprach", erklärte Gerold Becker 1985. "Und deshalb bin ich mit großem Vergnügen hierher gekommen."

Tastende Annäherungsversuche
Was damals viele überzeugte, erscheint heute in einem anderen Licht, zum Beispiel die Internatsfamilie. Lehrer und Schüler wohnen zusammen in einem Haus - eigentlich die glückliche Heimat der Kinder. Lernen in Geborgenheit und lebensnahes Lernen sind reformpädagogische Ideen die bereits 1910, zur Gründerzeit der Odenwaldschule, eingeführt wurden, wie auch der erlebnispädagogische Ausflug. Es gibt enge Bezüge zu den Lehrern, Schüler sollen sich ohne Angst entfalten können. In Wirklichkeit haben sich bis heute mehr als 130 Opfer aus der "Ära Becker" gemeldet. Er und mindestens vier Lehrkräfte, so Füller, haben diese Instrumente systematisch für ihre Zwecke genutzt. "In der Odenwaldschule wurde dieser pädagogische Zweig, diese Idee wirklich missbraucht", sagt Christian Füller. "Das ist eine wunderbare Tarnkappe. Wenn ein Pädophiler seine tastenden Annäherungsversuche rechtfertigen will, muss er nur sagen: Ich bin ein Reformpädagoge."

Lupe
Tilman Jens: "Das werfe ich mir bis heute vor, ich habe nicht hingeguckt."
Wie das war als Schüler Anfang der 1970er Jahre war, das hat auch der heutige Journalist Tilman Jens erlebt. Er selbst wurde nicht missbraucht. Er schreibt ebenfalls an einem Buch über die Odenwaldschule. Eine Verschwörung von Pädophilen mag er zwar nicht bestätigen, doch ihn treibt um, dass er wie viele andere, damals nicht reagiert hat. "Das werfe ich mir bis heute vor, ich habe nicht hingeguckt", so Tilmann Jens. "Ich habe gewusst, dass Gerold Becker mit seinen Knaben duscht. Ich wusste auch, dass es da zu erotischen Situationen gekommen ist. Ich wusste nicht, wie weit das ging. Aber ich habe nicht nachgefasst."

"Hübsche Knaben" gezielt ausgesucht
Wie konnte das sein? Christian Füller findet heraus, dass die Gruppe Pädophiler um Becker sich ihre "hübschen Knaben" gezielt ausgesucht und in ihre "Familien" geholt hat. Und Becker beförderte die Aufnahme schwieriger Kinder über das Jugendamt, die besonders leicht zum Opfer wurden. "Ich habe einen Schüler ausfindig gemacht, der mir folgendes berichtet hat", sagt Füller. "Er war über drei Jahre hinweg gar nicht mehr im Unterricht. Er war bei Gerold Becker in der Familie. Das heißt, der war nur noch für einen Zweck an dieser Schule: nämlich sich bei Gerold Becker in der Familie aufzuhalten und dort auch für Gerold Becker gefügig zu sein."

Tilman Jens ergänzt: "Der verschwand einfach, der soff nur noch. Becker sagte, dem geht’s nicht gut. Ich kümmere mich persönlich um den. Klar, die Fragen bleiben. Und die Fragen bleiben auch, auf was für einer Schule war ich? Und ich bleibe dabei: Es war trotzdem eine grandiose Schule für mich. Mit dieser Ambivalenz muss ich leben." Dieser augenscheinlich sympathische Gerold Becker war nicht nur für Tilman Jens ein "ganz wunderbarer" Lehrer. Er bezieht sich dabei auf die Diskussionskultur, den viel beschworenen Geist der Schule. Wie ist es Gerold Becker gelungen, mehr als 20 Jahre hinweg nicht nur viele Schüler und Eltern, sondern auch den Großteil seines Kollegiums derart zu blenden? "Missbrauchssysteme sind immer komplex", erklärt Füller. "So wie man in einer Familie nicht fassen kann, dass eine Mutter über viele Jahre nicht merkt, dass der Mann die Tochter missbraucht. So ist das in der Institution auch in der Odenwaldschule. Und das System Becker war so, dass ein Teil der Leute das sicherlich gewusst hat, und zwar ein kleiner Teil der pädophilen und möglicherweise noch ein paar Mitwisser. Ein anderer Teil hat sicherlich nicht gewusst, oder hat das irgendwie geahnt, aber nicht glauben können."

Fundamentale Trümmer
Das System des inzwischen verstorbenen Schulleiters Gerold Becker wirkt bis in die Gegenwart, so Füller, denn die Pädagogen aus Beckers engstem Umfeld schweigen bis heute. Und die Odenwaldschule selbst? Sie wollte auf unsere Anfrage hin nicht Stellung nehmen zu Christian Füllers These, dass der Missbrauch systematisch geschah. "Wenn Sie nach wie vor die fundamentalen Trümmer des Systems Becker in Ihrer Schule herumstehen haben, und sie hinterfragen das nicht, sind nicht bereit, das zu diskutieren und sagen, das ist 35 Jahre her - dann können sie nicht glaubhaft eine neue Pädagogik vertreten", sagt Autor Christian Füller. Kann es so einen Neuanfang geben? Wie geht es weiter mit den fälligen Entschädigungszahlungen an die Opfer? Im Moment sieht es nicht gut aus - für den Ruf der Odenwaldschule.

Sendedaten
Kulturzeit: montags bis freitags,
um 19.20 Uhr
Buchtipp
LupeChristian Füller
"Sündenfall: Wie die Reformschule ihre Ideale missbrauchte"
Dumont 2011
ISBN-13: 978-3832196349