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Moderation
Video-Porträt
Cécile Schortmann
Bei Cécile Schortmann lässt gute Kunst alle Sinne vibrieren. Aber auch tolle Musik berührt unsere Moderato-
rin. Und wenn ihr der Beruf zu stressig wird, entspannt sie sich bei Yoga.
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© mev Lupe
Die tägliche Hektik der modernen Gesellschaft ermüdet laut Han die Menschen.
Höher, schneller, müder
Byung-Chul Han und die "Müdigkeitsgesellschaft"
Die moderne Informations- und Leistungsgesellschaft mit ihren endlosen Reizen und Möglichkeiten gilt vielen als fortschrittlich. Laut dem Philosophen Byung-Chul Han ist sie jedoch ein Rückschritt: Der ständige Versuch, alles zu wissen und zu können, sorgt für eine kollektive Ermüdung. In seinem Buch "Müdigkeitsgesellschaft" beschreibt er dieses Phänomen - und Wege, es zu lösen.
"Müdigkeitsgesellschaft" ist kein wohlfeiles Besserleben-Rezept, sondern ein philosophischer Essay. Byung-Chul Han, Professor für Philosophie und Medientheorie an der Hochschule für Gestaltung in Karlsruhe, stellt in seinem Werk eine radikale These auf: Jedes Zeitalter hat seine Leitkrankheiten. In der bakteriellen Epoche bis zum 21. Jahrhundert waren dies Infektionen - feindliche Bakterien oder Viren, die in den Körper eindringen und dort durch Antikörper und Medikamente abgewehrt werden. Für Han ist das ein Sinnbild für das Freund-Feind-Schema, das damals die gesamte Gesellschaft prägte: das Zeitalter der Immunologie.

Verweigerung als Lösungsweg
© Merve Lupe
Byung-Chul Han ist der Autor von "Müdigkeitsgesellschaft".
In der globalisierten Leistungsgesellschaft aber lauert der Feind im Innern. Han nennt es das neuronale Zeitalter, weil es unsere Nerven überfordert. Wir setzen uns selbst unter Druck, müssen alles können, dürfen nichts verpassen. Wir betreiben Selbstausbeutung, führen Krieg mit uns selbst. Die Folgen: Depression, Burn-Out und Nervenkrankheiten, gegen die es keine Immunabwehr gibt und die in den Infarkt münden. Hans Rezept gegen diese Erschöpfung heißt Verweigerung, "Nein" sagen. Han selbst macht es vor und lehnt ein Interview zum Thema ab. Das stresst.

Also heißt es fokussieren auf das allgegenwärtige Thema Sexmüdigkeit. Auch sie ist ein zeittypisches Symptom. Erschöpfung betäubt das Interesse am Gegenüber. Der Paartherapeut Klaus Heer hat seit 36 Jahren Einblick in die intimsten Geheimnisse unzähliger Paare. "Sexmüde sind wir, weil wir uns unter Sexualität etwas ganz Bestimmtes, etwas Leistungsmäßiges vorstellen", sagt er. "Wenn ich die Leute frage: 'Wie ist eure Sexualität, wie seid ihr zufrieden?', dann höre ich immer: 'Zu wenig.' Es kommt immer eine quantitative Aussage. Nach der Qualität fragt niemand. Die kann man nicht so gut ausdrücken. Wir sind es müde, unseren eigenen Ansprüchen, unseren eigenen Ideen gerecht werden zu müssen. Wir frustrieren uns selbst."

Multitasking als Rückschritt
Unlust als Reaktion auf den täglichen Leistungszwang. Das leuchtet ein, aber wie den Pflichten entfliehen? Die Kinder müssen schließlich versorgt, das Geld muss verdient werden. Han schreibt dazu: Alles können zu müssen, überfordert uns total. Was als Tugend unserer Zeit gefeiert wird, macht uns krank. "Die Zeit- und Aufmerksamkeitstechnik 'Multitasking' stellt keinen zivilisatorischen Fortschritt dar, [...] es handelt sich vielmehr um einen Regress", lautet eine Passage in seines Buches.

Paartherapeut Klaus Heer hat das Buch von Han gelesen und bestätigt ihn: Überflutung mit Reizen und Informationen töte die Intimität, sagt er. "Die Liebe lebt von der Stille, von der gemeinsamen Stille", so Heer. "Wenn das fehlt, dann hat sie keine Chance. Fruchtbar könnte sein, wenn wir unsere Müdigkeiten zusammenbringen und aus diesen beiden Müdigkeiten eine Wir-Müdigkeit machen. Nur beieinander sein. Dann würden wir nicht etwas anderes sein als wir sind. Wir dürften einfach müde sein. Und könnten uns mit unserer Müdigkeit umarmen."

Leicht gesagt: Wer holt dann die Kinder vom Turnen ab? Wie bleibt man fit, damit man nicht unter den Anforderungen zusammenbricht? Wie die Ruhe finden, um nachzudenken? Byung-Chul Han fordert einen Wandel der Gesellschaft. Der Müdigkeit der Erschöpften setzt er eine glückversprechende, zweckfreie "Wir-Müdigkeit" entgegen. Man zelebriert sie durch Kontemplation und "Sonntage", an denen man nichts tun muss und weiß, was man sein lassen kann. "Heilig ist also nicht der Tag des 'um zu', sondern der Tag des 'nicht zu' [...]. Er ist der Tag der Müdigkeit", heißt es bei Han.

Sendedaten
Kulturzeit: montags bis freitags,
um 19.20 Uhr
Buchtipp
© Matthes & SeitzLupeByung-Chul Han
"Müdigkeitsgesellschaft"
Matthes & Seitz 2010
ISBN-13: 978-3882216165